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GESELLSCHAFT

„Was sollen denn da die Nachbarn denken?“

Kinder von Akademiker:innen zieht es öfter an die Uni.
[Foto: Julia Segantini]
​​​​​​​15.03.2021 12:21 - Julia Segantini

Mehr als einmal im Leben fühlte sich Sarah als Exotin. Der Grund: Sie hat sich für eine Promotion entschieden. Einen Doktortitel schaffen nur wenige, die wie sie aus Nichtakademikerfamilien kommen. Wie Sarahs Familie auf ihre Karriere reagierte und vor welchen Hürden sie in ihrer Laufband stand, hat sie der akduell verraten. 

„Für meine Eltern war das das dicke Ding, unsere Tochter macht Abitur und studiert!“, erinnert sich Sarah. Sie hat an der Goethe-Universität Frankfurt am Institut für Kulturwissenschaften promoviert. Geforscht hat sie zum Thema feministische Kunst im öffentlichen Raum. Die Promotion konnte sie sich nur leisten, weil sie von der Friedrich-Ebert-Stiftung gefördert wurde. Damit ist Sarah eine der wenigen Promovierten aus einer Arbeiterfamilie. Von 100 Kindern aus Nicht-Akademiker-Haushalten studieren 21, 15 machen einen Bachelor-Abschluss und eine:r erlangt einen Doktortitel. Das besagte der Hochschul-Bildungs-Report 2017. Dem gegenüber stehen 74 von 100 Kindern aus Akademikerfamilien, die an die Uni gehen. 63 davon schaffen den Bachelor, 45 hängen einen Master an, zehn promovieren. Die Studie befasst sich unter anderem damit, wie enorm stark die Bildungschancen in Deutschland von der sozialen Herkunft abhängen. Verantwortlich sind verschiedene finanzielle und psychologische Barrieren.

In ihrer Kernfamilie ist Sarah die erste, die das Abitur schafft. Ihr Vater hatte keine Möglichkeit, Bildungschancen wahrzunehmen: „Eine hochintelligente Person, die allerdings aufgrund der Klassenzugehörigkeit und der Borniertheit der Großeltern nicht aufs Gymnasium gehen konnte“, erzählt Sarah. Ihre Großeltern konnten sich das Schulgeld für das Gymnasium nicht leisten, ein Stipendium lehnten sie ab. Die Begründung: „Was sollen denn da die Nachbarn denken?“ Dass die soziale Herkunft häufig an die Folgegeneration vererbt wird, ist lange bekannt. Das zeigte zuletzt der Datenreport des statistischen Bundesamten 2018

Bildungsaufstieg mit Hindernissen

Aber Sarah schafft den Bildungsaufstieg trotz der Widrigkeiten. Sie erhält ihren Abschluss an der Hauptschule und arbeitet sich bis zum Abitur hoch. Auch ihre Universitätslaufbahn ist wenig geradlinig: Sie bricht drei Studiengänge ab, bevor sie Kunst auf Lehramt für sich entdeckt. Ihr Schwerpunkt, materielle Kultur, begleitet sie bis zur Promotion. Während des Studiums unterstützen sie ihre Eltern, „was für sie nicht einfach war. Sie haben mich vor allem ideell unterstützt“, meint Sarah. Sie finanziert ihr Studium vor allem durch verschiedene Nebenjobs. Ihr Promotions-Stipendium von der Friedrich-Ebert-Stiftung ist deshalb eine große Erleichterung. „Letztendlich habe ich den akademischen Traum meines Vaters durchgezogen“, sagt sie.

Mit dem Rest der Familie hat die Dozentin für Fashion und Gender Studies an der Linzer Kunstuniversität weniger Glück. „Meine Großmutter hat mich wirklich gemobbt. Ich würde sie und diesen Teil der Familie nicht nur als bildungsfern, sondern als bildungsfeindlich bezeichnen. Die denken, ich halte mich für etwas Besseres.“ Sarah kommt aus einer ländlich geprägten Gegend in Rheinland-Pfalz. Wer wie ihre Großeltern diesen Landstrich noch nie verlassen hat, zeige sehr beschränkte Ansichten von Lebensrealitäten und Selbstverwirklichung, vermutet sie. 

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Kinder aus Nichtakademikerfamilien sind noch immer benachteiligt. [Symbolfoto: pixabay]
 

Als Exot:in fühlen sich viele Promovierende aus Arbeiterfamilien. Nicht nur in der eigenen Familie, sondern auch im akademischen Kontext. Situationen, in denen man sich als Promovierende:r aus einer Arbeiterfamilie nicht zugehörig fühlt, kennt Sarah aber eher von anderen als von sich selbst. Sie führt das auf ihre Fachrichtung zurück. „Kunst, Gender, Diversity, das ist ein Feld, wo die Leute bunt gemischt sind. Wäre ich in der Germanistik geblieben, wäre das vielleicht anders gewesen.“ 

Der richtige Habitus

Trotzdem bleiben der Dozentin die Klassenunterschiede nicht verborgen. „Es ist nicht selbstverständlich, dass die Eltern einem eine Summer-School in was-weiß-ich-wo bezahlen, wo schon der Flugpreis jenseits meiner Vorstellungskraft liegt“, betont sie. Viele Wissenszugänge würden teilweise verborgen bleiben, weil sie nicht Teil der Sozialisation sind. „Ich hatte es schwerer als andere, ich musste mir viel mehr selbst aneignen. Ich habe zum Beispiel erst ganz spät im Studium gemerkt, dass ich mich für ein Stipendium bewerben kann“, meint sie. 

Privilegierte Studierende und Promovierende hätten einen bestimmten Habitus, der ihr fehle. Den Unterschied beschreibt sie so: „Ich habe von meiner Mutter gelernt, dass ich dankbar sein muss, so weit gekommen zu sein und mich zufrieden geben soll. Gleichzeitig habe ich oft Momente der Unsicherheit, die Menschen, die den Bildungsaufstieg nicht machen mussten, weniger haben.“ Wie hätte die 15-jährige Sarah reagiert, wenn wenn man ihr am Tag des Hauptschulabschlusses gesagt hätte, dass sie mal einen Doktortitel tragen würde? „Ich hätte gelacht. Das hätte ich mir absolut nicht vorstellen können“, sagt Sarah rückblickend und lacht. 

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