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GESELLSCHAFT

Tokio: Olympische Spiele stehen in der Kritik

 Straßenproteste in Tokio. [Foto: Gregor Wakounig]
09.06.2021 16:03 - Gastautor*in

Über 10.000 Athlet:innen aus 140 verschiedenen Ländern konkurrieren um die begehrenswerten Medaillen in 339 Disziplinen. So war zumindest der Plan für Olympia 2020 in Tokio. Das eine globale Pandemie plötzlich vor der Türe stehen würde, konnte niemand ahnen.

Ein Kommentar von Anika Dekubanowski

Die Fallzahlen der an COVID-19 Infizierten steigen seit den letzten Monaten rasant an, nicht nur in Deutschland: Medien berichten täglich von überlasteten Gesundheitssystemen wie beispielsweise in Indien oder Brasilien. Dennoch sollen die Olympischen Spiele im Sommer 2021 stattfinden. Selbst wenn die 7-Tage-Inzidenz in Japan momentan bei 13,9 liegt (Stand: 07.06.2021), ist es ratsam zu hinterfragen, ob das Abhalten der Spiele in Zeiten der Corona-Pandemie überhaupt notwendig ist. 

So bemerkt Professor Kochi Nagano, Politikwissenschaftler der Sophia Universität Tokio, dass selbst wenn ein Virus sicheres Tokio die Spiele ausrichten wolle, das International Olympic Committee (IOC) diese Entscheidung zurückstoßen müsse. Vor allem in Anbetracht der weiterhin massiv unter COVID-19 leidenden restlichen Welt. 

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Japaner:innen gehen gegen Olympia auf die Straße. [Foto Gregor Wakounig]
 

Die Verschiebung der Spiele kostete Japan bereits mehrere Milliarden US-Dollar. Aus den zuvor geplanten 7,3 Milliarden US-Dollar wurden schnell mehr als das Dreifache. Somit liegen die Kosten für die Olympischen Spiele derzeit bei über 25 Milliarden US-Dollar, wobei bis auf etwa 5 Milliarden alle Kosten von der japanischen Regierung getragen werden. 

Citius, altius, fortius (schneller, höher, weiter) scheint demnach nicht nur das reguläre olympische Motto der IOC-Satzung zu sein, sondern auch das Motto der finanziellen Angelegenheiten japanischer Organisator:innen. Während das Organisationskomitee Tokio 2020 an den Plänen festhält, die Spiele ausführen zu wollen, erstarkt die Seite der Olympia Gegner:innen. Die aktivistische Dachgruppe Tokyo Olympics Okotowalink (東京オリンピックおことわリンク) und das Kollektiv Hangorin no Kai (反 五輪の会) sind zwei einflussreiche politische Zusammenschlüsse, die die Anti-Olympia-Bewegung in Japan vorantreiben. Sie kritisieren nicht nur die durch Olympia verstärkten Problemlagen, wie die wachsende Gentrifizierung, zunehmende Militärpräsenz oder verstärkte Überwachung der Bevölkerung, sondern auch die fehlgeleitete Finanzpolitik der Regierung. 

Rettet Leben, nicht die Olympischen Spiele!“

Öffentliche Gelder fließen demnach zu großen Teilen in die Aufbereitung und Erhaltung der Olympischen Spiele und nicht in die Hände derzeit hilfsbedürftiger Bürger:innen. „Rettet Leben, nicht die Olympischen Spiele!“ ist aufgrund dessen eine häufig skandierte Parole auf Protestmärschen. Dies hinterlässt erst recht einen faden Beigeschmack, angesichts des Umgangs mit den ehemaligen Bewohner:innen der Präfektur Fukushima. 

„Wir sind wie Schafe, wir warten aufs Schlachten.“

Was passiert in den Umerziehungslagern von Xinjiang? Eine Gastautorin hat mit einer uigurischen Studentin gesprochen.
 

Erst vor kurzem fand der 10. Jahrestag des Erdbeben von Fukushima und der damit einhergehenden Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi statt. Das Unglück kostete damals etwa 18.500 Menschen das Leben. Mit den Games of Recovery (Spielen der Wiederauferstehung) möchte Japans Regierung der Welt beweisen, dass die Region rehabilitiert wurde. Öffentlich wird betont, das bislang kontaminierte Gebiet sei unter Kontrolle und auch Nahrungsmittel aus Fukushima seien wieder sicher. Viele der Bewohner:innen mussten nach der Katastrophe fliehen oder gingen „freiwillig“. „Freiwillig“ heißt in diesem Sinne, dass Bewohner:innen der Präfektur, die sich nicht in der staatlich eingegrenzten Evakuierungszone befanden, aus Sorge vor gesundheitlichen Schäden dennoch die Region verlassen haben. Auch für diese stellte die japanische Regierung Hilfsmittel bereit. Diese sollen nun wieder eingestellt werden, zumindest für die „freiwilligen“ Umsiedler:innen. 

Japanische Bevölkerung spricht sich überwiegend gegen Olympia aus

Aktivist:innen und ehemalige Bewohner:innen der Präfektur Fukushima werfen Japan vor die Olympischen Spiele für Publicity zu instrumentalisieren. Sie kritisieren, dass Hilfsgelder gestrichen werden und gleichzeitig Unmengen an finanziellen Mitteln in den Bezirk fließen, um diesen für Olympia aufzubereiten. Aufgrund der beschriebenen Problematiken, hat sich mittlerweile der Großteil, der japanischen Bevölkerung auf die Seite der Anti-Olympia-Aktivist:innen zubewegt. 

Ohne Zweifel stellt Olympia für die meisten der teilnehmenden Sportler:innen den Höhepunkt ihrer Karriere dar. Außerdem hatten die Spiele  in vergangenen Zeiten einen beachtlichen Einfluss auf die Verständigung verschiedener Nationen, welche sich sonst fremd waren. Da die Organisator:innen dieses sportliche Großevent um jeden Preis über die Köpfe ihrer Bevölkerung hinweg abhalten wollen, ist fragwürdig, ob die eigentlich positiven Aspekte überhaupt eine Rolle spielen. Dieser Eindruck bestätigt sich, denn auch die Teilnehmer:innen werden in Zeiten von Corona einem gesundheitlichen  Risiko ausgesetzt, wenn sie um den halben Globus reisen. Sollten sich Vorort ganze Teams in Quarantäne begeben müssen, stellt sich zu guter letzt die Frage, ob unter diesen Bedingungen ein faires Olympia überhaupt möglich ist.
 

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