Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Sie nennen es „das Spiel”

Junge Geflüchtete auf dem Weg zur Grenze.
[Fotos: Sitara Thalia Ambrosio / Iván Furlan Cano]
[Text: Iván Furlan Cano]
27.03.2021 11:41 - Gastautor*in

Bihać, im Nordwesten Bosniens, ist seit Jahren unfreiwilliger Zufluchtsort tausender Geflüchteter. Viele von ihnen versuchen in einem gefährlichen „Spiel” die EU-Außengrenze zu überqueren, um einen Asylantrag zu stellen. Die Journalist:innen Sitara Thalia Ambrosio und Iván Furlan Cano haben einen von ihnen begleitet.

Danny* ist zurück. Die Arme verschränkt, den Blick fast schon starr geradeaus gerichtet, spricht er von seinem jüngsten Versuch. Von dem „Game“, wie es die Betroffenen selbst nennen; ein zynischer Begriff, wenn man bedenkt, welche Risiken Menschen bei dem Grenzübertritt eingehen. Ein Spiel, das zumeist nur Verlierer kennt. Zwölf Stunden ist es her, dass der junge Afghane zusammen mit einem Freund versuchte, die Grenze nach Kroatien zu überqueren. Dort, wo die Europäische Union beginnt. Dort, wo Danny einen Asylantrag stellen möchte. Damit er in dem Teil der Welt bleiben kann, der ihm eine neue Heimat und Schutz bieten soll. Ein Ort, an dem kein bewaffneter Konflikt herrscht. Ein Ort, an dem er Zugang zu Bildung hat; ohne die stetige Angst vor den Taliban. Das ist Europa, das ist das Ziel des 18-Jährigen. Danny heißt nicht Danny, sein richtiger Name ist bekannt, nur lesen möchte er ihn nicht. Zu groß ist die Angst vor möglichen Repressalien. Für die Menschen, die er zurückgelassen hat. 

Danny ist nur einer von vielen hundert Menschen, die sich derzeit in und um Bihać aufhalten. In ganz Bosnien sind es momentan rund 8.000 Geflüchtete. 6.000 von ihnen leben in offiziellen, teilweise heillos überfüllten Camps, 2.000 haben sich auf eigene Faust ihren eigenen Schutzraum gesucht; verlassene Häuser, Bauruinen, aufgegebene Firmengebäude, abbruchreife Lagerhallen, aber auch Zelte im Wald sind ihr vorübergehendes Zuhause. Darunter befinden sich rund 500 unbegleitete minderjährige Geflüchtete, die laut einer Einschätzung der Hilfsorganisation „Save the Children” am meisten gefährdet sind, Opfer von Gewalt zu werden. 

Private Hilfsorganisationen versuchen zu helfen

Bosnien ist ganz nah, aber wie bereits während des Bürgerkriegs Anfang der 1990er-Jahre, für viele auch ganz weit weg. Erst kürzlich rückte Bosnien wieder in den Blickpunkt des internationalen Interesses. Dort brannte es in dem im April 2020 hastig hochgezogenen Flüchtlingslager Lipa, rund 25 Kilometer entfernt von Bihać. Nach einer verfehlten sowie von Seiten der Politik vor Ort und Bürgern verhinderten Evakuierung harrten hunderte Menschen bei Minusgraden im Freien aus. Wer nicht in einem der offiziellen Camps lebt, bekommt Hilfe von privaten Hilfsorganisationen. Sie helfen, obwohl es ihnen in dem betreffenden Kanton Una-Sana offiziell verboten ist. Entsprechend schwierig gestaltet sich die Unterstützung der Geflüchteten. 

Bihać, die Stadt im Nordwesten Bosniens, ist seit Jahren unfreiwilliger Zufluchtsort tausender Geflüchteter. Hygienische Standards gibt es in den Behausungen so gut wie keine, frisches Wasser ist Mangelware, die Flächen rund um die jeweiligen Gebäude gleichen vielfach Müllhalden. Menschen kommen und gehen, geduldet, aber nicht erwünscht. Viele der Geflüchteten sind krank, leiden an Krätze, Atemwegsinfektionen, Erkrankungen der Verdauungsorgane, von den psychischen Erkrankungen ganz zu schweigen. Corona ist so gut wie kein Thema, da nicht getestet wird und werden kann. Hier, rund zehn Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt, stranden vor allem Menschen aus Pakistan, Afghanistan und Bangladesch – es ist der verzweifelte Versuch, über die sogenannte Balkanroute in eines der EU-Länder zu kommen. 

Mit leichtem Gepäck nach Kroatien

In einem der leer stehenden Häuser von Bihać erzählt ein junger Pakistaner, wie sich die Menschen von ihrer teils aussichtslosen Lage ablenken, wie sie versuchen, sich zumindest ein bisschen normalen Alltag zurückzuholen. Am Morgen verteilen sie die Aufgaben: Die einen holen Wasser, manche spalten Holz, machen Feuer und kochen, wieder andere putzen den Schlafraum. Manchmal spielen sie Fußball oder üben den Nationalsport ihrer Heimat aus: Cricket. Die fehlende Ausrüstung ist für sie kein Problem; aus einem alten Brett schnitzen sie sich einen Schläger, gespielt wird mit einem Tennisball auf einer Asphaltfläche hinter einer alten Fabrik. Sie lachen, scherzen, für einen kurzen Moment sind sie ganz bei sich. Die Menschen in Bihać haben sich selbst organisiert, Danny gehört dazu. 

 

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Danny, 18 Jahre alt aus der Provinz Nangarhar in Afghanistan. Vor einem Jahr machte er sich aus Afghanistan auf den Weg in Richtung Europa. 

 

Mitte Februar startet er seinen bereits zehnten Versuch, über die Grenze zu kommen. Sie sind zu zweit, ein weiterer Freund begleitet sie ein Stück. Über Felder und einen von vielen Geflüchteten vor ihnen ausgetretenen Pfad, sind es wenige Kilometer zum Gebirge. Neben ihrem Handy, auf dem die Route vorgezeichnet ist, haben sie in einem kleinen Rucksack etwas Wasser und wenig bis gar kein Essen mit. Leichtes Gepäck ist wichtig, um möglichst schnell über die Berge zu kommen; dort verläuft die Grenze zu Kroatien. 

Von der Grenzpatrouille erwischt

Die jungen Männer laufen nach dem kilometerlangen, steilen Aufstieg stellenweise durch hüfthohen Schnee, irgendwann in der Nacht überquert Danny zusammen mit seinem Freund die grüne Grenze. Ihr Weg soll sie weiterführen nach Norden, in Richtung Italien, doch schon nach kurzer Zeit werden sie von einer kroatischen Grenzpatrouille aufgegriffen. Hilfe wird ihnen nicht zuteil, im Gegenteil: Die jungen Männer müssen zurück. Nach Bosnien. Trotz offiziellem Asylgesuch, der aber nicht protokolliert wird. So können die Betroffenen später auch nicht protestieren - wo kein Kläger, da kein Richter. Es ist das „Game”, ein gewissenloses Spiel mit Menschen, dazu noch illegal: Denn eine solche Rückführung nennt sich Pushback. Sie widerspricht geltendem Recht und wird doch tagtäglich praktiziert. 

Die beiden jungen Männer haben Glück, denn nicht immer endet ein Pushback gewaltlos. Es gibt Schilderungen von Geflüchteten, die nach ihrer Festnahme auf kroatischem Gebiet oft alles weggenommen bekommen, was sie mit sich führen. Handys, Powerbanks oder Geld kassieren die Beamten. Jacken, Schuhe und vieles mehr werden konfisziert oder vor den Augen der Betroffenen verbrannt. Es häufen sich Berichte von körperlicher Gewalt, Misshandlungen, Demütigungen, sexuellen Übergriffen. Dabei geht es um Verbrennungen, Tritte und andere Handlungen kroatischer Beamter, die bei den Geflüchteten tiefe Wunden hinterlassen; körperlich und seelisch. Es ist ein immerwährendes Thema in den Kreisen derer, die ebenfalls gescheitert sind. 

„Bis es klappt“

Danny steht in einem Gebäude namens Dom Penzionera, mitten in Bihać, angelehnt an eine Mauer, hinter ihm ein großer Mauerdurchbruch ohne Fenster. Es sollte ein Pflegeheim werden, geplant in der Zeit, bevor das Land Bosnien und Herzegowina 1992 seinen Austritt aus dem ehemals sozialistischen jugoslawischen Staatsverband und damit seine Unabhängigkeit erklärte. 

Der Wind pfeift durch die Etage der Bauruine, alles ist nach außen offen, Decken ersetzen Türen. Es sind fast nur junge Männer, meist Anfang bis Mitte 20, die hier leben. In Dannys „Zimmer”, das er zusammen mit anderen bewohnt, stapeln sich auf alten Matratzen Sommerschlafsäcke und Decken, mit denen sie sich nachts vor der Kälte schützen, Schlaf finden sie kaum. Das Zimmer ist eingehüllt vom Rauch des offenen Lagerfeuers; es ist ihre Kochstelle, dort wärmen sie sich, atmen fällt schwer. Nebenan ein weiterer Raum. Eine Stelle ist freigeräumt, es scheint die einzige von Schutt und Müll befreite Stelle im ganzen Gebäude zu sein. Hier wird fünf Mal am Tag gebetet. 

Danny erzählt von seinem letzten Grenzübertritt. Es ist erst wenige Stunden her, dass er nach Bihác zurückgekehrt ist. Er redet ganz nüchtern von dem gescheiterten Versuch, sein Wille scheint ungebrochen. Zehn erfolglose Grenzübertritte in den vergangenen sechs Monaten hat er hinter sich, solange sitzt er bereits in der bosnischen Stadt fest. Eine Zeit, die zunehmend an ihm nagt, doch sein Ziel hat er weiter im Blick. „Ich versuche es immer wieder, bis es klappt“, sagt er fast schon trotzig, wohlwissend, dass es mit den kommenden Monaten wohl noch schwieriger, denn leichter wird. Er selbst weiß, wovon er spricht. Fast bis Triest hatte er es schon geschafft, nach zwölf Tagen Fußmarsch – Italien war ganz nah. Doch dann wurde er festgenommen, fehlende Papiere und allerlei bürokratische Grundsätze sorgten dafür, dass die slowenischen Behörden ihn zurück nach Kroatien schickten. Gemäß des Dublin II-Abkommens musste er seine Sachen packen und zurück in das Land, das in dem Fall die Außengrenze der EU definiert; das Land, das an dieser Art Definition aber kein Interesse hat. Der nächste Pushback war die Folge – verboten, aber geduldet. 

Danny wird es wieder versuchen. Keine zwei Tage später startet er einen neuen Versuch, macht sich wieder auf den Weg, auch dieses Mal scheitert er. Doch irgendwann ist er in dem Spiel der Sieger. Etwas anderes bleibt ihm nicht.

*Name geändert. Danny möchte seinen richtigen Namen aus Angst vor möglichen Repressalien nicht öffentlich machen.

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