Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Essener Studentin auf der Sea-Watch 3

Verena Würz bei ihrer Arbeit an Bord.
[Foto: Till M. Egen]​​​​​​​
04.11.2019 11:46 - Sophie Schädel

Die Essener Medizinstudentin Verena Würz ist auf dem Seenotrettungsschiff Sea-Watch 3 mitgefahren. Sie behandelte an Bord die Geflüchteten. Nach dem Einsatz, der weltweit für Schlagzeilen sorgte, ist sie nun wieder an Bord. Wir haben sie gefragt, was Seenotrettung medizinisch bedeutet und wie der Einsatz ihre politische Einstellung beeinflusst hat.

Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es u. a. um Flucht, Folter und Suizid.

ak[due]ll: Wie bist du Teil der Crew geworden?
Würz: Ich habe mich bei allen möglichen Hilfsorganisationen für Auslandseinsätze beworben. Das ist eine gute Sache und ich möchte diese Art Medizin machen. Dann habe ich ein halbes Jahr lang nichts von Sea-Watch gehört, und plötzlich kam die Frage: „Bist du nächste Woche dabei?“. Das war recht spontan, aber die Chance wollte ich nutzen. Man denkt das nicht, aber Sea-Watch hat viele Bewerber. In der Zeit war das Schiff noch beschlagnahmt. Das ist erst drei Tage vor meiner Mission freigekommen. Darum habe ich vor allem Spiegel Online im Auge behalten, bis ich da gesehen habe, dass die Sea-Watch frei ist. Außerdem musste ich ganz praktische Sachen klären: Wer kümmert sich um meine Katze? Was ist mit der Uni?

Was geschah auf der Sea-Watch 3?

Vor der libyschen Küste rettete das Schiff mit Kapitänin Carola Rackete 53 Geflüchtete aus Seenot und brachte sie Richtung Europa. 17 Tage lang weigerte sich Italien, das Schiff anlanden zu lassen. Verena Würz teilte Rackete schließlich mit, die Verantwortung für die psychisch belasteten und teils suizidalen Patient*innen auf dem Schiff nicht mehr tragen zu können. Daraufhin steuerte Rackete den Hafen trotz Verbots an und wurde inhaftiert. Den gesamten Einsatz hat ein Team des NDR dokumentiert.

ak[due]ll: Ihr konntet euren Einsatz starten und habt vor der libyschen Küste 53 Menschen von einem Boot gerettet. Welche medizinischen Probleme hatten sie?

Würz: Wir hatten mit vielen Verbrennungen und Verätzungen von den Booten gerechnet. Darin entsteht ein Cocktail aus Benzin und Salzwasser, der schreckliche Verätzungen hervorruft. Das war aber bei meinem Einsatz kein so großes Thema wie gedacht. Wir hatten allerdings viel mit alten und frischeren Folterverletzungen zu tun. Und der psychische Aspekt hat durch den langen Standoff vor der Küste von Lampedusa eine große Rolle gespielt. Außerdem haben wir viel allgemeinmedizinische Betreuung geleistet. Die Menschen haben meist seit Jahren keinen Arzt gesehen. Die haben die Chance auf dem Schiff natürlich genutzt und kamen dann zum Beispiel mit jahrealten Leistenbrüchen zu uns.

ak[due]ll: Du warst Teil des medizinischen Teams auf dem Schiff. Wie groß war deine Verantwortung?

Würz: Ich war nicht allein für die Patienten verantwortlich. Wir haben in einem vierköpfigen Team gearbeitet: eine Fachärztin für Anästhesie, eine Kinderärztin, ich und ein Rettungssanitäter. Ich fahre seit vier Jahren auf dem Notarztwagen mit, habe in der Notaufnahme und der inneren Medizin gearbeitet. Also bin ich in Notfallmedizin ziemlich routiniert.

ak[due]ll: Gab es trotz der Routine Fälle, die du so noch nie gesehen hattest?

Würz: Solche psychischen Schäden erlebt man hier auch, aber nicht in der Dichte und Intensität wie auf dem Schiff. Vor allem lebt man hier nicht mit seinen Patienten zusammen, wie wir es auf dem Schiff getan haben. Und dann natürlich die Folterverletzungen, die man hier so im Alltag dankenswerterweise nicht sieht. Das sind Verbrennungen, unverheilte oder schief verheilte Brüche. Wir haben zum Beispiel von Schlägen zertrümmerte Knie gesehen, durch die die Menschen massive Probleme beim Gehen haben. Viele Probleme im Bereich der Wirbelsäule durch Schläge oder Unfälle, die nie adäquat versorgt wurden. Und wie gesagt der psychische Aspekt. Die Folter hinterlässt vor allem psychische Verletzungen.

ak[due]ll: Warum genau bist du mitgefahren? Wolltest du Menschen helfen, oder war das auch ein politischer Akt?

Würz: Das ist schwierig zu sagen, auch weil sich meine politische Meinung seitdem ein bisschen gewandelt hat. Ich bin überhaupt nicht links, sondern komme aus der gesellschaftlichen Mitte. Akademikerhaushalt, ganz spießiger klassischer Bildungsweg. Was mich frustriert und an mir genagt hat, war, wie sich die Sprache in der Politik und den Medien geändert hat. Diese Verrohung der Sprache hat mich stark gestört. Außerdem ertrinken da einfach Menschen, und die EU ignoriert das. Gleichzeitig schwingen wir aber die Moralkeule in der ganzen Welt. Das ging für mich so wenig zusammen, dass ich gesagt habe: Mit meinem Beruf kann ich helfen, also sollte ich das auch tun.

ak[due]ll: Wie hat sich deine Einstellung bei und nach dem Einsatz auf der Sea-Watch 3 verändert?

Würz: Zum einen haben wir vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verloren. Das finde ich regelrecht verstörend. Wir wollten ja Italien durch das Urteil in die Zuständigkeit zwingen. Da sind wir auf voller Linie gescheitert. Wir haben nicht mit einem kompletten Zuspruch gerechnet, aber wir haben nicht mal einen Teilzuspruch bekommen. Wenn man selbst dabei ist und die Menschenrechtsverletzungen auf unserem Schiff beobachtet, man Folterspuren sieht und dokumentiert; wenn man weiß, dass die Libysche Küstenwache EU-subventioniert ist, das hinterlässt einen schon nachdenklich. Ich bin immer noch nicht der Meinung, dass die Lösung wäre, alle Grenzen abzuschaffen. Aber wir müssen die Probleme im Ausland angehen und nicht immer noch neue schaffen, wie es gerade auch wieder in Syrien passiert. Wir handeln so widersprüchlich. Wir rufen Konflikte in der Welt hervor und dann wundern wir uns, wenn wir irgendwann am Ende auch mal Konsequenzen zu zahlen haben. Das ist verlogen. Es muss eine staatliche Seenotrettung geben.

„Stoppt das Ertrinken im Mittelmeer“

1.000 Menschen haben sich innerhalb von fünf Tagen zusammengefunden, um für sichere und legale Fluchtwege nach Europa zu demonstrieren.
 

ak[due]ll: Du bezeichnest auch die Situation bei euch an Bord als menschenrechtsverletzend. Was waren da die Probleme?

Würz: Nach der Rettung aufs Schiff sind erstmal alle glücklich. Die ersten ein, zwei Tage war da die pure Erleichterung, am Leben zu sein. Fakt ist aber auch: drei Toiletten für über 50 Leute. Man schläft auf Decken auf dem Boden. Zu essen gab es nur Couscous oder Reis, 17 Tage am Stück. Die Menschen an Bord waren zum Glück sehr diszipliniert.

ak[due]ll: Eure Kapitänin Carola Rackete hat eine enorme Strahlkraft entwickelt und steht allein vor Gericht. Wie schaust du jetzt auf den Einsatz zurück?

Würz: Gegen Caro läuft noch ein Verfahren. Ich denke, ein paar von uns werden für sie aussagen. Dann hätte man zumindest ein bisschen das Gefühl, einen Beitrag zu leisten. Das Schiff ist beschlagnahmt, was natürlich meiner Meinung nach die allergrößte Katastrophe an der ganzen Sache ist. Aber ich bin es so leid, über die Vergangenheit zu reden. Der Drops ist gelutscht. Die Geflüchteten sind an Land, die sind in Sicherheit. Es nützt niemandem, ständig über diese eine Mission zu reden. Es gab etliche davor. Nur durch eine Verkettung von Umständen und weil unsere Welt gerade scheinbar immer eine Heldenfigur braucht, die sie verteufeln oder vergöttern kann – egal ob Greta Tunberg oder Caro Rackete – nur durch diese verrückte Welt ist diese Mission so berühmt geworden. Ich würde mir wünschen, dass alle davor genauso wertgeschätzt werden.

ak[due]ll: Würdest du nochmal so einen Einsatz mitmachen?

Würz: Montag [Anm. d. Red.: 21. Oktober 2019] fliege ich wieder zum nächsten Einsatz mit der Sea-Watch 3. Das Schiff liegt gerade in Licata auf Sizilien und ist immer noch beschlagnahmt. Wir hoffen jeden Tag darauf, dass das Schiff freikommt und wir sofort auslaufen können. Dann könnten wir wieder Richtung SAR-Zone auslaufen. [Anm. d. Red: Search and Rescue-Zone. Gebiet vor der Küste eines Staates, wo die jeweiligen Staaten verantwortlich für die Seenotrettung wären, doch häufig Ehrenamtliche diese Verantwortung übernehmen]. Und ich wäre auch danach weiterhin dabei, sowohl als Studentin als auch später als Ärztin. Solange es das Problem gibt, würde ich dafür immer meine Urlaubstage investieren.

Eine humanitäre Flotte zur Bewältigung der Krise

Regisseur Michele Cinque begleitete die „Iuventa“, einen umgebauten Kutter vom Verein Jugend Rettet, bei Rettungsmissionen und beim Wiedersehen mit geretteten Menschen.
 

629 Kerzen für die Seenotrettung

Bundesweit finden Seebrücken-Aktionen statt, wir haben eine davon in Dortmund besucht.
 

Die Menschenrechte verteidigen

Jetzt auf der Straße. Wir haben Menschen bei der Seebrücken-Demonstration gefragt, warum sie Gesicht zeigen.
 
Konversation wird geladen