Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Beziehungsweise

Wenn Blut dünner als Wasser ist

07.01.2019 13:28 - Victoria Göres

Blut ist dicker als Wasser, das hört man immer wieder. Ich halte das für ziemlichen Müll und sage das auch offen. Dann werden Moralpredigten gehalten, dass ich mich nur anstellen würde. Immerhin sei  das ja meine Familie, die müsse ich ja mögen und mich mit ihr verstehen. Insbesondere meine Zwillingsschwester, wir müssten doch ein Herz und eine Seele sein. Schön wärs.

Ich habe meine Schwester letztens angeschrien. Also so richtig. Ich stand danach am Tisch im Esszimmer, zitterte vor Wut und wurde mit einer Mischung aus Entsetzen und Verwirrung angestarrt.

„Ganz ehrlich: Scheiß auf unsere Gene. Ich geb‘ einen Fick darauf, dass wir verwandt sind – du behandelst mich nämlich scheiße!“ Ich glaube nicht, dass ich diese Worte jemals vergessen können werde. Nachdem ich das gesagt hatte, war sie still und ich bin wortlos in mein altes Zimmer gegangen und habe die Tür hinter mir zugeknallt. Nicht gerade eine meiner Sternstunden oder das reifste Verhalten, das ich je an den Tag gelegt habe, das weiß ich selber.

Sie beleidigte mich, weil ich eben einfach anders bin als sie.

Aber es tat gut und war lange überfällig. Weil es einfach ein Befreiungsschlag war, weil sich so viel Wut und Frust angestaut hatten.

„Aber ich bin doch deine Schwester!“

Das war der Satz, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Klingt erstmal ziemlich harmlos, oder? Der Satz fiel, nachdem ich ihr irgendeinen unwichtigen Gefallen verwehrte – ich weiß gar nicht mehr, worum es ging. Wieso ich wegen dieser Aussage so wütend geworden bin? Keine zwei Minuten zuvor hatte mein Zwilling mich mal wieder als „dumm“ oder „gestört“ bezeichnet und beleidigte mich, weil ich eben einfach anders bin als sie.

Und ihre Verwandtschaft, der „schwesterliche Zusammenhalt“, der ja zwischen uns herrschen müsste... Der war mal wieder ihr Totschlagargument, das sie immer dann nutzt, wenn sie genau weiß, dass sie Scheiße gebaut hat, aber trotzdem ihren Willen durchsetzen will. Dann spielt sie die Geschwister-Karte als letzten Trumpf, obwohl sie all die hohen familiären Ideale eben selbst noch ignoriert hat. Doppelmoral, wie sie in Familien häufig vorkommt.

Tut mir leid, aber ich bin nicht gewillt, nett zu dir zu sein oder dir zu helfen, wenn du mich schlecht behandelst. Oder würdest du etwa jemandem Geld leihen, nachdem diese Person dir ins Gesicht geschlagen hat? Nein, denn so funktioniert die Welt einfach nicht.

Vielleicht hätte ich das ganze sachlicher oder netter formulieren können oder sie stattdessen einfach sehr bestimmt auf ihre Intoleranz dem Anderen gegenüber hinweisen sollen. Vielleicht hätte ich einfach wie so oft das ganze schlucken und einfach nichts sagen sollen. Aber vielleicht war so ein Wutausbruch auch einfach mal bitter nötig.

„Nein!“ – Auch zur Familie

Doch wer kennt das nicht? Jede*r, dem schon mal mit der Begründung „Aber das ist doch dein*e Wieauchimmer-Verwandte*r“ auf einem Familientreffen eine unangenehme Umarmung und ein viel zu speichelhaltiger Knutscher aufgezwungen wurde, wird das nachvollziehen können. Wer wollte da nicht schon mal lautstark „NEIN!!!“ brüllen, um dem zu entgehen? Ja, schön und gut, dass man verwandt ist, dass das Erbgut sich ähnelt.  Aber wenn es danach geht, dann müsste man jeden Schimpansen als Cousin betrachten, da rund 99 Prozent der Gene bei Mensch und Schimpanse gleich sind.

Verwandtschaft ist keine Wildcard dafür, dass man sich alles erlauben oder munter Grenzen verletzen kann. Nur weil man verwandt ist, hat man nicht automatisch das Recht, jemanden zu beleidigen oder noch Schlimmeres anzutun.Du willst, dass wir uns verstehen und dass ich dir auch mal einen Gefallen tue? Dann behandle mich doch nett oder wenigstens mit dem grundlegenden Respekt, mit dem man andere Menschen generell behandeln sollte. Und wenn du das tust, dann brauchst du auch kein völlig invalides Verwandtschaftsargument, um mich zu überzeugen, dir zu helfen.

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