Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Sexarbeit während Corona: Mehr Druck, weniger Hilfe

Auf der Hamburger Reeperbahn ist zur Zeit wenig los.
[Symbolfoto: Julia Segantini]

30.07.2020 11:24 - Julia Segantini

Home Office, Kurzarbeit; Viele haben trotz Corona zumindest beschränkt die Möglichkeit, zu arbeiten und damit die eigene Existenz zu sichern. In einigen Branchen liegt jedoch noch immer alles still. Eine davon ist die Sexarbeit. Wir haben mit dem Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD e.V.) und mit Madonna e.V., Treffpunkt und Beratungsstelle für Prostituierte, darüber gesprochen, wie Sexarbeiterinnen derzeit über die Runden kommen.
 
„Plötzlich bin ich sieben Tage die Woche Zuhause“, erzählt Tamara Solidor. Sie ist beim BesD für das Generalsekretariat und die Finanzen zuständig und betreut den Notfallfonds, den der Berufsverband für Sexarbeitende bereitstellt. Sie ist auch selbst im Escort, der Sexualbegleitung und im Bordell tätig. Ihr sind von einem Tag auf den anderen alle Termine weggebrochen, Reisen und Hotelbuchungen wurden abgesagt.

Nun arbeitet sie nur noch aus dem Home Office für den Berufsverband. Ihren Hauptberuf kann sie nicht ausüben, weil sie Online-Dienste nicht anbieten möchte. „Ich bin überhaupt kein virtueller Typ. Ich brauche die menschliche Interaktion“, erklärt sie. Um ihr Budget ein wenig aufzustocken, verkauft sie erotische Fotos. Mehr als 50 Euro pro Session könne man allerdings nicht verlangen, meint sie. Sie schätzt, dass sie 95 Prozent Lohneinbußen verzeichnet.

Prekäre Lage

So geht es zur Zeit den meisten Sexarbeitenden, sagt auch Heike Köttner von Madonna e.V. An die Bochumer Beratungsstelle wenden sich Prostituierte vor allem bei rechtlichen und finanziellen Angelegenheiten. Weil Sexarbeit zur Zeit grundsätzlich verboten ist und sich das so schnell nicht ändern wird, fehlt vielen Sexarbeitenden das Geld. „Ausnahmen sind gut aufgestellte, deutsche Frauen, die über Cam- oder Telefonsex etwas reinbekommen“, berichtet Köttner. Migrantische Frauen arbeiteten häufiger unter besonders prekären Bedingungen. Diese hätten auch seltener die Möglichkeit, auf Online-Dienste umzuschwenken, weil ihr Deutsch oft nicht für Chats reicht oder ihnen das Equipment fehlt.

Was das für Folgen hat, fasst Solidor so zusammen: „Viele driften in die Illegalität ab. Freier-Foren werden genutzt, um sich zu verabreden, Zeitungsannoncen geschrieben, Laufwege auf zufällige Interessenten abgegangen.“ Auch Solidor kennt Existenzängste, obwohl ihr Partner sie finanziell unterstützen kann. „Ich muss mir keine Sorgen machen, dass ich nichts zu Essen kaufen kann. Aber je länger sich das Verbot der Arbeit zieht, desto schwieriger wird es“, sagt sie.

Keine Soforthilfe für Prostituierte

Tatsächlich gibt es für Sexarbeitende keine Zuschüsse von Staat oder Bund. Die Soforthilfe für Selbstständige und Kleinunternehmer greift meist nicht. Dafür müssen sie in ihrem Bundesland und beim Finanzamt gemeldet sein, also eine Steuernummer haben, was bei vielen nicht der Fall ist. „Sexarbeiterinnen waren immer schon eine Gruppe, für die es schwierig ist, finanzielle Hilfen des Bundes zu bekommen“, meint Köttner. Was bleibt, ist das Arbeitslosengeld, was auch gerade für diejenigen, die nicht offiziell in Deutschland gemeldet sind, schwierig zu beantragen ist. Sie müssen nämlich nachweisen, dass sie die Voraussetzungen erfüllen, um in Deutschland arbeiten zu dürfen.

„Nicht umsonst haben Frauenhäuser mehr Anfragen als sonst und sind mittlerweile voll.“

Die letzte Möglichkeit ist der Nothilfefonds des BesD. Dieser finanziert sich ausschließlich aus Spenden. „Zu Beginn der Krise war die Spendenbereitschaft sehr groß, aber man kann zusehen, wie das stark nachlässt“, stellt Solidor fest. Wer wie viel Geld aus dem Fonds bekommt, entscheidet ein fünfköpfiges Komitee im Einzelfall. Der BesD arbeitet eng mit Beratungsstellen und Sozialarbeiter*innen zusammen, die die individuellen Problemlagen vor Ort einschätzen. Von 50 Euro bis zum gerade so vierstelligen Bereich im absoluten Ausnahmefall sei alles dabei. „Mehr können wir nicht stemmen. Und das ist ja auch ein Notfallfonds, der soll nicht die Kosten von drei oder vier Monaten abdecken – obwohl es nötig wäre“, ist sich Solidor sicher. „Das ist für Menschen gedacht, die sich nichts zu Essen kaufen können oder alleine mit drei Kindern Zuhause sitzen und nicht wissen, wie es weiter geht. Oder wer dringend medizinische Versorgung braucht, aber keine Krankenversicherung hat oder eine Notunterkunft braucht“, schildert sie.

Durch die vielen Anfragen stieß der Fonds bereits im Juni an seine Grenzen, der Verband unterstützt nämlich Sexarbeitende in ganz Deutschland. Einen anderen Fonds in der Größenordnung oder weitere bundesweit vernetzte Berufsverbände gibt es nicht. Solidor ist sich sicher: „Wir sind ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wenn sich das noch lange so hinzieht, ist das eine Katastrophe. Wir sind eine Branche, für die sich niemand einsetzen möchte.“

Schwierige Abhängigkeitsverhältnisse

Sowohl Madonna e.V. als auch der BesD sehen ein zusätzliches Problem. Das Prostituiertenschutzgesetz verbietet es, an der Arbeitsstelle zu übernachten. Viele Prostituierte mieten dort aber ein Zimmer, um sowohl zu arbeiten, als auch zu übernachten. Als Mitte März die Bordelle schließen mussten, standen viele Sexarbeitende vor der Obdachlosigkeit. Deshalb setzte sich der BesD mit dem Familienministerium auseinander.

Daraufhin wurde das Verbot gelockert. Zu spät, findet Solidor, denn in der Zwischenzeit seien manche bereits obdachlos geworden. Zwar hätten sich manche Betreiber*innen schon früher über das Verbot hinweg gesetzt, damit die Menschen einen Platz zum Schlafen haben, so verhielten sich aber nicht alle Bordellbetreiber*innen, sagt Köttner.

Das Problem: Es gibt deutlich mehr Prostituierte als Plätze in einem Bordell. „Deshalb haben die Betreiber große Macht. Der kann sagen, entweder du machst so mit, wie ich es will oder du kannst gehen“, gibt sie zu bedenken. Unter besonderem Druck stünden Frauen, die noch eine Familie finanziell unterstützen müssen. Viele ließen sich deshalb auf Angebote von Freiern ein, weil sie keine andere Möglichkeit sehen.

Preis-Dumping und mehr Gewalt gegen Frauen seien die Folge, so Solidor. Freier seien in der Position, Preise oder Praktiken zu verlangen, die die Frauen normalerweise nicht annehmen würden. „Und selbst wenn mir was passiert, was dann? Viele Anlaufstellen wurden geschlossen. Und wer sagt offen, dass man weitergearbeitet hat? Diese Frauen können sich an niemanden wenden und haben keine andere Wahl, als in ihrer Notlage weiterzuarbeiten“, sagt sie. Auch Köttner bestätigt: „Nicht umsonst haben Frauenhäuser mehr Anfragen als sonst und sind mittlerweile voll.“

 

Stimmen aus der Sexarbeit

Seit vergangener Woche ist im Eingangsbereich der Essener Universitätsbibliothek eine Plakatausstellung zum Thema Sexarbeit zu sehen. Das autonome Frauenreferat des AStA hat die 2011 entstandene Ausstellung gemeinsam mit der Studentin für Gleichstellungsarbeit an die UDE geholt. Akduell hat mit der Historikerin Mareen Heying gesprochen, die die Ausstellung konzipiert und die zugrundeliegenden Interviews mit Sexarbeiterinnen geführt hat. Ihre Plakatausstellung „Einblicke in den Berufsalltag von Sexarbeiterinnen“ kann noch bis zum 19. Januar am Campus Essen angeschaut werden.
 

Corona: Ein Virus für Arme

Der Markt regelt das schon mit dem Virus? Ja, aber sollte er nicht, findet unsere Redakteurin Sophie.
 

She works hard for the money

Kirche für Huren? Was nach einer paradoxen Vorstellung klingt, wurde vergangenen Sonntag, 5. Juni, in der Pauluskirche in Bochum realisiert. Der Madonna e.V. zur Förderung der beruflichen und kulturellen Bildung von Sexarbeiterinnen organisierte anlässlich des Internationalen Hurentags zum zehnten Mal einen Gottesdienst mit Lesung, Musik und einer Ausstellung.
 
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