Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

US-Wahlkampf 2020: Interview mit Florian Philipp Ott

Der Kampf um das Weiße Haus endet am 3. November. (Foto: pixabay)
20.10.2020 12:05 - Canberk Köktürk

Am 3. November findet der abschließende Urnengang für die US-Wahlen statt. Der Wahlkampf zwischen Donald Trump und Joe Biden ist im vollen Gange. Florian Philipp Ott, Experte für Wahlkampfforschung und Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen (UDE), hat mit der ak[due]ll den bisher ereignisreichen US-Wahlkampf ausgewertet.
 
ak[due]ll: Von Black Lives Matter, über die Veröffentlichung von Steuererklärungen, bis hin zu der Covid-19 Infektion von Donald Trump – Wie schätzen Sie den Wahlkampf zwischen Joe Biden und dem amtierenden US-Präsidenten ein?
 
Florian Philipp Ott: Es ist ein außergewöhnlicher Wahlkampf in außergewöhnlichen Zeiten. Gleichzeitig ist die Umfragelage fast zementiert. In jedem anderen Wahlkampf wären Trumps Umgang mit Corona, seine Covid-Infektion, die anhaltenden Proteste und auch die Nachricht, dass er 2016 nur 750 Dollar Einkommensteuer gezahlt haben soll, Ereignisse disruptiven Charakters. Ereignisse also, die für einige Zeit die politische Debatte bestimmt und die öffentliche Meinung beeinflusst hätten. Nicht so jedoch 2020. Selbst hoch kontroverse Themen verschwinden so schnell wieder aus der Debatte, wie sie dort hineingeraten sind. Das ist sehr ungewöhnlich und ein Ausdruck dafür, wie diametral sich die parteipolitischen Lager gegenüberstehen.

ak[due]llWas wurde in Joe Bidens Kampagne bisher richtig gemacht?
 
Ott: Er hat bislang keine groben Fehler gemacht. Das klingt negativer, als es gemeint ist. Denn Joe Biden kandidiert gegen einen hoch umstrittenen, polarisierenden und impulsiv agierenden Präsidenten, der demokratische Gepflogenheiten nicht mehr respektiert; etwa dass man bei der Wahrheit bleibt, sich aussprechen lässt oder das Wählervotum akzeptiert. Im Fokus der Biden-Kampagne steht die Mobilisierung der politischen Mitte gegen dieses Regierungsverhalten, um nicht Regierungsstil sagen zu müssen. Damit Biden das glaubhaft verkörpern und als moderate Integrationsfigur fungieren kann, darf er sich keine Fehltritte leisten. Das unterscheidet seine von Trumps Ausgangssituation. Denn während man Fehlverhalten vom Präsidenten fast schon erwartet, ist es Bidens zentrale Botschaft, persönlich integer zu sein. 

Wahlkampf OTT.jpg
Florian Philipp Ott (Foto: privat)


 
ak[due]ll: Auf welche Wahlkampf-Strategien setzen die jeweiligen Kampagnen?
 
Ott: Sehr unterschiedlich. Trump setzt auf größtmögliche Polarisierung. Durch das Heraufbeschwören angeblicher Bedrohungen, die er mit falschen Fakten und Vorurteilen anreichert, versucht er seine Anhänger zu mobilisieren. Hinzu kommt die Verunglimpfung der politischen Entscheidungsträger. Runtergebrochen lautet seine Botschaft: Die Gefahr ist groß, die anderen tun nichts für euch und nur ich kann die Bedrohung noch abwenden. Er zielt damit auf überzeugte Republikaner und Wähler rechts davon, bis weit hinein in radikale Kreise. Biden probiert das Gegenteil. Er inszeniert sich als moderater und erfahrener Verantwortungspolitiker. Eine allzu klare Positionierung, oder gar Polarisierung, versucht er peinlichst zu vermeiden. Dadurch will er Demokraten, Unabhängige und auch unzufriedene Republikaner der Mitte für sich gewinnen. 
 
ak[due]ll: Donald Trump behauptet, er würde eine Niederlage nicht akzeptieren. Könnte man das auch einer Wahlkampfstrategie zuordnen?
 
Ott: Solche Aussagen dienen der Polarisierung und Mobilisierung. Sie polarisieren, indem sie das überparteiliche Vertrauen in Funktionsweise und Funktionsfähigkeit der demokratischen Institutionen angreifen. Sie mobilisieren, indem sie Trumps Anhängern suggerieren, dass die Gefahr einer Wahlmanipulation bestünde, die nur noch durch den eigenen Urnengang vermieden werden könne. Die reale Gefahr, dass Trump sich nach einer Wahlniederlage erfolgreich weigern kann, das Weiße Haus zu räumen, halte ich allerdings für gering. Auch wenn er es am 20. Januar 2021 versuchen sollte, wird es zu einer Amtsübergabe kommen. Notfalls auch gegen seinen Willen. Die amerikanische Demokratie ist in dieser Frage sehr gefestigt.
 
ak[due]ll: Seit Obamas Wahlkampf 2008 ist Politik ein stetiger Begleiter in den sozialen Medien. Trumps Wahlkampf von 2016 hat vom sogenannten „Big Data“ und „Microtargeting“ profitiert. Wie hat sich der Wahlkampf seitdem verändert?
 
Ott: Inwieweit sich der Wahlkampf 2020 von 2016 unterscheidet, wird man erst nachträglich beurteilen können. Entscheidende Wahlkampfwochen liegen ja noch vor uns. Doch wenn der Online-Wahlkampf 2016 durch Big Data, Microtargeting und gezielte Falschmeldungen geprägt war, dann scheint das Pendel 2020 zumindest etwas zurück zu schwingen. Denn inzwischen gehen Twitter und Facebook immer klarer gegen Falschmeldungen vor, versprechen mehr Transparenz und erlassen strengere Regeln im Zusammenhang mit politischer Werbung. Wie sich das am Ende auswirkt, bleibt abzuwarten. Auch 2016 wurde vieles ja erst im Nachhinein bekannt.
 
ak[due]ll: Populismus und Verschwörungstheorien sind weltweit im Trend. Kann man mit Inhalten überhaupt noch eine Wahl gewinnen?
 
Ott: Populismus und Verschwörungstheorien sind unterschiedliche Dinge, die nicht unbedingt miteinander zu tun haben. Gerade die Bedeutung von Verschwörungstheorien sollte man nicht überbewerten. Mit ihnen lässt sich nur in seltenen Fällen eine breite Masse erreichen. Gefährlich sind sie eher im Hinblick auf das Abrutschen Einzelner in den politischen Extremismus, nicht jedoch für den Ausgang allgemeiner Wahlen. Im Gegensatz dazu ist der Umgang mit populistischen Wahlkampfstrategien schwieriger. Doch auch im Wettstreit mit Populisten kann man bestehen. Empfehlenswert sind dabei die klare Abgrenzung und das deutliche Benennen von populistischen Argumentationen, das Erklären von Sinn und Ablauf demokratischer Prozesse, sowie das engagierte Eintreten für die eigene Position, ohne dabei Stil und demokratischen Anstand zu verlieren. Wer sich im Wahlkampf gegen Populisten durchsetzen möchte, darf sich nicht auf ihre Taktiken und Provokationen einlassen, sondern sollte es eher mit Michelle Obama halten: „When they go low, we go high.“
 
ak[due]ll: Wollen Sie einen Tipp abgeben? Wer wird die Wahl gewinnen?
 
Ott: Die Wahl ist in drei Wochen. Da kann immer etwas Unerwartetes passieren. Die stabile Umfragelage und die Führung der demokratischen Partei in vielen der wahlentscheidenden Swing States sprechen jedoch dafür, dass Biden das Rennen machen wird. Auch wenn die Ausgangslage für Hillary Clinton 2016 ähnlich war und sie am Ende trotzdem verlor, greift der Vergleich mit dem letzten Wahlkampf zu kurz. Denn es gibt zwei entscheidende Unterschiede: Erstens ist heute jedem Demokraten klar, dass ein Präsident Trump eine realistische Option ist und es deshalb auf jede Stimme ankommen wird. Zweitens wissen die Amerikaner nun sehr genau, wie dieser Präsident agiert und regiert. Beides dürfte zu einer höheren Mobilisierung der demokratischen Anhängerschaft beitragen. Nicht unbedingt aus Begeisterung für Joe Biden, aber aus staatsbürgerlicher Verantwortung.

Faszination American Football?

Die American-Football-Saison hat wieder angefangen! Unser Redakteur Canberk Köktürk fasst in seinem Kommentar zusammen, dass die Sportart noch einiges verändern muss.
 

Warum Deutsche nicht schuld sein wollen

Samuel Salzborn erklärt, warum viele Deutsche noch immer nichts mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu tun haben wollen.
 

Kein Freispruch für Betroffene von Polizeigewalt

Das Dortmunder Amtsgericht gab dem Polizisten Recht, der eine Schwangere schlug und bedrohte. Sie musste nun selbst vor Gericht.
 
Konversation wird geladen