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GESELLSCHAFT

Scheiß' auf deine Selbstliebe!

Hier gibt’s schöne Gefühle, aber mehr auch nicht. [Fotos: Sophie Schädel]

28.12.2020 20:10 - Sophie Schädel

„I'm a Woman, what’s your Superpower?“ Das prangt auf einer Instagram-Story. Solche Posts begegnen mir häufig. Frauen im Rollstuhl oder mit Speck auf den Hüften und Haaren an den Beinen schauen mich mit stolz erhobenem Haupt an. Empowernd sollen solche Bilder sein. Mich nerven sie, denn sie verfehlen ihr vermeintliches Ziel.

Eine Kolumne von Sophie Schädel

Selbstliebe und Selbstakzeptanz sind gerade auf Instagram große Themen. Frauen* sind mit allen möglichen Diskriminierungsformen konfrontiert. Lästige Anmache auf dem Nachhauseweg oder am Arbeitsplatz, Gewalt durch den Partner, niedrigerer Lohn und Altersarmut, Sanktionierung durch das soziale Umfeld von Körpern, die aus der gewünschten Norm fallen.

Duisburg am Safe Abortion Day

 

Klar ist es schön, wenn wir unter diesem ganzen Mist weniger leiden. Natürlich ist es eine wertvolle Botschaft, Mädchen* und Frauen* zu sagen, dass ihre Körper ok sind, wie sie sind. Aber die Botschaft bringt uns ab da keinen Schritt weiter. Selbst wenn wir es schaffen, uns zu akzeptieren, überwinden wir den Sexismus dadurch noch lange nicht. Wir richten mit solchen pastellfarbenen Instagram-Postings nur in einer sexistischen Welt gemütlich ein. Das mag die Welt individuell erträglicher machen, aber keinesfalls besser. Aus mehreren Gründen spielen wir uns damit etwas vor.

Diese Haltung würde heißen, dass der Umgang mit Diskriminierung der Job der Betroffenen ist, dass sie sich auf eine richtige Art dazu verhalten sollen und dadurch den Sexismus ausmerzen. Damit verlieren wir aus dem Blick, dass wir – als gesamte Gesellschaft, nicht nur als die Betroffenen – Veränderungen erkämpfen müssen.

Zwangsheirat? Hauptsache, du fühlst dich wohl!

Zweitens machen uns diese Aufrufe zur Selbstliebe von Frauen* vor, dass das Sexismus-Problem dann behoben wäre, wenn wir uns gut fühlen. Wohlfühl-Feminismus hilft nur denen, die ihn sich leisten können. Diejenigen, die gerade mit dem Pfefferspray in der Hand nach Hause laufen, die vor ihrer Zwangsheirat stehen, die ohne Hilfe des Partners den schlecht bezahlten Job, drei Kinder und den Haushalt jonglieren, die von anderen Kindern in ihrer Klasse gemobbt werden, weil sie dick oder dünn sind, fühlen sich völlig zurecht beschissen. Wie soll Selbstliebe dabei helfen, diese Probleme zu lösen?

Außerdem behauptet dieser Wohlfühl-Feminismus, dass Sexismus ein individuelles Problem ist, das sich individuell lösen lässt. Ganz im Sinne des Neoliberalismus sagen uns solche Postings, dass es etwas gibt, das jede* Einzelne von uns an ihrer Einstellung verändern muss, und damit wäre dem Sexismus der Garaus gemacht. Sexismus ist aber ein Problem, das die Gesellschaft als Ganze lösen muss.

Unsere Superpower ist nicht, dass wir Frauen* sind. Aber wenn wir uns zusammentun, um gemeinsam gegen Missstände zu kämpfen, dann ist das eine Superkraft. Und wenn wir damit fertig sind, dann können wir uns sicherlich alle wohler fühlen. Das lässt sich übrigens auch auf Rassismus, Klassismus und den ganzen anderen Scheiß übertragen. Sorry für den Pathos, aber pathetischer als diese leidigen Pastell-Wohlfühl-Bildchen ist diese Kolumne ganz sicher nicht.

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