Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Beziehungsweise

Was unsere Eltern von uns lernen können

14.12.2020 11:43 - Jacqueline Brinkwirth

Aus Kindern werden irgendwann unabhängige Menschen, die eigene Entscheidungen treffen und ein selbstverantwortliches Leben führen. Diese Entwicklung ist wichtig und richtig, denn damit verbunden ist meist auch die Emanzipation vom Elternhaus. Während für junge Menschen die Freiheit winkt, müssen sich die ehemals Erziehungsberechtigten häufig folgende Frage stellen: Wie gehe ich damit um, dass mein Kind nun einen eigenen Weg geht?

Der Beginn des Studiums, die erste eigene Wohnung, vielleicht sogar der Umzug in eine fremde Stadt – das alles sind Meilensteine, die wir jungen Wilden auf dem Weg ins „ernste Erwachsenenleben“ hinter uns lassen. Vielen fällt der Abschied vom Elternhaus nicht schwer, ganz im Gegenteil.

Die Luft jenseits des heimatlichen Balkons verspricht Freiheit, Individualität und jede Menge Spaß. Doch je enger die Verbindung zu den Erziehungsberechtigten war oder ist, desto komplizierter kann so ein Abschied mitunter werden. Die ersten Schritte in die Selbständigkeit können Unsicherheiten heraufbeschwören, die bis dahin unbekannt waren.

Wir müssen Probleme erstmal alleine meistern, Ärzt:innentermine selbst machen, eine Hausratsversicherung abschließen. Bis man das Erwachsensein durchgespielt hat, warten also noch einige Hürden auf uns. Genauso gut kann die Emanzipation von Zuhause aber auch befreiend wirken und den Anstoß für wichtige charakterliche Entwicklungen geben. Wir können auf einmal ausgefallene Gerichte kochen, ohne Papa nach Hilfe fragen zu müssen. Wir können den Reifen unseres Fahrrads selbständig flicken und wir halten unsere Zimmerpflanzen schon mehr als einen Monat am Leben (manchmal zumindest). Jung zu sein hat klar den Vorteil, dass sich das Leben ohnehin noch nicht in festgefahrenen Bahnen abspielt, sondern formbar ist und sich deshalb möglichen Veränderungen ziemlich gut anpassen kann. 

Loslassen müssen 

Dabei können wir schon einmal aus dem Blick verlieren, wie sich unsere Eltern mit der neuen Situation fühlen: Freund:innen gewinnen an Bedeutung und bilden ein neues vertrautes Umfeld, Partner:innen treten ins Bild, Charaktere entwickeln sich weiter.

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Loszulassen kann schwerfallen [Foto: pixabay]

 

Und nun? Einige Erziehende sind auf diesen Moment gut vorbereitet und genießen es, weniger Verantwortung übernehmen zu müssen. Andere erfüllt der Abschied mit Angst: Was, wenn meine Zöglinge eine Bruchlandung machen? Was, wenn sie nicht gut genug auf das Leben außerhalb der heimatlichen vier Wände vorbereitet sind? An diesem Punkt wird klar, dass wir Kinder uns nicht nur von unseren Eltern emanzipieren, sondern unsere Eltern erst einmal lernen müssen, uns loszulassen. Auf einmal sind sie nicht mehr mitten im Spielgeschehen, sondern haben einen neuen Platz auf der Zuschauertribüne. Doch egal, wie fremd sich diese Situation auch anfühlen mag, sie bietet auch die Chance, dazuzulernen.

Denn nun stehen wir, die Kinder, in der Trainerbox und können Konfliktstrategien vorschlagen, Kochtipps geben, den neuen WLAN-Router einrichten, mentale Unterstützung sein oder festgefahrene Denkmuster und Vorurteile auseinandernehmen. Wir haben die Chance, unsere Eltern zu cooleren und gelasseneren Menschen zu erziehen, ihnen zu zeigen, wie woke sie sein können und ein Verständnis auf Augenhöhe aufbauen. Das ist nicht immer einfach, es entstehen Konflikte und Gräben, die erst einmal überwunden werden müssen – gemeinsam. Natürlich kostet das alles Zeit und Geduld und die Motivation, an der Beziehung zu unseren Vätern und Müttern zu arbeiten. Aus meiner Sicht ist diese Mühe jedoch gut investiert. Denn mit ein bisschen Fingerspitzengefühl können aus Eltern irgendwann lebenslange Verbündete werden. Für mich ist das ein schöner Gedanke. 

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