Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

„Selbst das Wunder sein“

03.09.2018 12:49 - Marie Eberhardt

„Nach der Fachtagung ist vor der Fachtagung“, heißt es am Ende der zweitägigen Veranstaltung von und für Menschen mit Handicap in der Volkshochschule Essen. Alle zwei Jahre bietet dieses einzigartige Format inklusive Workshops eine Plattform zum Austausch und Vernetzen an. Dabei thematisieren die Gruppen wie “Ohne Moos nix los” oder “Frau - trau dich” sehr unterschiedliche Themen. Zur öffentlichen Präsentation am 31. August wurden die Ergebnisse der zehn Arbeitsgruppen vorgestellt  und diskutiert, zum ersten Mal auch mit Lokalpolitikern.

„Unsere Meinung zählt - Leben mit Handicap – ohne Einschränkung!?“ ist in diesem Jahr das Motto der zweitägigen Fachtagung von und für Menschen mit Handicap. Für diese ist die Aktion Menschenstadt, das Integrationsmodell sowie das Diakoniewerk Essen verantwortlich. Dazu bearbeiten am Donnerstag, 30. August sowie am Vormittag des 31. rund 120 Menschen verschiedene Inhalte. Vom Thema “Gesundes Leben” über “selbstständiges Wohnen” bis hin zum Umgang mit “Sexualität”: Ein breites Angebot erwartet die Teilnehmer*innen. Das Besondere: Die Moderation der Arbeitsgruppen übernehmen Menschen mit Handicap. Schließlich ist ein Ziel der inklusiven Fachtagung, dass die Kompetenzen von Menschen mit Handicap anerkannt werden, sie gleichberechtigt mitarbeiten und sich selbst vertreten. Wer sind aber diese Menschen mit Handicap beziehungsweise Menschen mit Behinderung, wie sie bei der letzten Fachtagung noch genannt wurden? Zu ihnen werden Menschen gezählt, deren gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe dauerhaft beeinträchtigt wird. Daran schuld sind soziale oder Umweltfaktoren, sogenannte Barrieren, die sie in ihrem Alltag beeinflussen – wie etwa Stufen an Hauptbahnhöfen.

„Frau – trau dich!“

So wie bei Jennifer Saurenhaus, die von allen “Jenni” genannt wird. Sie sitzt im Rollstuhl und kann auch ihre Arme kaum benutzen. Für

viele alltägliche Dinge wie Essen und Trinken ist sie deshalb auf Hilfe angewiesen. Seit Dezember 2017 setzt sie sich als Frauenbeauftragte der Behindertenwerkstätten der Gesellschaft für Soziale Dienstleistungen Essen (GSE) vor allem für Frauen mit Handicap ein. Ihre Position als Sprachrohr für die Werkstatt-Frauen existiert erst seit Dezember 2017. Auch die Arbeitsgruppe „Frau – trau dich“, kann auf ihre Hilfe bauen. Die reine Frauengruppe fungiert dabei auch als Schutzraum während der Fachtagung. Inhaltlich beschäftigen sich die Teilnehmerinnen vor allem mit den eigenen Grenzen und wie diese selbstständig verteidigt werden können. Dabei folgen sie dem Motto: „Was macht mich stark? Was tut mir gut?“ Am Freitag können sich die Frauen aussuchen, ob sie sich schminken lassen oder das WenDo-Training kennen lernen. Mit verschiedenen Übungen wird ihnen dabei durch Selbstbehauptung und Selbstverteidigung zu mehr Selbstsicherheit verholfen. Die Teilnehmerinnen zeigen sich begeistert, können ihre Erfahrungen miteinander teilen und voneinander lernen. Anabel Jujol, die künstlerisch mit Menschen mit Handicap arbeitet, bestaunt Julia Reichenbergers Kraft, welche diese gezielt einsetzt um sich im Rollstuhl mit einer Handtasche zu verteidigen. Neben dieser Art von Selbstbehauptung ist Julia auch sehr am mündlichen Austausch interessiert. Sie ist Mitglied der „Frauen-Schnatter-Gruppe“, die sich einmal im Monat donnerstags im eJE-Café in Essens Kopstadt-Passage trifft.

Ohne Moos nix los

Bei der Präsentation der verschiedenen Arbeitsgruppen und der anschließenden Diskussion standen aber vor allem die Themen Geld und Wohnraum im Zentrum. Die Gruppe „Ohne Moos nix los“ offenbarte ihre Träume von Urlaub oder eigenem Handy – Luxusgüter für die Menschen, die in Werkstätten von Trägern wie der Lebenshilfe oder der Diakonie arbeiten. Gesetzlich steht diesen nämlich nur ein Taschengeld von 67 bis 325 Euro im Monat zu, da der Rest des Geldes für ihre Pflege verwendet wird. Die unterschiedlichen Beträge kommen durch den Steigerungsbetrag zustande, welcher nach individueller Arbeitsleistung – insbesondere unter Berücksichtigung von Arbeitsmenge und Arbeitsgüte – berechnet wird. Mindestlohn ist hier Fehlanzeige. Die Arbeitsgruppe möchte mehr finanzielles Mitspracherecht und das Recht selbst bestimmen zu können, was mit ihrem Geld passiert.

Gehört werden

Zum ersten Mal stellte sich auch die Lokalpolitik auf dem Podium den Wünschen und Fragen der Teilnehmer*innen. So werden Hartmut Peltz, Chef vom Essener Sozialamt, sowie Martin Schlauch (SPD) Vorsitzende des Sozialausschusses von einem Teilnehmer gefragt, warum nicht mehr alte Häuser ausgebaut werden, als immer mehr teure Neubauten zu genehmigen. Deren Miete könne sich doch keine*r mehr leisten. Während Schlauch kompliziert erklärt und Fehler eingesteht, wird ein „Leichte Sprache“- Schild im Publikum hoch gehalten.

Der SPD-Politiker zeigt sich dankbar über die Begegnung mit Menschen, die er sonst viel zu selten spricht. Gerade für diesen Austausch von Menschen mit ganz unterschiedlichen Perspektiven sollte die Fachtagung noch mehr genutzt werden. In zwei Jahren wird das Bundesteilhabegesetz, das zum 1. Januar 2020 in Kraft tritt, Thema der Fachtagung sein. Die „Mensch Zuerst“ Gruppe wird diese vorbereiten und sich mit weiteren Einrichtungen vernetzen. Zum nächsten Treffen am 18. Oktober im Haus der Kirche von 17 bis 18.30 Uhr lädt Moderator Maximilian Sagel, Bewohner einer Diakonie Einrichtung, alle ein. „Nicht nur abwarten und Tee trinken, sondern selbst das Wunder sein“, meint er. Schließlich ist für ein inklusives Essen für alle noch viel zu tun. Kaffee und Kuchen gibt es trotzdem!

 

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