Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

„Und so verliebte ich mich in sie”

Heimliche Treffen am Feldweg. [Foto: Lena Janßen]
13.12.2021 11:08 - Lena Janßen

Nach dem Tod meines Großvaters fand meine Mutter in seinen Unterlagen ein handschriftlich verfasstes Dokument: Mein Opa hatte über Jahre hinweg seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Ein besonders schöner Abschnitt darin ist seine Erinnerung daran, wie er meine Großmutter kennenlernte.

Eine Kolumne von Lena Janßen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lebten meine Großeltern beide in Mönchengladbach. Mein Opa wuchs als jüngster Sohn zwischen acht Geschwistern auf, meine Oma lebte bei ihren Tanten auf einem Bauernhof. Als sie sich zum ersten Mal begegneten, war mein Großvater 20 und meine Großmutter 17 Jahre alt. 

In seinen Memoiren schreibt mein Opa, dass er meine Oma zum ersten Mal in einem Kino sah. Erstmals nach Beendigung des Krieges war es wieder möglich auszugehen und in einem kleinen Kino in der Stadt lief ein Schwarz-Weiß-Film. Als meine Oma den Saal betrat und wenige Reihen vor meinem Opa Platz nahm, bemerkte er sie sofort. „Während der Film lief, schaute ich immer wieder zu ihr herüber”, schreibt er. 

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Als der Film zu Ende war und die Menschen langsam den Saal verließen, fasste sich mein Großvater ein Herz. Er sprach sie an und fragte, ob er sie nach Hause begleiten dürfe. Meine Großmutter willigte ein. Nach diesem Abend verabredeten sich die beiden täglich. Doch ihre Treffen mussten heimlich bleiben, denn die strengen Tanten meiner Großmutter hätten keine Beziehung zu einem 20-jährigen Mann erlaubt.

Meine Oma machte eine Lehre zur Näherin und fuhr jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit. Ein Stück der Strecke führte sie dabei über Feldwege. Dort wartete mein Großvater auf sie. Ein heimliches Treffen beschreibt er in seinen Erinnerungen genauer: Meine Großmutter trug ein schlichtes rotes Kleid mit einem weißen Rollkragenpullover darunter. Sie hatte schwarze Riemchenschuhe an und trug dazu hohe weiße Socken, die jeweils zwei weiße Bommel an den Seiten hatten. Er sah sie auf dem Fahrrad auf sich zu fahren und sie lachte ihn an. In seiner Geschichte schreibt er: „Und so verliebte ich mich in sie.” 

Irgendwann packte meine Großeltern der Mut und sie stellten sich den Tanten meiner Oma. Und dass ich diese Geschichte heute aufschreiben kann, bedeutet: Es ist alles gut gegangen! Meine Großmutter habe ich jedoch nie kennengelernt. Sie starb 1992, ein Jahr bevor ich auf die Welt kam. Ich trage ihren Namen als Zweitnamen. Die Erinnerung an sie wurde in unserer Familie immer lebendig gehalten. Mein Opa pflegte ihr Grab mit Hingabe, er erzählte von ihr als „seine große Liebe”. Fotos von ihr waren sowohl in Opas Haus als auch in meinem Elternhaus immer präsent. 

Mein Opa ist 90 Jahre alt geworden. Die letzten 26 Jahre seines Lebens verbrachte er ohne meine Oma, doch er wurde nie müde, seine Erinnerungen an sie zu teilen. Darüber bin ich froh, denn so kannte ich sie irgendwie doch. 

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