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RB Leipzig und moderner Fußball

Momentan ruht der Ball in der Bundesliga, RB Leipzig hat bereits den ersten Transfer getätigt. [Symbolbild: pixabay]

31.12.2020 17:28 - Özgün Ozan Karabulut

Zum 1. Januar 2021 wechselt mit Dominik Szoboszlai ein Toptalent von RB Salzburg zum Fußball-Bundesligisten RB Leipzig. Somit ist der ungarische Nationalspieler der achtzehnte Profi, der seit der Gründung von RB Leipzig aus Österreich zu den Sachsen wechselt. Weshalb ist RB Leipzig kein gewöhnlicher Bundesligist und welche Rolle spielt hierbei der moderne Fußball?

Dominik Szoboszlai kam 2018 aus Liefering nach Salzburg und wird ab Januar 2021 der achte Spieler in Leipzigs Kader mit einer RB-Vergangenheit. Max Dinkelaker, Redakteur des Fußballmagazins 11 Freunde, schätzt die Transferpolitik wie folgt ein: „Je besser Leipzig wird, desto eher werden sie auch bessere Spieler holen. Irgendwann wird es auch sportlich keinen Sinn mehr machen, erst den Spieler in Salzburg zwei, drei Jahre zu parken, bevor man ihn holt. Es sei denn, es handelt sich um ein Ausnahmetalent wie Szoboszlai.“

Die Red Bull GmbH (RB) hat den RasenBallsport Leipzig e. V. im Jahr 2009 gegründet und hält seit der im Jahr 2014 vollzogenen Ausgliederung 99 Prozent der Anteile an der RasenBallsport Leipzig GmbH. Das Startrecht für die fünftklassige Oberliga Nordost wurde dem sächsischen SSV Markranstädt abgekauft, was als der Startschuss für die folgenden Aufstiege bis in die höchste Spielklasse des deutschen Herrenfußballs gilt. Vier Jahre zuvor machte Red Bull in Österreich den ersten Schritt im Profifußball. Der SV Austria Salzburg wurde übernommen und heißt seither FC Red Bull Salzburg.

Neben RB Salzburg steht mit dem Zweitligisten FC Liefering ein weiterer österreichischer Klub im engen Verhältnis zum Getränkehersteller. Der Klub ist inoffiziell unter der Kontrolle von RB und stellt defacto die zweite Mannschaft der Salzburger. Die Verflechtungen sind nicht von der Hand zu weisen, selbst auf der Seite von RB wird der FC Liefering als Farmteam für RB Salzburg genannt. Neben den deutschsprachigen Vereinen existieren mit den New York Red Bulls in den USA und Red Bull Bragantino in Brasilien Fußballvereine unter der Kontrolle des Getränkeherstellers. RB Salzburg dient den Leipzigern als Talente-Pool, während der FC Liefering die Ausbildung der jungen Spieler in der Akademie übernimmt und diese dann nach Salzburg schickt.

Da es die Regularien in Deutschland im Gegensatz zu Österreich verbieten, den Sponsoren im Vereinsnamen zu tragen, wurde der Name RasenBallsport mit dem Kürzel RB entworfen. Bemerkenswert sind auch die Ähnlichkeiten der Vereinswappen von Leipzig, Salzburg und Liefering: Alle drei Vereine haben das gleiche Corporate Design. 2016 trug ein Salzburger Spieler aus Versehen ein Trikot mit seiner Beflockung, jedoch mit dem Wappen der Leipziger.

Leipzig und die Salzburg-Connection

Aktuell sind sieben Profis Teil des Leipziger Kaders, die aus einer RB-Filiale zu den Sachsen wechselten. Fünf Spieler standen beim letzten Bundesligaspiel gegen den 1. FC Köln in der Startelf. In der Anfangszeit der Leipziger waren die Transfers aus Salzburg weniger spektakulär als in der Phase der Etablierung in der Bundesliga. Ein Transfer im Jahre 2014 hat damals für großes Aufsehen gesorgt. Rapid Wiens Spieler Sabitzer wollte nach Salzburg wechseln, was durch eine Klausel in seinem Vertrag unmöglich war. Um die Klausel zu umgehen, holte Leipzig den Spieler und verlieh ihn nur einen Tag später an Salzburg weiter. Sabitzer ist nun einer der Leistungsträger der Leipziger. Illegal war der Transfer nicht, jedoch stellt sich die Frage, ob es sich bei Leipzig und Salzburg um zwei eigenständige Vereine handelt.

2018 gab es das erste Aufeinandertreffen der beiden erstklassigen RB-Klubs im Rahmen der Gruppenphase der Europa League. Im Vorfeld dieser Begegnung wurden seitens der Union of European Football Associations (UEFA) Bedenken geäußert, ob Leipzig und Salzburg überhaupt als zwei eigenständige Vereine angesehen werden können und somit gegeneinander spielen dürfen. Für viele der Fußballfans gibt es darüber keine zwei Meinungen: Salzburg und Leipzig sind nicht voneinander getrennt einzuschätzen und stehen unter der Kontrolle von RB. Die UEFA hat insbesondere von Salzburg eine größere Distanz zum Getränkehersteller gefordert, was durch einen Entflechtungsprozess eingeleitet wurde. RB zog sich unter anderem aus dem Aufsichtsrat der Salzburger zurück und tritt offiziell lediglich als Sponsor auf.

Transferbilanz, 50+1 und Organisation

Zu der Realität des modernen Fußballs mit Transfers in Millionenhöhe gehören finanzkräftige Investoren dazu. Mit finanziellen Schwierigkeiten hatten die Leipziger im Gegensatz zu anderen Aufsteigern in die Bundesliga nicht zu kämpfen. Somit überrascht es nicht, dass die Transferbilanz der Leipziger in den letzten fünf Spielzeiten nach der des FC Bayern München die schlechteste aller Bundesligisten ist. Die Transferbilanz stellt Einnahmen und Ausgaben für Transfers von Spielern gegenüber. RB hat eine negative Bilanz, somit haben sie mehr für Spieler ausgegeben als eingenommen. „Bis zu den Einnahmen aus den Abgängen von Naby Keita und Timo Werner hat RB katastrophal gewirtschaftet. Sie haben natürlich gute Fachleute in ihren Abteilungen, um das auf dem Papier gut darzustellen. Ich glaube, dass sie jedes Schlupfloch ausnutzen, das es in den Auflagen gibt“, kritisiert Dinkelaker.

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Fußball ohne Emotionen und Fans ist lediglich Business. [Symbolbild: pixabay]

 

Neben der Finanzkraft der erst seit der Saison 2016/17 in der Bundesliga vertretenen Leipziger fällt die Organisationsstruktur des Vereins auf. Man kann hier kein stimmberechtigtes Mitglied werden. Selbst bei der TSG Hoffenheim – für viele Fans eine Blaupause für einen künstlich hochgezogenen Klub – kann man einen Mitgliedsantrag stellen und stimmberechtigtes Mitglied werden. RB Leipzig hat ganze 19 stimmberechtigte Mitglieder.

„Man kann bei 19 ordentlichen Mitgliedern nicht von einem Fußballverein sprechen. Auf dem Papier werden die Auflagen zwar eingehalten, aber mehr ist das dann auch nicht. Die einzelnen Mitglieder sind zum großen Teil mit Mateschitz (Anm. d. Red.: Miteigentümer von RB) und Red Bull verflochten“, meint Dinkelaker. Die für Fans bedeutsame 50+1 Regel der Deutschen Fußball-Liga dient dazu, dass der Verein die Stimmhoheit hat. Ein Verein darf somit nur maximal 49 Prozent seiner Stimmrechte an einen Investor verkaufen. Damit wird der Einfluss von Investoren in den jeweiligen Klubs beschränkt. Leipzig verstößt nicht gegen die 50+1 Regel, hebelt sie jedoch defacto aus. Obwohl das Stimmrecht eines Investors auf 49 Prozent beschränkt ist, kann der Investor mehr als 50 Prozent des Kapitals zur Verfügung stellen und somit ein Abhängigkeitsverhältnis schaffen. Bei RB Leipzig wird die Regel eingehalten, da es im Rahmen von 50+1 unerheblich ist, ob der Brausekonzern die Mehrheit des Kapitals stellt.

Aus rechtlicher Perspektive gibt es nichts zu beanstanden, jedoch werden der Sinn und die Intention der Regel konterkariert. Warum bemüht sich Leipzig nicht, sich zu einem normalen Verein mit Wappen und stimmberechtigten Mitgliedern zu entwickeln? Mit Fans, die ihre Stimme abgeben können, ginge auch der Einfluss des Konzerns zurück.

Cash Rules Everything

„RB ist ein Imitat eines Fußballvereins. Alle anderen Vereine der Fußball-Bundesliga wurden ursprünglich gegründet mit dem Zweck, Fußball zu spielen. Leipzig wurde von Red Bull gegründet, um das Produkt zu vermarkten. Der Verein wurde aus Marketinggründen geboren, RB ist ein Plastikprojekt“, kritisiert Dinkelaker. Wie eine Zukunft für Leipzig ohne Mateschitz aussehen kann, ist fraglich.

Gerade im Ruhrgebiet, wo der Fußball für viele Menschen mehr ist als nur Sport, stößt RB Leipzig auf Ablehnung. Hierbei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass der Fußball sich längst zu einem kapitalistischen Geschäft mit mittelständischen Unternehmen entwickelt hat. Wenn in Krisenzeiten langjährige und verdiente Mitarbeiter:innen entlassen werden, sind Diskussionen um Tradition und Malochermentalität fehl am Platz.

Es handelt sich um ein Geschäft, das den Regeln des Wettbewerbs unterworfen ist. Es könnte die Norm werden, dass die Vereine ohne große Investoren nicht mehr konkurrenzfähig bleiben und Klubübernahmen wie in England vollzogen werden. „Bei Schalke sieht man momentan, dass sie finanziell durch die Corona-Pandemie bedingt aus dem letzten Loch pfeifen. Wenn es aktuell um diese hohen Summen geht, dann wird es sehr, sehr schwierig, sich ohne Investor über Wasser zu halten. Und das ist natürlich ein strukturelles Problem, da ist auch nicht Leipzig schuld daran“, so Dinkelaker.

Das Vorgehen von RB verstößt nicht gegen geltendes Recht, jedoch wird eines sehr deutlich: Mit fähigen Expert:innen und ausreichend finanziellen Möglichkeiten können die Regularien elegant umschifft werden. Auf der Strecke bleiben die Vereine, die diesen Weg nicht gehen wollen oder können. Meist sind das Vereine, bei denen die Anhänger:innen von Traditionsklubs sprechen.

 

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