Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Tanzend gegen Gewalt an Frauen?

Wut von Betroffenen ist oft nicht bunt und spaßig. (Symbolbild: BRIT)

22.02.2018 11:22 - Lea Sleiman



One Billion Rising ist eine 2012 in New York gestartete Kampagne, um auf die eine Milliarde Frauen aufmerksam zu machen, die von Gewalt betroffen sind. Jährlich am 14. Februar finden weltweit Tanzevents statt – auf der Internetseite wird die Veranstaltung als politischer Aufstand tituliert. Die Kampagne ist kontrovers: Eine Blogschau beweist, dass deren Umsetzung in Kritik gerät.

Die Kampagne ist auf die lokalen Unterstützergruppen angewiesen, in Essen ist das beispielsweise der Courage Frauenverband oder Amnesty International, die die Tanzdemonstration für den 17. Februar in der Essener Innenstadt anmeldeten. Auch im Zuge der #metoo-Debatte rückte Gewalt gegen Frauen wieder vermehrt in das öffentliche Bewusstsein. Auf den Veranstaltungen werden Kundgebungen abgehalten und eine vorher einstudierte Choreographie getanzt.

Einen Tag zuvor veröffentlichte eine Betroffene von sexualisierter Gewalt einen Blogeintrag auf den bremer frauenseiten, in dem sie die Kampagne ablehnt: „Ich möchte wütend sein (dürfen), weil ich wütend bin. Ich möchte nicht tanzend und lachend zu upbeat Musik ein System anprangern, das mich fast, und andere tatsächlich, das Leben gekostet hat. Meine Wut ist nicht bunt und diese Musik übertönt meine und unsere Stimme(n).“ Weiter bezweifle sie den Informationswert der Veranstaltung. Während der Redebeiträge können jedoch strukturelle Probleme angesprochen werden. Zum Beispiel von der fraktionslosen bayrischen Landtagsabgeordneten Claudia Stamm: „94 Prozent der verübten Verbrechen, die mit einer Freiheitsstrafe geahndet werden, werden von Männern begangen.“ Und weiter: „Wer Frauen vor Gewalt schützen möchte, muss eine Debatte darüber führen, warum 94% der Täter Männer sind.“

Eine Blogschau

Nicht bloß das Fehlen direkter Auswirkungen der Aktionsform Tanz wird online kritisiert: Der feministische Blog maedchenmannschaft veröffentlichte schon 2014 fünf Gründe, die Initiatorin der Kampagne, Künstlerin Eve Ensler, nicht zu akzeptieren: Der Fokus auf das Tanzen verdränge bestehende Formen des Aktivismus (Zum Beispiel dient der 14. Februar traditionell Indigenen in Kanada für Protestaktionen). Staatliche Gewalt und Ausbeutungsverhältnisse zwischen den Nationalstaaten fänden kein Gewicht. Das schlage sich auch in den teilweise kolonialen Bildern der Mobilisierungsvideos nieder: Schwarze Frauen laufen tatenlos durch die Wüste, während weiße Amerikanerinnen in Büros abgebildet werden. Ensel äußere sich esoterisch und stereotyp bezüglich Geschlecht. Sie forderte etwa in einer Vorbereitungsveranstaltung zu One Billion Rising, dass „alle Anwesenden durch den Raum gehen und laut Vagina in ihrer eigenen Sprache rufen“ sollen.

Teilweise esoterische Rednerinnen aus dem verschwörungstheoretischen Milieu vermerkte auch die Kölner Gruppe about:fem auf ihrem Blog, sowie nationalkonservative Frauen, die Sexismus als rein importiertes Konstrukt betrachten. Die Gruppe solidarisiert sich jedoch kritisch mit der Aktion: „One Billion Rising ist nach wie vor durch ein binäres und biologistisches Geschlechterverständnis geprägt.“ In ihrem Aufruf „Schluss mit sexistischer Gewalt“ wird gefordert, bei übergriffigen Situationen einzugreifen. Was von One-Billion zunächst ausgelassen wird, wenn sie ausschließlich fordern, die Täter anzuzeigen, kritisiert about:fem: Die „geringe Aussicht auf Verurteilung der Täter, die Gefahr der Retraumatisierung für Betroffene im juristischen Prozess und der institutionelle Rassismus als Hürde“ beim Umgang von Betroffenen mit der Polizei.

Obwohl die Tanzveranstaltung im Netz als empowernd bezeichnet wird und für einige Frauen ihre erste Protestaktion ist, wird diese auch von Mitorganisatorin Nadia Shehadeh kritisiert. Auf ihrem Blog shehidistan heißt es: „Nicht alle potentiellen Teilnehmenden werden Ressourcen oder Zeit zum Üben haben, Zugang zur Choreographie haben, sich begeistern, geschweige denn irgendeine Art von Tanz-Moves einüben, Bock haben." Fraglich bleibe zudem, ob von Sexismus und Gewalt Betroffene das Tanzen im öffentlichen Raum als mögliche Protestform überhaupt in Betracht ziehen würden. Shehadeh verweist außerdem darauf, dass ein einmaliges Event dauerhafte, lokal-politische Arbeit nicht ersetzen könne. "Esoterik und Binarität, mangelnde Analyse und eine unkritische Position gegenüber staatlichem Handeln überschatten den Protest", kritisiert sie.
 

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