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Rammsteins „Skandalvideo“ zu Deutschland: Hauptsache empört

Rammsteins martialisches Auftreten sorgte oftmals schon für Kontroversen. [Symbolfoto: flickr.com/Jenny Goodfellow/CC BY-NC-ND 2.0]

08.04.2019 13:36 - Anna Riemen

​​​​​​​Zehn Jahre nach Liebe ist für alle da haben Rammstein ein neues Studioalbum angekündigt; als Erstauskopplung veröffentlichten sie das Lied Deutschland, inklusive Musikvideo. Ebenfalls inklusive: Der für Rammstein schon fast routiniert zu nennende Skandal, den es nach sich zog. Doch diesmal kam dieser mit einem kleinen Plot-Twist.

Ein Kommentar von Anna Riemen

Plakativer als hier kann Antipatriotismus eigentlich nicht mehr gezeigt werden: Eine schwarze Germania, ein überspitzter Panoramaausflug quer durch die Gräueltaten der deutschen Historie und Liedzeilen wie „Deutschland […] meine Liebe kann ich dir nicht geben.“ Doch ein wohlkalkulierter 35-Sekunden-Teaser vor der eigentlichen Videopremiere, in dem die Bandmitglieder zu sehen sind, wie sie blutend in KZ-Kleidung am Galgen hängen, genügte, um einen Aufschrei zu verursachen.

Kontext ist, wie eigentlich jedem bewusst sein sollte, wichtig bei der Einordnung solch einer kurzen Videosequenz. Doch hatte niemand die Geduld dazu, auf die Veröffentlichung des Gesamtwerks zu warten, bevor kollektiv Galle darüber gespien wurde. Schnelle Reaktionen zu einem Thema sind in unserem gut vernetzten Zeitalter von elementarer Wichtigkeit. Wie sie inhaltlich aussehen, ist eigentlich egal, Hauptsache, sie erfolgen schnell und versprühen Dramatik, damit sie auch ja beachtet werden.

Gerade, wenn es um heikle Themen der jüngeren deutschen Geschichte geht, genügt ein kleiner Pieks für eine Lawine. Rammstein haben sich seit Jahrzehnten jeher klar zu ihrer linken politischen Gesinnung bekannt (ganz konkrete Äußerungen wie “Wir hassen Nazis!” sind etwa in Interviews mit der Rolling Stone zu lesen) und auch dazu, dass ihr martialisches Auftreten ein reines Kunstmotiv ist. Ebenso spritzt die Ablehnung der Verherrlichung deutscher Geschichte „Deutschland“ im Sekundentakt auf Bild- und Tonebene aus allen Poren. Doch stur wurde sich an etablierten Vorurteilen gegen die Band entlang gehangelt, unabhängig davon, dass sie längst widerlegt wurden: Rammstein rollen das „R“, daher müssen sie von rechtsaußen kommen und sobald sich bildlich eines Motives aus der Holocaustthematik bedient wird, ist dies sofort als eine Verhöhnung der Schrecken der Shoa einzuordnen. Die Medienlandschaft empörte sich endlos - und zwar vorschnell.

Es gab auch fundierte Kritik

Rammstein haben dieses Exempel der Empörungskultur bewusst herbeigeführt und so die uninformierte Kurzsichtigkeit, auf der sie häufig basiert, entlarvt. Nicht zum ersten Mal fällt auf, wie wenig gerade Menschen älterer Generationen dazu bereit sind, Kunst als Kunst zu begreifen. Genauso sucht das Phänomen der blinden Empörung auch jüngere Generationen heim: Die „Volltrottelband Rammstein“ muss „dringend untergehen“ titelt etwa ein Artikel von VICE direkt nach der Veröffentlichung des Kurzclips. Letztendlich sind Rammstein es, die zuletzt und daher am längsten lachen. Der öffentliche Skandal trägt zum reibungslosen Weiterlaufen ihrer seit Jahrzehnten gut geschmierten PR-Maschine bei. Die Aufmerksamkeit für ihr neues Album ist Rammstein sicher, gute Verkaufszahlen vermutlich inklusive.

Genau solcher Kritik sehen sich Rammstein ebenfalls ausgesetzt. Sie erfolgte jedoch unabhängig von der durch vorschnelle Reaktionen auf den Teaser fehlinterpretierten Einordnung des Videos ins rechte Spektrum. Sprecher des jüdischen Forums der CDU sowie des israelischen Außenministeriums und der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland empörten sich ebenfalls - jedoch werfen sie Rammstein Zunutzemachen der Holocaustthematik vor, um Kontroversen anzufachen und mediale Aufmerksamkeit zu generieren. Im Gegensatz zum glänzenden Beispiel für die auf Halbwissen aufbauende aktuelle Empörungskultur, welche sich durch die vorschnellen Einordnungen des antipatriotistischen Deutschlandvideos ins rechte Spektrum offenbarte, ist diese Kritik durchaus fundiert.

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