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GESELLSCHAFT

Beziehungsweise

Platonische Liebe ist keine minderwertige Liebe

21.01.2020 12:49 - Anna Riemen

Platonische Liebe wird häufig abwertend mit der berüchtigten „Friendzone“ gleichgesetzt. Weshalb eine nicht-körperliche Beziehung nicht weniger wertvoll sein muss.

In Platons Symposion ist dessen Lehrmeister, Sokrates, in zwei Dinge verliebt: In die Philosophie und in den als „Wunderkind Athens” bekannten Alkibiades. Zu Lebzeiten Platons ist das erotische Interesse eines älteren Mannes an „schönen Knaben“ gesellschaftlich akzeptiert. Doch Sokrates Zuneigung äußert sich anders. Er fühlt sich zum Genie des Alkibiades hingezogen. Von den zahlreichen Avancen des Jünglings bleibt er hingegen unbeeindruckt. In der Philosophie ist der Begriff „platonische Liebe” Teil der platonischen Ideenlehre. Wie er in der heutigen Zeit verstanden wird, geht dagegen auf diese Geschichte zurück. Er bezeichnet eine tiefe emotionale Verbindung – aber eben keine der erotischen Art. 

Menschen haben einfach nur verlernt, sich auf Nähe ohne jede sexuelle Konnotation einzulassen.

In der Hochkultur des Internets wird die platonische Liebe oft mit der berüchtigten „Friendzone“ gleichgesetzt– und die ist fast immer negativ geprägt. Wer „gefriendzoned“ wurde, war nicht „gut“ genug, um als potenzielle*r Partner*in Betracht gezogen zu werden. Nico*, ehemaliger Student der UDE, ist sich dagegen sicher: Menschen haben einfach nur verlernt, sich auf Nähe ohne jede sexuelle Konnotation einzulassen. Kuscheln etwa sei für ihn nicht nur für sexuelle Beziehungen reserviert. „Ich fühle mich meinen rein platonischen Freunden dabei unfassbar nah, wir geben uns gegenseitig Zuneigung, Aufmerksamkeit und Nähe – ganz ohne, dass das zu mehr führen muss. Eigentlich ist es doch das natürlichste der Welt, einen Menschen zu umarmen“, findet er. „Natürlich schafft eine sexuelle Dimension in einer Beziehung Nähe und Intimität. Allerdings ist das nicht die einzige Möglichkeit, dies herzustellen.“

Dipl.-Psychologe und Paartherapeut Rüdiger Wacker sieht das ähnlich. Erotik muss ihm zufolge weder in einer Paarbeziehung, noch in anderen Beziehungsformen das entscheidende Bindeglied sein. „Weder Sexualität noch der Verzicht darauf kann Tiefe garantieren. Eine platonische Liebe kann genauso oberflächlich oder tief sein wie eine Partnerbeziehung mit Sexualität. Es gibt keinen Grund, eines von beiden auf- oder abzuwerten.“ Es gibt also viel mehr Faktoren als bloß sexuelle Verbundenheit, die die Beziehung zwischen zwei Menschen wertvoll machen kann. Auch gilt es, kritisch zu hinterfragen, ob wir die zwischenmenschlichen Dinge, die wir brauchen, tatsächlich nur aus einer sexuellen Verbindung ziehen können. „Wir könnten etwa von körperlicher Nähe viel mehr bekommen, wenn wir platonische Beziehungen genauso wertvoll einordnen und auch diesen Menschen erlauben, uns Nahe zu kommen. Wir sind im Jahr 2020 und diese Offenheit sollten wir uns erlauben,“ resümiert Nico.

*Name von der Redaktion geändert.
 

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