Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

"Shinchonji-Sekte" will Essener Studierende missionieren

Die Bibel, das meistgedruckte Buch der Welt, dient auch als Grundlage reaktionärer Ideologien. (Symbolbild: caro)

13.03.2018 08:15 - Sarah Dannehl



Von Zuhause aus- und in eine andere Stadt ziehen, die Universität und neue Leute kennenlernen. Feiern, Erkunden, Ausleben. Der Studienstart ist aufregend und bringt jede Menge neuer Erfahrungen mit sich. Lisa*, Studentin an der Universität Duisburg-Essen (UDE), hätte eine davon gerne vermieden. Nie hätte sie gedacht, einmal in die Arme einer koreanischen Glaubensgemeinschaft zu geraten. Um andere zu warnen, wandte sie sich an den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) und die studentischen Medien.

Lisa lebt erst seit Kurzem in Essen und läuft durch die Innenstadt, als sie von einer gleichaltrigen Frau mit Klemmbrett angesprochen wird. Ob sie kurz Zeit für eine Umfrage über das Glücklichsein hätte, fragt sie. Die Frau heißt Nora*, gibt sich als Psychologiestudentin aus und sagt, sie mache die Umfrage im Rahmen ihres Studiums. „Dann hat sie gefragt, ob ich aus Essen komme, wie alt ich bin, ob ich hier neu bin und was ich mache – erstmal so ganz normale Sachen,“ erzählt Lisa. Die Frage nach der Religiosität sei erst später aufgekommen.

Ein ungutes Gefühl hat Lisa bis dahin nicht. Nora wirkt sehr sympathisch, sie unterhalten sich nett. „Alle sagen einem, man müsse offen sein, mit Leuten reden, sich auf alles Mögliche erstmal einlassen“, wenn man irgendwo neu sei, erklärt Lisa. Rückblickend falle ihr aber auf, dass sich die vermeintliche Psychologiestudentin schon im ersten Gespräch stark an Lisa angepasst habe, etwa im Bezug auf ihre Hobbys. Sie tauschen ihre Handynummern aus und beginnen sich regelmäßig zu treffen. „Ich habe mich einfach total gefreut, dass sie so nett war“, sagt sie.

Christoph Grotepass ist Theologe und als Berater beim tätig. „Es gibt verschiedene missionarische Konzepte oder Methoden, um ins Gespräch zu kommen“, erklärt er. Die Vorgabe, selbst zu studieren, erwecke Sympathie und Verständnis für die Situation anderer Studierender. Nein zu sagen, falle hier schwerer – auch weil das Gegenüber vielleicht nett erscheint, man sich „über internationale Kontakte freut, vielleicht auch etwas über die Bibel erfahren möchte, weil man selbst christlich orientiert ist und sich dann über solche Gespräche zunächst freut“, so Grotepass weiter.

Plötzlich in der Bibelstunde


Lisa ist selbst nicht sehr religiös: „Es ist nicht so, dass ich da gar nicht dran glaube, aber ich gehe nicht jede Woche in die Kirche.“ Nora gibt dasselbe vor. „Sie hat immer gesagt, dass das bei ihr genauso ist“, erinnert sich Lisa. Als sich in ihrem Studium Fragen aufwerfen, lernt sie Freundinnen von Nora kennen. Eine von ihnen, Melanie*, kenne sich thematisch aus und könne Lisa helfen, sagt Nora Genau diese Frau ist sehr religiös. Als sie Lisa bei weiteren Treffen die Bibel erklären möchte, findet die Studentin das zwar komisch, denkt sich aber noch nicht viel dabei.

„Wenn man gerade jemand richtig Nettes kennengelernt hat und dann eine Freundin von ihr sich mit dir treffen will, sagt man ja auch nicht ‚Boah ne, das will ich nicht’“, erklärt Lisa. Sie habe niemanden vor den Kopf stoßen wollen. Es folgen weitere Treffen, in denen Lisa über die Bibel unterrichtet wird. Nora vergewissert sich regelmäßig, was Lisa davon halte, was sie kritisch sehe – der Unterricht passt sich plötzlich immer mehr an ihre Rückmeldungen an.

Die beiden lernen gemeinsam, denn Nora gehört selbst auch zu der Gemeinschaft, dessen Bibelschule man ihr bald empfiehlt zu besuchen. „Sie haben mir immer gesagt, dass ich das so unglaublich schnell verstehe, so intelligent und selbstständig bin und dass man von Gott auserwählt wurde, man glücklich und dankbar sein müsse.“ Lisa solle viel beten, um dort aufgenommen zu werden. Grotepass meint, so werde „Bauchpinselei“ betrieben und Druck aufgebaut. Für Lisa ist aber klar: „Ich habe gebetet, dass ich da nicht reinkomme.“

Für die Schule – das „Center“ – gelte es, eine Aufnahmeprüfung zu bestehen und ein Eingangsgespräch mit einem Lehrer zu führen. Letzteres tat Lisa zwar noch, betrat aber nie die Schule selbst. „Hätten die mir gesagt, ich dürfe da mit niemandem drüber reden, hätte ich glaube ich eher gemerkt, was das ist,“ so Lisa. Stattdessen erklärt man ihr, dass andere das nicht verstehen würden, weil sie dazu nicht die Gabe von Gott geschenkt bekommen hätten. „Alle Menschen sind deren Meinung nach vom Satan geleitet“, erklärt Lisa.

Sobald sie Inhalte angezweifelt hätte, diente der Teufel als praktische Erklärung, warum sie Gewissenskonflikte habe. Er wolle nicht, dass sie in die Schule gehe. Hatte sie inhaltliche Fragen, die man ihr nicht erklären konnte, wurde sie auf später vertröstet: „Sie sagten: ‚Das erfährst du dann, wenn du länger dabei bist. Das beantwortet sich dann ganz von selbst’“, berichtet Lisa.

Aus den Fängen heraus

Sich von der Gruppe loszureißen, bereitet Lisa zunächst Probleme. Sie unternimmt einen ersten Versuch und teilt mit, sie wolle die Schule nicht besuchen, habe auch keine Zeit mehr. Melanie antwortet ihr, sie habe ja gar nichts verstanden. „Die hat mich komplett fertig gemacht“, resümiert die Studentin. Trotzdem kommt es zu einem weiteren Treffen – man möchte sie weiterhin für die Schule gewinnen. Gegenüber ihren Eltern schob Lisa lange die Uni als Grund vor, warum es ihr schlecht gehe. Weil man ihr immer eingeredet habe, dass andere sie sowieso nicht verstehen würden, fühlte sie sich lange gehemmt.

Erst als sie ihren Eltern alles erzählt, werden ihr selbst die Zusammenhänge und vermeintlichen Zufälle bewusst. „Auch wenn sich die Geschichten für Außenstehende sehr komisch anhören, merkt man selbst in dem Moment sehr wenig davon,“ erklärt Lisa. Nach dem Gespräch mit ihren Eltern bricht Lisa endgültig den Kontakt zu Nora und ihren Freundinnen ab.

Grotepass erläutert, dass es, sobald sich jemand von der Gemeinschaft trennen möchte, „Sorge der Glaubensgeschwister gibt, dass hier jemand vom rechten Weg abweicht und dieser in die Gefahr der Welt zurückkehrt und vielleicht verloren geht.“ Dies versuche man etwa durch freundliche bis drängende Hinweise oder Nachrichten wie bei Lisa zu verhindern.

Die Art und Weise dieser Methoden kann hingegen „sehr massiv und sehr bedrohlich wirken“, selbst wenn dies gar nicht beabsichtigt sei. Grotepass sagt weiter: „In gewisser Hinsicht ist die Vorstellung, dass Dämonen oder der Teufel hinter den Seelen [Anm. d. Red.: der Aussteiger*innen] her sind und zum Beispiel mit Krankheit strafen.“ Typisch und ideologieübergreifend bei Aussteiger*innen sei „das schlechte Gewissen, die Angst, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben“.

„Wir haben ja Glaubensfreiheit“


Lisa entscheidet sich nach dem Kontaktabbruch für eine Beratung bei Sekten-Info NRW. Erst dort erfährt sie, dass es sich bei der Gruppe rund um Nora um Mitglieder der koreanischen Glaubensgemeinschaft Shinchonji (übersetzt: „Neuer Himmel und neue Erde“) handelt. Die Beratungsstelle fungiert zunächst als Gesprächspartner. „Wir helfen der Person erstmal, für sich zu entscheiden, was sie möchte“, so der Theologe. Man gebe nicht vor, was richtig oder falsch sei: „Wir haben ja Glaubensfreiheit.“ Wichtig sei, dass sich die hilfesuchende Person in ihrem Umfeld wohlfühle und respektiert werde. Dies sei in solch strengen und restriktiven Gruppierungen wie Shinchonji oftmals nicht der Fall.

Lange Zeit, so erklärt Grotepass, gingen neu Angeworbene zunächst von einer Art Freikirche aus. Erst nach und nach erfahre man von „einem von Gott Gesandten, der die richtige Interpretation der Bibel für diese Zeit jetzt leisten kann“. Im Falle von Shinchonji ist das Man-Hee Lee. Die Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der – „wegen neuerdings intensiv im Umfeld christlicher Gemeinden betriebener Missionsaktivitäten“.

So heißt es, Man-Hee Lee erhebe „exklusiven Wahrheits- und Deutungsanspruch auf die Bibel.“ Für alle anderen Menschen sei die Bibel demnach nicht verständlich. Denn: Ihre Texte „seien ‚versiegelt’ – Jesus habe ausschließlich in Geheimnissen und Gleichnissen gesprochen.“ Und weiter: „Man-Hee Lee wird als der verheißene Pastor der Endzeit angesehen. Als solcher habe er die bösen Mächte bereits besiegt und dadurch Unsterblichkeit erlangt.“ Sein alterndes Äußeres und die Evolutionstheorie widerlegen diese Annahme.

Vielfältig auf Mission


Wie auch in anderen Gruppierungen, kann man innerhalb der Gemeinschaft aufsteigen. So bestehe etwa die Möglichkeit, später an einem Bibelcamp in Korea teilzunehmen. Besonders geschickt arbeitet die Gemeinschaft, indem sie unter verschiedenen Namen aktiv ist. Bei diesen Gruppen sei der „Zusammenhang oft nicht ersichtlich“ und sie wirken „erstmal sehr viel offener“, so Grotepass. Beispiele hierfür seien etwa Frauen- und Weltfriedensorganisationen. Zu bekannten Untergruppen von Shinchonji zählen etwa die International Peace Youth Group, die International Women’s Peace Group, Heavenly Culture World Peace Restoration of Light und die World Alliance of Religions for Peace.

Wiederholt wird davon berichtet, dass Mitglieder von Shinchonji andere Gemeinden unterwandern, um dort Personen abzuwerben. In Essen, erklärt Grotepass, habe es „auch Kontaktaufnahmen über Gruppen in der Flüchtlingshilfe oder in Sprachkursen“ gegeben. Direkt in der Innenstadt findet man sie unter „Vereint in Jesus e. V.“. Lisa weiß jetzt: „Über die Umfrage wollen sie herausfinden, ob man ein gefestigtes Umfeld hat“.



Bedenken, dass die Frauen sie zuhause aufsuchen könnten, wurden Lisa in der Beratung genommen: „Man sagte mir, dass diese Gruppe nicht aggressiv ist.“ Es bestehe aber die Möglichkeit, dass sie wieder angesprochen werde und sich jemand vor ihr als wer anderes ausgebe. „Spätestens wenn irgendwelche Glaubensthemen aufkommen, soll man sofort sagen, dass man das nicht will“, so Lisa.

Man gibt ihr den Tipp, immer wieder denselben verneinenden Satz zu sagen, sobald sie auf eine Umfrage angesprochen wird. Außerdem hat die Beratungsstelle eine Checkliste erstellt, auf welche kritischen Anzeichen es zu achten gilt. Grotepass fügt hinzu, man solle „immer gut auf das eigene Gefühl achten“ und das Bewusstsein aktiv halten, selbst wenn man sich noch so wohl fühlt. „Manchmal sogar gerade dann“, betont er.

„Oftmals gibt es das Vorurteil, dass Sekten nur Schwache treffen“, erklärt Grotepass, „es ist aber normal, dass jeder von uns in bestimmten Situationen mal schwächer ist“. Hilfsbedürftigkeit und ein eigener „moralischer Anspruch oder Idealismus“ seien neben einem fehlenden gefestigten Umfeld mögliche Ansatzpunkte für solche Gemeinschaften, jemand Neues von ihrer Gruppe zu überzeugen. Hätten Nora und ihre Freundinnen nicht „die ganze Zeit alles so perfekt vorgespielt“, meint Lisa, hätte sie ihrer Familie sicher früher davon berichtet. Mit Nora hätte sie aber eine Vertraute gehabt, mit der sie über alles sprechen konnte.

Lisa geht es mittlerweile zwar besser, wütend ist sie aber noch immer: „Die haben einfach mein komplettes Menschenbild zerstört“, meint sie. Eigentlich sei sie ein offener, freundlicher Mensch, durch ihre Erfahrung habe sie aber einen Teil ihrer Unvoreingenommenheit und ihres Grundvertrauens verloren. Jetzt ist sie misstrauischer, wenn sie neue Menschen kennenlernt. Die Sorge, es könnten wieder Mitglieder einer Gemeinschaft wie Shinchonji sein, bleibt bestehen.

*Name von der Redaktion geändert

Woran merkt man, dass man es mit einer Sekte oder einer ähnlich gefährlichen Gruppierung zu tun hat?
Sekten-Info NRW hat sowohl eine zur Thematik ausgearbeitet.

Mehr als „nur“ antriebslos: Studieren mit psychischen Erkrankungen

Angststörungen, Depressionen: Wie kommen Studierende mit psychischen Erkrankungen durchs Studium?
 

190 Studierende nehmen an Typisierungsaktion teil

Ziel war, potenzielle Stammzellenspender*innen für Blutkrebspatient*innen zu finden.
 

Beziehungsweise

Wenn der beste Freund plant, wegzuziehen

Wenn der beste Freund ans andere Ende des Landes zieht, braucht es einen gemeinsamen Schlachtplan.
 
Konversation wird geladen