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GESELLSCHAFT

Schöne, heile (Insta-)Welt?

Eine Story dauert 15 Sekunden, ein Tag aber 24 Stunden. [Foto: Lena Janßen]
07.09.2020 12:50 - Lena Janßen

Instagram zeigt uns die schönen Dinge des Lebens: Fotos aus dem Urlaub, köstliches Essen, die neuesten Trends und vieles mehr. Immer in schönem Licht und ästhetisch. Auf dieser Plattform können alle ihr Leben in bestmöglicher Art und Weise darstellen. Doch es ist nicht immer alles Gold, was glänzt.

Eine Kolumne von Lena Janßen

Vor kurzem lud ich bei Instagram eine Story hoch, in der ich lesend im Garten zu sehen war. Die Sonne schien, ein Kaffee stand auf dem Tisch neben mir. Ich legte einen Filter über das Foto, damit die Farben noch kräftiger schienen und schickte es in die große, weite Instagram-Welt. Wenige Minuten später bekam ich eine Nachricht von einer Bekannten, die schrieb: „Deiner Story bei Instagram nach zu urteilen, geht es dir ja richtig gut.“ Diese Worte trafen mich mehr, als ich es mir zu Beginn eingestehen wollte.  Den restlichen Tag ließen sie mich nicht los. 

In mir regten sich ambivalente Gefühle: auf der einen Seite schulde ich niemandem Rechenschaft darüber, was ich bei Instagram teile und ob diese Inhalte immer zu 100 Prozent darstellen, wie es mir geht. Auf der anderen Seite ärgerte ich mich darüber, dass diese Bekannte mich nicht zuerst einmal fragte, wie es mir geht, bevor sie sich anhand des geposteten Fotos ein Urteil über meine Verfassung erlaubte. Denn es ging mir nicht gut, als ich dieses Foto hochlud. Vier Tage zuvor hatte ich keinen Fuß aus meiner Wohnung gesetzt. Meine Tage verschwammen zwischen stundenlangem Mittagsschlaf, Zigaretten am offenen Fenster und einem beinah nicht auszuhaltenden Pochen von Gedanken in meinem Kopf. „Eine depressive Krise“, sagte meine Therapeutin am Telefon zu mir. Den Weg in ihre Praxis schaffte ich nicht.

Mehr Schein, als Sein

An besagtem Tag, an dem ich dieses Foto in meiner Instagram-Story teilte, war ich des Alleinseins so satt, dass ich schließlich meine letzte Kraft aufbrachte, meinen Rucksack packte, zum Bahnhof schlurfte und in die Heimat fuhr. Dort lag ich nun, erschöpft von einer – für mich – gefühlten Weltreise, im Garten meiner Mutter und versuchte mich auf ein Buch zu konzentrieren. Als dies nicht klappte, machte ich das besagte Foto und lud es hoch. Nach der Nachricht meiner Bekannten fühlte sich dies allerdings wie ein Fehler an. Ich machte mir in den darauffolgenden Tagen noch viele Gedanken über meinen Auftritt auf Social Media, über die heile Instagram-Welt und ihre Wirkung auf andere Menschen. 

Ich mag dich, aber dein Insta nicht

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Ich gehe auf meinem Profil sehr offen mit meiner Diagnose Depressionen um. Das beinhaltet auch darzustellen, dass es in meinem Leben ein ständiges auf und ab ist. Es gibt gute Tage und schlechte Tage. Trotz des offenen Umgangs damit, bin ich nicht dazu verpflichtet an jedem Tag meines Lebens sichtbar zu machen, ob es mir grade gut oder schlecht geht. Zudem sind Instagram-Storys nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen. Eine Story dauert 15 Sekunden, mein Tag 24 Stunden. Als ich die Nachricht von meiner Bekannten bekam, fühlte ich mich nicht gesehen, weil sie 15 Sekunden von 24 Stunden nahm und damit über mein Wohlbefinden urteilte. Die Menschen sehen das, was sie sehen wollen und das, obwohl ich auf meinem Account sehr transparent über meine Krankheit kommuniziere. Was muss ich also noch zeigen, erzählen oder erklären, damit gesehen wird, dass mein Alltag aus mehr besteht, als einer 15-sekündigen Sequenz bei Instagram. Das macht mich wütend und das möchte ich sagen dürfen. Es macht mich wütend, dass ich nicht zuerst gefragt werde, wie es mir geht, bevor ich ein Urteil vor den Kopf geknallt bekomme. Der immer häufigere unsensible Umgang im Internet macht mich wütend.

Die Nachricht habe ich übrigens ehrlich beantwortet: „Nein, es geht mir nicht gut.“ Daraufhin bekam ich ein „oh, das tut mir leid“ zurück.
 

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