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GESELLSCHAFT

Wann es wichtig ist, Dinge nicht zu Ende zu bringen

Karla* studiert Medizin auf den Wunsch ihrer Eltern.
Sie selbst hat mittlerweile ganz andere Träume. [Foto: pixabay]
21.05.2021 10:03 - Mona Belinskiy

Dinge anfangen und nicht zu Ende bringen – scheinbar ein allgegenwärtiges Problem. Das Internet ist voll von Ratgebern zu diesem Thema. Manchmal geht es dabei allerdings um große Dinge, um Ziele und Entscheidungen, die ein Leben nachhaltig beeinflussen können. Karla* verfolgt mit ihrem Studium ein Ziel, das nicht ihr eigenes ist. Doch den Mut, es abzubrechen, kann sie nicht aufbringen. Denn noch zu oft wird Aufgeben als Schwäche angesehen, obwohl es in manchen Momenten so sinnvoll sein könnte.  

Karla studiert Medizin. “Ein guter Schulabschluss war meiner Familie sehr wichtig,” sagt sie, aber das Lernen sei ihr schon immer leicht gefallen. Sie habe zwar gemerkt, dass ihre Eltern mehr Wert auf gute Zensuren legten als andere, doch dieser Leistungsdruck habe sie nicht stark beeinflusst. Erst als das Thema Studium näher rückte, spürte Karla, dass sich etwas änderte: „Bei einem Abendessen habe ich angemerkt, dass ich vorhabe, mich auch auf Medieninformatik zu bewerben. Ich wollte mich einfach auf unterschiedliche Plätze bewerben und dann schauen, was mir am meisten zusagt.“ Kurz danach, erzählt Karla, haben ihre Eltern ihr deutlich zu verstehen gegeben, dass sich ihr beruflicher Weg nur in eine Richtung entwickeln werde. „Ja, ein Medizinstudium stand schon immer im Raum, aber ich dachte, das sei mehr eine Option als eine verpflichtende Entscheidung.” Heute ist sie im dritten Semester und der Leistungsdruck lastet stark auf ihren Schultern. 

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Verfolgt man ein Ziel, welches gar nicht mehr dem eigenen Wunsch entspricht, fehlen schnell Antrieb und Motivation. [Foto: pixabay] 

Nach dem besagten Abend suchte Karla noch einige Male das Gespräch mit ihren Eltern. „Ich wollte meine Eltern ja nicht enttäuschen. Außerdem hatte ich auch selbst schon oft über ein Medizinstudium nachgedacht, also war das am Ende die einfachste Option.“ Doch zu begreifen, dass sich das eigene Ziel verändert oder man aus manchen Träumen herausgewachsen ist, ist eine sehr wertvolle Erkenntnis. Heute weiß Karla, dass das Studium nicht das ist, was sie will: „Meine Freunde sagen, ich soll das jetzt einfach durchziehen. Aber es ist schwer, etwas zu Ende zu bringen, woran man selbst nicht mehr glaubt,“ gesteht sie. Das auch ihren Eltern mitzuteilen, traut Karla sich nicht, zu groß ist die Angst, als schwach angesehen zu werden. Denn aufzugeben oder Dinge ruhen zu lassen, kommt leider noch für viel zu viele Menschen einem persönlichen Versagen gleich. Damit steckt Karla wertvolle Lebensenergie in ein Ziel, was nicht ihr eigenes ist. Dass sie das auf Dauer nicht glücklich machen wird, ist eine logische Konsequenz. 

Das Scheitern sichtbarer machen 

Prozesse des Suchens und Scheiterns sind Teil des Lebens. Als freischaffende Künstlerin gelangte Marie-Lena Kaiser in ihrer Karriere immer mal wieder an Punkte, an denen es nicht lief wie geplant. Als die Essener Tänzerin und Choreographin vor einigen Jahren ihre erste große Recherche zum Thema Diversität in Mosambik startete, war aber an Aufgeben noch nicht zu denken. „Ich hatte mein Studium abgeschlossen und meine erste erfolgreiche abendfüllende Arbeit gemacht. Daraufhin bekam ich ein großes Stipendium und dachte‚ das läuft jetzt alles schon,“ erzählt sie lachend. Heute weiß sie es besser. Schnell spürte sie die Bedeutsamkeit und Schwere des Themas. Die Angst, der Sache nicht gewachsen zu sein, überwältigte sie: „Ich bin daran auseinandergefallen. Also habe ich die Recherche erst einmal ruhen lassen und wusste, dass ich noch einmal von Null anfangen musste.“ Dieser Schritt sei zwar nicht leicht, aber bedeutsam gewesen. „Gerade als Künstler:in gerät man schnell in eine Art Arbeitsrhythmus, der von äußeren Rahmenbedingungen bestimmt ist. Doch seinen eigenen Rhythmus zu finden und diesem treu zu bleiben, ist sehr wichtig. Und das funktioniert eben nur, wenn man immer wieder alles in Frage stellt,“ erklärt sie. 

Kaiser macht sich in ihrer Szene dafür stark, Prozesse des Misslingens sichtbarer zu machen: „Ich habe in meinem Leben schon mit vielen Künstler:innen gesprochen, aber am interessantesten wurde es immer, wenn Menschen etwas nicht geschafft haben oder gescheitert sind.“ Die Choreographin will herausfinden, wie man solche Prozesse festhalten kann: „Es ist wichtig, zu erzählen, wie sich das anfühlt, Dinge nicht zu beenden. Dass man daraus auch wertvolle Erkenntnisse gewinnen kann.“ Natürlich sollte immer die Intention hinter dem Wunsch etwas aufgeben zu wollen überprüft werden, die eigene Motivation zu hinterfragen, kann dabei helfen. Etwas nicht zu Ende zu bringen, kann dann viel Mut und Energie kosten. Doch an Fällen wie Karlas wird deutlich, wie wichtig es ist, das Aufgeben in unserer Gesellschaft zu normalisieren. 


*Name von der Redaktion geändert. 
 

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