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GESELLSCHAFT

Rassismus: Die Realität meiner Sprache

Seltsame Spitznamen wie „Der Siedler“ prägten meine Jugend.[Foto:pixabay]

19.04.2021 11:59 - Canberk Köktürk

Mein Leben lang ist meine Sprache von rassistischen Fremdbezeichnungen oder Alltagsrassismus geprägt. Als Nichtmuttersprachler habe ich das als Normalität wahrgenommen. Erst jetzt, als mir das klar geworden ist, bemerke ich meinen erlebten sowie eigenen Rassismus der Vergangenheit und Gegenwart umso deutlicher.

Eine Kolumne von Canberk Köktürk

Die Sprache bildet nicht nur die Realität ab. Sie sorgt für ein Machtkonstrukt, das die angebliche Objektivität bestimmt und somit Einfluss auf die wahrgenommene Realität Einzelner hat. Das konnte ich in den letzten Jahren in Bezug auf meinen eigenen und selbsterlebten Rassismus beobachten. Damit diese etwas abstrakte Aussage an Substanz gewinnt, muss ich etwas ausholen:

Wenn ich in der Schule mit meinen besten Freund:innen abhing, wurde ich immer auf die Herkunft meiner Eltern reduziert oder bekam seltsame Spitznamen wie „Der Siedler“. Meine Persönlichkeit war strikt mit der Religion und Migrationsgeschichte meiner Eltern beziehungsweise meiner Großeltern verbunden. Im Musikunterricht wurden Lieder über die „Türkentränke“ gesungen oder im Geschichtsunterricht über den Antisemitismus im Islam gesprochen, während man den Holocaust behandelte.

Weshalb mich Alltagsrassismus einschränkt

Das Gefühl des Fremdseins und Alltagsrassismus sind meine ständigen Begleiter. Bin ich fremd in der Ferne, oder fremd in der Heimat?
 

Sprache hat so eine Schublade konstruiert, in die ich täglich hineingeworfen wurde. Lehrer:innen, Freund:innen und ihre Eltern bestimmten stark meine Sozialisation. Ich wurde „der Türke“ und nicht nur ein Außenseiter in meinem innersten Kreis, sondern auch in meiner eigenen Heimat. Doch ich empfand es nicht als schlimm, sondern als meine Norm, meine Realität. Den Schmerz der Abgrenzung spürte ich bereits damals in der tiefsten Ecke meiner Seele, aber konnte ihn nicht zuordnen.

Eine toxische Ambivalenz zur eigenen Heimat

„Hier wird Deutsch gesprochen“, riefen unsere Fußballtrainer, wenn sich türkische, kurdische und albanische Jungs miteinander in ihren Muttersprachen unterhielten. Das hieß für uns: Wir müssen uns anpassen! Wir müssen Deutsch sprechen, damit wir ein Teil dieser Gesellschaft sein können! Und wenn wir es taten, wurden wir dennoch diskriminiert. Was macht das aus einem jungen Menschen? Eine toxische Ambivalenz zur eigenen Heimat kann doch nur dafür sorgen, dass viele Personen mit Migrationsgeschichte in eine tiefe Identifikationskrise fallen.

„Ey Nigeria-Gang! Ihr passt jetzt auch mal auf!“, riefen die Fußballtrainer, wenn sich unsere BPoC-Mitspieler miteinander unterhielten. Rassistische Fremdbezeichnungen wurden permanent geäußert. Wen wundert es, wenn junge Menschen diese auch in ihren eigenen Wortschatz übernehmen. Eine Autoritätsperson wie ein:e Lehrer:in oder ein:e Trainer:in hat Macht über die diskriminierte Person und bestimmt in solchen Momenten die Sprache - und die wiederum die wahrgenommene Realität. Auch ich wurde so sozialisiert. Erst als ich mich aus diesen Strukturen emanzipiert habe, wurden mir außerdem mein eigener Rassismus, Sexismus und andere  Diskriminierungsformen bewusst.

Sprache erhält diskriminierende Machtstrukturen

Das Bewusstsein für all die Diskriminierungen in unserer Gesellschaft verstärkte sich auch durch die Enteignung des Sprachmonopols. Durch soziale Medien finden Menschen endlich Gehör, wenn sie über die verschiedensten Arten der Diskriminierung und ihre fest verankerten Strukturen sprechen. Persönlichkeiten wie Alice Hasters, Gianni Jovanovic, Max Czollek, Mohamed Amjahid und viele mehr richten den Diskurs neu aus und greifen damit bestehende Machtverhältnisse an.

Die Menschen, die rassistischen und sexistischen Strukturen jahrelang aufrecht hielten, verlieren nun nach und nach ihre sprachliche Vorherrschaft. Sie haben Angst vor dem Verlust ihrer sprachlichen Privilegien und somit auch um ihren Einfluss auf die Realität. Dadurch entsteht Empörung wie bei der Umbenennung der Paprika-Soße oder Schokoküsse und dem Gendern. Es ist nichts weiter als die pure Angst vor dem Machtverlust der privilegierten „Das darf man doch wohl noch sagen dürfen“-Menschen. Eigentlich wollen benachteiligte Minderheiten nichts anderes als die Mehrheitsgesellschaft: Einfluss auf die Sprache nehmen – nur mit einem nobleren Ziel als dem Erhalt bestehender Machtstrukturen. Sie wollen auf die Ungerechtigkeit aufmerksam machen und sie mit der Hilfe von Sprache unterstreichen.

Um aus den alten Strukturen zu entkommen, musste ich Freundschaften beenden, mit dem Vereinssport aufhören, mich mit jedem anlegen, der sich rassistisch äußert, und stundenlange Gespräche mit Menschen führen, die mir sehr nahe stehen aber nicht ihren eigenen, ausgeübten Rassismus begriffen haben. „Ich bin kein Rassist!“ Erst die Einsicht führt zur eigenen Besserung. Erst das Hinterfragen der eigenen Sprache führt zur veränderten Wahrnehmung des eigenen rassistischen Verhaltens. Und dafür muss sich die Sprache drastisch verändern. Das passiert aber nur durch das Zuhören von Opfern von Rassismus, Sexismus und allen anderen Diskriminierungen. Das wiederum führt zur Reflexion der eigenen Fehler. Nur so konnte ich erst mein Bewusstsein für meinen erlebten und ausgeübten Rassismus nach Jahren nachvollziehen.

Sprachpurismus? Nein, danke.

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