Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Über stille Geburten: Wenn die Geburt zum Abschied wird

Fehlgeburten sind für Eltern ein schwerer Verlust. [Foto: pixabay]
05.08.2021 12:53 - Lena Janßen

Jede sechste Frau erleidet im Durchschnitt eine Fehlgeburt. Kathrin H. ist Hebamme und arbeitet in einer Geburtsklinik. ak[due]ll hat mit ihr über Fehlgeburten nach der 12. Schwangerschaftswoche gesprochen. Im Interview erzählt sie, was bei einem Schwangerschaftsverlust nach dem dritten Monat passiert und was Eltern bei der Trauerbewältigung helfen kann. 

Triggerwarnung: Dieses Interview thematisiert Fehl- und Totgeburten.

ak[due]ll: Sie arbeiten als Hebamme in einer Klinik. Begleiten Sie dort auch Fehlgeburten und ab welchem Zeitpunkt kommen die Frauen* zu Ihnen in die Klinik? 

Kathrin H.: In der Klinik begleiten wir Geburten in jeder Schwangerschaftswoche, wenn es sich dabei um Fehlgeburten handelt. Frühchen hingegen begleiten wir nicht. Wenn die Kinder in der Schwangerschaft versterben, dann haben die Frauen meist selbst das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und gehen dann zum Frauenarzt, wo sie an unsere Klinik verwiesen werden. Oder die Frauen kommen direkt zu uns. 

ak[due]ll: Wenn die Frauen* dann bei Ihnen untersucht werden und es kann beim Kind kein Herzschlag mehr festgestellt werden: Wie geht es dann weiter?

Kathrin H.: Wir versuchen zu Beginn den Druck herauszunehmen, denn es gibt keinen Zeitdruck. Wir leisten erste emotionale Hilfe und vermitteln die Diagnose so einfühlsam wie möglich. Wir wollen den Eltern Zeit geben, den ersten Schock zu verdauen. In der Regel gehen die Frauen dann nochmal nach Hause. Zu Hause haben sie die Möglichkeit, Familienmitglieder zu informieren und sich gegebenenfalls um Geschwisterkinder zu kümmern. Am nächsten oder übernächsten Tag kommen die Frauen dann in die Klinik zurück und es findet eine medikamentöse Einleitung der Wehen statt. 

ak[due]ll: Was ist für die Eltern in der Situation eines Schwangerschaftsverlusts wichtig? 

Kathrin H.: Das ist unterschiedlich. Es gibt Eltern, die brauchen ganz viele Informationen und Fakten darüber, was in den kommenden Stunden passieren wird. Das sind Fragen nach dem Ablauf, Organisatorisches und die Frage, was nach der Geburt passiert. Nach meinem Gefühl gehen viele in einen Organisationsmodus über. Andere brauchen viel mehr emotionale Unterstützung, zum Beispiel bei einer Kontaktaufnahme zum verstorbenen Kind, wenn es noch im Mutterleib ist. Das kann durch eine Bauchmassage oder das Auflegen der Hände auf den Bauch geschehen. Manche Frauen schreiben Briefe oder sprechen mit dem ungeborenen Kind. Dabei versuchen wir den Frauen die Scham zu nehmen und das seltsame Gefühl, ein verstorbenes Kind in sich zu tragen. Da wird dann eher auf emotionaler Ebene gearbeitet. Letztendlich äußern die Frauen oder die Eltern von sich aus ihre Bedürfnisse. Meist ist ihnen relativ schnell klar, was sie gerade brauchen. 

ak[due]ll: Welche Rolle übernehmen Sie als Hebamme in einer solchen Situation?

Kathrin H.: Meine Aufgabe als Hebamme ist es, die Geburt zu betreuen. Ich persönlich mache es gerne so: Wenn die Frauen zur Einleitung der Geburt wieder in die Klinik kommen, stationär aufgenommen werden und auf die Wehen warten, dann finde ich es hilfreich für die Eltern und auch für mich, sie einmal auf dem Zimmer zu besuchen. Dort kann ich mich vorstellen, es können Fragen geklärt werden und ich kann sie ermutigen, sich im Kreißsaal zu melden, wenn die Wehen einsetzen. Sonst geht es, wie bei jeder Geburt, um Wehenerleichterung und Schmerzlinderung. Und in diesen Fällen: ganz viel emotionale Arbeit. Nach der Geburt begleite ich die Familie dann auf ihr Zimmer. Wenn die Eltern ihr Kind sehen möchten, dann machen wir meist Fotos, es gibt Verabschiedungsrituale und es werden Erinnerungen geschaffen, zum Beispiel in Form von Fußabdrücken. 

ak[due]ll: Wie empfinden Sie solche Momente?

Kathrin H.: Die ersten dieser Geburten, die ich begleitet habe, haben mich sehr belastet. Ich hatte Respekt und Angst davor, wenn klar war: Hier liegt gerade eine Frau auf der Station, die darauf wartet, dass die Wehen einsetzen, aber das Kind lebt nicht mehr. Ich finde es extrem wichtig, dass die Frauen gut betreut werden und dass sie trotz der schrecklichen Gesamtsituation eine Art schönes Geburtserlebnis haben und sich angemessen verabschieden können. Mir ist es wichtig, die Wünsche der Eltern in diesem Moment umzusetzen und sie angemessen zu begleiten. Es sind Geburten dazwischen, die sind belastender als andere. Das ist immer abhängig davon, wie die Eltern reagieren und wie es den Eltern geht. Ich erlebe die Betreuung dieser Geburten als sehr intensiv und habe heute keine Angst mehr vor solchen Situationen. Mein Fokus liegt auf der Geburtsbetreuung der Frauen. Für mich ist das eine schöne und vor allem wichtige Aufgabe.

ak[due]ll: Was passiert nach der Geburt neben der Verabschiedung vom Kind?

Kathrin H.: Die Familien gehen nach der Geburt relativ zügig nach Hause oder bleiben noch eine Nacht. Das hängt vom Gesundheitszustand der Frau ab und ob die Eltern das Kind vielleicht noch ein paar Mal sehen wollen. Nach der Geburt und nachdem die Eltern sich verabschiedet haben, bleibt das Kind bei uns in der Klinik. Wenn die Paare das Bedürfnis haben ihr Kind nochmal zu sehen, dann können sie sich auf der Station melden. Zu Hause ist es dann wichtig, dass die Frauen eine Hebamme für die Nachbetreuung haben, unter anderem für die Zeit des Wochenbetts, die ihnen als Frauen, die ein Kind geboren haben, ganz normal zusteht. 

ak[due]ll: Eine Totgeburt ist für Eltern ein schwerer Verlust. Was kann bei der Trauerbewältigung hilfreich sein?

Kathrin H.: Ich glaube ein wichtiger Punkt ist zu bemerken, dass ein totgeborenes Kind friedlich und gesund aussehen kann, egal ob krank oder gesund. Vielen Paaren hilft es, das Kind zu sehen und es zu berühren. Also den Kontakt zum Kind aufzunehmen und Erinnerungen zu schaffen. Diese Erinnerungen dann mit nach Hause zu nehmen und viel darüber zu sprechen. Vielleicht auch psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Aber ich glaube Erinnerungen schaffen und sie nach der Geburt mit nach Hause zu nehmen, sich viel Zeit für die Verarbeitung zu nehmen, das ist wichtig. Eine Beerdigung kann für die Eltern ebenfalls hilfreich sein. Nicht alle Kinder müssen bestattet werden. In Nordrhein-Westfalen sind es die Kinder, die über 500 Gramm wiegen. Es hilft vielen Menschen, einen Ort zu haben, an den man hingehen kann. Wie zum Beispiel an einem Grab, an dem man trauern und sich verabschieden kann. Außerdem sollten Fehlgeburten nicht tabuisiert werden. Wahnsinnig viele Menschen sind davon betroffen und darüber wird viel zu wenig gesprochen. Darüber zu reden hilft den Betroffenen mehr, als darüber zu schweigen und das Thema zu umgehen.

Studium mit Kind vs. Corona

Das Studieren mit Kind wird gerade in der Pandemie zur Herausforderung.
 

Bitte nicht anfassen

Unsere Redakteurin wurde vor kurzem für schwanger gehalten. Eine Kolumne über die Problematik dahinter.
 

Der Weg zum Therapieplatz muss kein schwerer sein

Hier erfahrt ihr, wie ihr einen Therapieplatz erhalten könnt.
 
Konversation wird geladen