Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Beziehungsweise

Von der überbewerteten Nettigkeit

19.08.2019 11:33 - Lena Janßen

Warum wird freundlich sein oftmals mit flirten verwechselt? Ist es doch durchaus möglich nett zu sein, ohne ein sexuelles Interesse am Gegenüber ausdrücken zu wollen. Unsere Redakteurin hat genau so eine Situationen erlebt.

An einem Wochenende im Winter entschieden eine Freundin und ich spontan auf eine Party zu gehen. Dort angekommen stand ich an der Bar, um uns das erste Bier des Abends zu besorgen. Wenige Augenblicke später berührte eine Hand meinen Ellbogen. Im Glauben, meine Freundin stünde hinter mir, drehte ich mich um und lächelte. Doch hinter mir stand ein Kerl, der sich leise für die versehentliche Berührung entschuldigte und neben mir auf einem Hocker Platz nahm. Ich lächelte ihm erneut zu und drehte mich zurück zum Barpersonal.
Nachdem ich zwei Bier ergattert hatte und zu meiner Freundin zurückgekehrt war, dauerte es nicht lange, bis der besagte Mann zu unserem Tisch kam und mich ansprach: „Hey, du hast mich eben so schön angelächelt und da habe ich mich gefragt, ob ich dich wohl auf ein Bier einladen dürfte?“ Nett wie ich bin, nahm ich das Angebot an. Wir tranken und unterhielten uns kurz. Ich war höflich und nett, doch wollte danach wieder zu dem gemeinsamen Abend mit meiner Freundin zurückkehren. Aber der Typ von der Bar hatte Durchhaltevermögen: „Ich würde gerne deine Nummer haben und dich wiedersehen.“

„Ich hab dir doch offensichtlich auch gefallen.“

An dieser Stelle musste meine Freundlichkeit allerdings weichen und ich verneinte. „Das verstehe ich jetzt nicht, ich hab’ dir doch offensichtlich auch gefallen“, äußerte er empört. Ich erklärte ihm kurz, dass ich höflich sein wollte und gern nette Gespräche führe, für mich aber nicht automatisch wegen einer angenehmen Unterhaltung mehr Interesse bestünde.

Beleidigt zog er ab, würdigte mich über den Abend keines Blickes mehr und ich stellte mir unterdessen die Frage: Warum wird Nettigkeit häufig mit einem Flirt verwechselt? Wenn mir Freundlichkeit entgegengebracht wird, die ich – noch – als nicht unangenehm empfinde, dann ist mir ein emphatischer und respektvoller Umgang mit meinem Gegenüber immer wichtig. Und da mache ich keinen Unterschied im Geschlecht. Allerdings fällt mir auf, dass Männer häufiger eine nette Geste als Flirt fehlinterpretieren und auf eine Absage unfreundlich reagieren.
Für mich liegt das Problem im gesellschaftlichen Rollenbild der Frau. Wir werden in unseren Äußerungen nicht ernst genommen, gelten oftmals direkt als „süß“ und „zu nett“. Durch solche Aussagen von Männern über Frauen, sprechen Männer uns die Kompetenz ab, eine ernste Entscheidung zu treffen und die auch zu meinen. Also weg mit diesem Stereotyp, denn ich darf freundlich sein und ernst genommen werden!
 

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