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GESELLSCHAFT

Sexualisierte Selbstdarstellung: Ist das wirklich feministisch?

25.09.2021 11:49 - Gastautor*in

Im feministischen Diskurs wird viel über Selbstbestimmung gesprochen – zurecht. Ob selbstbestimmt oder nicht, weiblich gelesene Personen sollten allerdings vermehrt auch ihre Selbstdarstellung unter die Lupe nehmen.

Eine Kolumne von Gastautorin Lena Gröbe 

Manchmal fühle ich mich sexy. Dann möchte ich, dass auch andere Menschen mich sehen und sexy finden. In diesen Momenten ziehe ich mir etwas Besonderes an, schminke mich oder mache Fotos, auf denen ich mich schön finde. Das mache ich gerne und ich fühle mich wohl dabei. Ich weiß, dass ich mich selbst attraktiv finden und auch entsprechend präsentieren darf. Ich alleine entscheide, wie ich mit meinem Körper umgehe oder was ich von ihm zeige und was nicht. Das ist für mich Empowerment und ein bedeutender Teil meines Feminismus. 

Für wen möchte ich sexy sein? 

Manchmal denke ich aber auch, dass ich es mir damit einfach mache. Aus voller Überzeugung sage ich „My body, my choice“ und frage mich doch zu selten, warum ich welche Entscheidung für mich und meinen Körper treffe. Was sind die Gründe für mein Verhalten? Warum möchte ich sexy sein? 

Oder vielmehr: Für wen möchte ich sexy sein? Stets fordere ich, dass mein Körper nicht sexualisiert wird. Nur weil ich in einen als weiblich gelesenen Körper geboren wurde, starren mir fremde Leute auf die Brüste oder erlauben sich ein Urteil über die Länge meines Rocks. Das nervt. Es nervt auch, wenn mir Männer anzüglich hinterhergucken und oft nicht mal versuchen, ihre Blicke zu verstecken. Ich möchte nicht auf meinen Körper reduziert und so offensichtlich sexualisiert werden. 

Andererseits möchte ich, dass Männer mich attraktiv finden. Ich möchte mich nicht nur sexy fühlen, sondern auch von anderen Menschen auf diese Art bemerkt werden. Und manchmal verhalte ich mich dann so, dass ich entsprechende Rückmeldungen bekomme. Dann poste ich ein schönes Foto bei Social Media oder ich style mich und gehe unter Menschen. Das ist eigentlich ganz normal: Jede:r von uns braucht diese oder ähnliche Bestätigung durch andere Personen. 

Verführerische Selbstinszenierung 

Gerade bei Instagram fällt mir dieses Verhalten vor allem bei weiblich gelesenen Personen auf. Viele Frauen posten verführerische Fotos von sich, auf denen sie in Unterwäsche posieren und Brüste und Po in die Kamera recken. Männer machen das nicht so häufig. Zwar gibt es das männlich gelesene Pendant zu Fotos in Dessous: Meist sind das Oben-Ohne-Selfies im Badezimmerspiegel oder die berühmten „Pumperfotos“ im Fitnessstudio. Und doch: Diese stark verführerische und sexuelle Art der Selbstinszenierung findet man besonders häufig bei weiblich gelesenen Personen. 

Selbstbestimmte Sexualisierung wird oft als Empowerment verstanden. An diesem Gedanken ist etwas dran, denn es ist etwas grundlegend anderes, ob ich als Frau ungewollt von außen auf meine Sexualität reduziert werde oder mich selbst entscheide, diese in den Vordergrund zu stellen. Dabei wird jedoch oft vergessen, wie unsere selbstbestimmt scheinenden Handlungen zustande kommen. Wir leben alle in einer patriarchalen Welt, in der uns von klein auf Geschlechterstereotype begleitet haben. Wir sind täglich mit einer sexistischen Lebensrealität konfrontiert, durch die Personen aller Geschlechtsidentitäten beeinflusst wurden und werden. Jede Entscheidung, die wir heute treffen, ist immer auch das Produkt jahrelanger Prägung durch Erziehung und Kultur. 

Zwischen Empowerment und Sexualisierung 

Es lohnt sich deshalb ein Nachdenken über die Grenze zwischen feministischem Empowerment und kontraproduktiver Sexualisierung. Wir Frauen sollten uns die Frage stellen, warum wir uns häufig auf diese sexuelle Art und Weise präsentieren. Die Beobachtung, dass eine Differenz besteht zwischen der Selbstdarstellung von weiblich und männlich gelesenen Personen, enthüllt, dass es auch in diesem Bereich noch feministische Kämpfe auszutragen gilt. Wir sollten es uns nicht zu einfach machen und selbstbestimmte Entscheidungen per se als feministisch labeln. Auch diese können, ohne es zu wollen, Sexismen und Stereotype reproduzieren. Es wäre wirklich niemandem geholfen, wenn wir die Augen davor verschließen – am allerwenigsten uns Frauen. 

Um es deutlich zu sagen: Das bedeutet nicht eine Einschränkung des Rechts auf Selbstbestimmung oder gar eine Entschuldigung der andauernden Sexualisierung von außen - und erst recht nicht von Belästigung und Übergriffigkeit. Egal, wie viel ich mich selbst sexualisiere, kein anderer hat das Recht, das gleiche mit mir zu tun. 

Die eigene Selbstdarstellung unter die Lupe nehmen 

Es ist dennoch ein Aufruf zur Selbstreflektion. Zum kritischen Überdenken des eigenen Verhaltens: Warum stelle ich mich wie dar? Bin das wirklich ich oder ist es eigentlich ein Stereotyp, das ich hier zu erfüllen versuche? Habe ich vielleicht die implizite Annahme, als Frau nur wertig zu sein, wenn ich schön und sexy bin? All das sind mächtige Installationen einer frauenfeindlichen Gesellschaft und es muss sich keine Frau schämen, diese verinnerlicht zu haben. Es ist dennoch eine logische und notwendige Entwicklung unter modernen Feminist:innen, im Streben nach echter Gleichberechtigung, auch die eigene Selbstdarstellung kritisch unter die Lupe zu nehmen.
 

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