Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Solidarität auf Eis?

Die Maske erschwert bei einer Panikattacke das Atmen. [Foto: Lena Janßen]
18.05.2020 21:54 - Lena Janßen

Den einen Menschen beschlägt beim Tragen der Maske die Brille, die anderen bekommen im Supermarkt eine Panikattacke. Ich gehöre zu den letzteren. Doch daran war nicht allein die Maske Schuld. 

Eine Kolumne von Lena Janßen

Schon auf dem Parkplatz des Supermarktes erkenne ich vor der Eingangstür eine meterlange Schlange von Menschen, die an einem Freitagabend alle dasselbe wollen: für das Wochenende einkaufen. Laut der aktuellen Regelungen braucht jede*r, der*die den Supermarkt betritt, einen eigenen Einkaufswagen. Und während ich mir diesen schnappe und mich mit Sicherheitsabstand in die Schlange einreihe, ärgere ich mich über meinen spontanen Einfall um diese Uhrzeit an einem Freitag einkaufen zu gehen. Kurz bevor der Sicherheitstyp mich mit meinem Wagen reinwinkt, atme ich noch einmal durch und ziehe meine Maske auf. Im Glauben für meinen Einkauf bestens gewappnet zu sein, schreite ich durch die automatische Schiebetür. 

Es ist voll, es ist laut und es ist eng.

Doch als ich den Laden betrete, ziehen sich innerhalb weniger Sekunden meine Eingeweide zusammen: es ist voll, es ist laut und es ist eng. Als ich versuche mich kurz zu sammeln und meinen Einkauf zu beginnen, fährt mir ein Mann mit seinem Wagen in die Hacken und entschuldigt sich nicht, weil er gerade in sein Telefon brüllt. Stattdessen hetzt er an mir vorbei und auf Grund der Tatsache, dass auch er eine Maske trägt, kann ich sein Gesicht nicht deuten: lächelt er mich entschuldigend an oder schaut er wütend zu mir hinüber? Ich werde immer unsicherer und durch die einprasselnden Eindrücke des Ladens, vergesse ich, für welche Lebensmittel ich hergekommen bin. Ziellos laufe ich kreuz und quer durch den Laden. Von links und rechts werde ich angerempelt, Kinder rennen mir vor die Füße, durch die hohe Anzahl der Wägen ist es in den Gängen noch enger als gewohnt. Bleibe ich kurz stehen, werde ich von allen Seiten gleich in unfreundlichem Ton angeschnauzt.

Seid solidarischer, egal wo!

Mittlerweile bin ich verzweifelt, schmeiße ganz wahllos Produkte in den Wagen und möchte den Supermarkt so schnell wie möglich verlassen. Meine Wahrnehmung verschiebt sich: die Gänge werden enger, die Geräuschkulisse in meinen Ohren immer lauter, alle schauen oder motzen mich an. Durch die Maske fällt mir das Atmen schwerer und schwerer. Während ich in einer waschechten Panikattacke stecke, bleibt mir keine Zeit wütend zu sein. Wütend werde ich erst, als ich mit Ach und Krach meinen Einkauf bezahle, stolpernd und nach Luft japsend den Laden verlasse und mich auf dem Heimweg langsam beruhige. 

In der Vergangenheit ist mir schon oft aufgefallen, dass Menschen in größeren Mengen nicht wissen, wie sie sich solidarisch verhalten. Zum Beispiel beim Bahn fahren, auf Konzerten und hin und wieder auch im Supermarkt. Gefühlt denkt da jede*r nur an sich selbst und den eigenen Vorteil. Doch solch eine Situation, wie an diesem Freitagabend im Supermarkt, hatte ich noch nie. Und mir stellt sich die Frage: Haben wir in den letzten Wochen der Selbstisolation vergessen, wie man sich in der Öffentlichkeit verhält, ohne dass andere Menschen dabei zu Schaden kommen? Ich denke dabei nicht nur an Menschen mit psychischer Erkrankung, die oftmals unter Panikattacken leiden. Sondern ebenfalls an Menschen mit Behinderung oder an die älteren Menschen unter uns. Ist ein „Kann ich bitte einmal vorbei mit meinem Wagen?“ so viel schwerer auszusprechen geworden, als ein unfreundliches Räuspern oder gar einfach nur ein „Weg da“? Haben wir die Solidarität unseren Mitmenschen gegenüber auf Eis gelegt? In diesem Supermarkt haben alle Anwesenden in derselben Situation gesteckt: laut, voll und eng. Wären die Menschen um mich herum nur einen Funken solidarischer gewesen, wäre der Einkauf wohl für alle Beteiligten entspannter gewesen. Und mir wäre eine Panikattacke erspart geblieben.

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