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GESELLSCHAFT

Polen gehört zu meiner Identität

Mein Vater kommt aus der polnischen Ostseestadt Danzig. [Foto: Saskia Ziemacki]
27.08.2021 16:13 - Saskia Ziemacki

„Ich spreche leider kein polnisch“, muss sich Redakteurin Saskia mit Wurzeln in Polen immer wieder rechtfertigen. Ihre Mutter kommt aus Deutschland, ihr Vater aus Polen. Das Bedauern darüber, nicht bilingual aufgewachsen zu sein, kam erst im Erwachsenenalter. Heute schämt sie sich, dass sie sich als Kind für Land und Sprache geschämt hat. 

Eine Kolumne von Saskia Ziemacki

Ich liebe meine Eltern und hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihnen. Auch zu meiner Familie in Polen, zu der wir als ich klein war jährlich 12 Stunden mit dem Auto gefahren sind. Es war kein Problem für mich, mit Händen und Füßen zu kommunizieren. Ich war ruhig und schüchtern und niemand erwartete viel von mir. Doch von Jahr zu Jahr wurde es anstrengender, meine Familie zu besuchen. Mir wurde immer bewusster, dass wir uns nicht verständigen können. Und die Besuche wurden weniger. 

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Ich gebe niemandem die Schuld, nie polnisch gelernt zu haben. Mein Vater musste viel im Krankenhaus arbeiten und hat selbst mit allen Mitteln versucht, deutsch zu lernen. Meine Mutter spricht kein polnisch. Auf Kindervideos sehe ich, dass ich auf Deutsch antworte, wenn mein Vater etwas auf Polnisch sagt. An dieses Verstehen habe ich keine Erinnerung mehr, denn schon in der Grundschule wollte ich mich nicht zu Polen und der polnischen Sprache bekennen. Es war eine „uncoole“ Sprache – eine, über die gelacht und nicht gestaunt wurde. 

Kinder sind grausam

Ich bekomme einen Kloß im Hals, wenn ich an die Aussagen denke, die Mitschüler:innen und Freund:innen in der Grundschulzeit über die Herkunft meines Vaters gemacht haben. Aber viel mehr noch bei meinen Eigenen. Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, meine Klasse hatte drei Kinder mit Migrationsgeschichte. Man wollte nicht herausstechen. Bereits der Vorname von meinem Vater sorgte für Gelächter. Sein polnischer Akzent wurde selbst von meinen Freundinnen nachgeäfft. Ich konnte diesen Akzent selbst nicht hören und wurde jedes Mal wütend – auf meine Freundinnen, aber auch darauf, dass mein Vater anders war. 

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Die Stadt Danzig, ihre Strände und die Umgebung sind traumhaft. [Foto: Saskia Ziemacki]
 

„Warum kann mein Vater nicht aus Frankreich oder Spanien kommen?“, dachte ich als Kind. Eine Frage, für die ich mich bis heute schäme. Denn diese Länder waren angesehen – schöne Urlaubsorte mit Sprachen, die man später lernen wollte. Osteuropa hingegen galt als verpönt. „Polacken können nichts als Autos klauen“, musste ich mir häufig anhören. Polen war ein Land, das mit vielen negativen Vorurteilen behaftet war, mit denen man als Kind nicht umgehen konnte. 

Ich habe gelernt, stolz zu sein

Polen oder Teile Polens wurden bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 immer wieder von Deutschland „übernommen“, wie es oft verharmlost in der Geschichtsschreibung steht. Dass es mit Krieg, Vertreibung und Massenmord in Verbindung steht, wird schnell unter den Tisch gekehrt. Als Kind habe ich nur die Informationen aufgeschnappt, die in mein Weltbild gepasst haben: Polen war mal Deutschland. Damit rechtfertigte ich mich bei meinem Umfeld. Natürlich gab es auch eine deutsche Bevölkerung, die sich zu den Zeiten in Polen angesiedelt hatte, doch meine Familie gehörte nicht dazu. Sie hat einen weitreichenden polnischen Stammbaum, ein Familienwappen und ist stolz auf ihre Herkunft. Warum konnte ich es nicht sein?

Falls mein Vater je etwas von meinem Schamgefühl mitbekommen hat, hat er es sich nie anmerken lassen. Er nannte mich liebevoll żaba, was übersetzt Frosch heißt, aber ein polnisches Äquivalent zu Maus im Deutschen ist. Er hat mir nie vorgehalten, dass ich kein Polnisch spreche und seit meiner Jugend immer seltener mit nach Polen gefahren bin. Manchmal erwische ich ihn dabei, wie ihn der Gedanke traurig macht, dass seine Enkelkinder vermutlich gar nichts mehr mit Polen zu tun haben werden. Doch ich habe inzwischen verstanden, dass Polen zu meiner Identität gehört. Darauf bin ich stolz und werde das auch meinen zukünftigen Kindern weitergeben. 

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