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GESELLSCHAFT

„Opa ich hab' dich lieb, aber ich kann dich nicht mehr leiden“

Die Liebe zu Angehörigen kann sich im Laufe eines Lebens verändern.

(Symbolbild: Jacqueline Brinkwirth)

12.01.2019 12:35 - Jacqueline Brinkwirth

Wenn Eltern oder Großeltern alt werden und gepflegt werden müssen, springen häufig die Angehörigen ein. Doch nicht nur die Gebrechen und Krankheiten an sich können die Beziehung zu den Verwandten belasten, sondern auch, wie die Persönlichkeit eines Menschen sich im Alter verändert. Ein Erfahrungsbericht.

Meine Großeltern hatten was ihre Gesundheit anging sehr lange sehr viel Glück. Bis vor vier Jahren ist mein Opa noch Auto gefahren – und das mit 86 Jahren. Meine Oma brauchte zwar irgendwann ein neues Knie, aber auch da war nach OP und Reha alles wieder in Ordnung. Die beiden konnten weiterhin in ihrer Wohnung leben und waren selbstständig und mobil. Und ich war gerne jede Woche zu Besuch, meist sogar mehrere Male. Zu meinen Großeltern zu kommen war immer schön und lustig. Wir spielten oft Karten, quatschten stundenlang, tranken den einen oder anderen Eierlikör. Aber wie das im Leben so ist, änderte sich das schlagartig und ohne Ankündigung.

Vom Wirbelbruch zum Pflegefall

Eines Morgens hatte mein Opa so starke Schmerzen im Rücken, dass er sich weder aufsetzen noch sonst irgendwie bewegen konnte. Der Notarzt brachte meinen Großvater schließlich ins Krankenhaus. Diagnose: Wirbelbruch im Lendenbereich. Er kam nach gut einer Woche wieder nach Hause und konnte sich das folgende Jahr kaum bewegen. Mühsam erkämpfte er sich ein bisschen Mobilität wieder – auf Kosten der Gesundheit meiner Oma. Denn diese hatte sich im Jahr seiner Genesung um alles kümmern müssen und litt nun selbst zunehmend an Unbeweglichkeit. 

Auch wurde sie stetig nervöser, vergaß dauernd Sachen, ließ den Herd an… bis auch sie schließlich wegen zu großer Schmerzen in den Knien ins Krankenhaus kam. Das war im vergangenen Jahr. Seitdem war auch mein Großvater mit einem erneuten Wirbelbruch wieder im Krankenhaus. Nach wenigen Tagen wurde er entlassen und ist seitdem bettlägerig, kann nicht mehr alleine auf die Toilette gehen. Obwohl täglich eine Pflegekraft kommt,  bleibt ein Großteil der Arbeit bei der Familie liegen. „Wenn du nach der Arbeit vorbeifährst, weißt du ganz genau, dass du noch lange nicht Feierabend hast“, so formuliert meine Mutter es. Doch das ist nicht alles. Sich um das psychische Wohl meiner Großeltern zu kümmern, ist in den vergangenen Jahren ebenfalls deutlich schwieriger geworden.

Altersstarrsinn in Reinform

Als ich letzte Woche bei meinen Großeltern zu Besuch war, habe ich beide kaum wiedererkannt. Nicht nur der körperliche Verfall, die Gebrechlichkeit und das nun deutlich sichtbare Alter haben mich schockiert. Meine Oma ist nur noch ein Schatten ihrer einst sehr positiven und herzlichen Persönlichkeit. Fahrig, nervös, den Tränen nahe und in Gedanken immer nur bei meinem Opa – das ist nun offenbar der Normalzustand. Und auch mein Opa wird von Tag zu Tag unangenehmer. Er meckert und stänkert, wo es nur geht. „Wenn man jemanden von euch braucht, ist ja wieder keiner da“, oder: „Deine Oma macht hier doch eh nichts“, sind nur einige Beispiele für seinen Starrsinn und Egoismus. Und ja, wir haben alle Verständnis für seine Situation. Aber nicht für seinen Umgang damit. 

„Typisch sind im Alter eine ausgeprägtere Ich-Bezogenheit und die fast lächerliche Verzerrung gewisser Charakterzüge, die bereits früher auffielen, jedoch weniger störten oder besser kompensiert werden konnten“, heißt es in einer Abhandlung von Psychologie-Professor Volker Faust. Das ist nur eine von vielen Veränderungen, die eine Persönlichkeit im Alter durchlaufen kann. Denn mit jedem Jahr nimmt die geistige Kapazität eines alternden Menschen ab, was eben auch dafür sorgt, dass bestimmte Charakterzüge sich verstärken. „Wenn der Kopf nicht mehr will wie früher, entwickeln ältere Menschen oft Eigenarten, die vorher nicht da waren. Das kann in vielen Fällen dafür sorgen, dass ihr Verhalten unangenehm oder sogar verletzend wird“, beschreibt es Krankenpflegerin Karin*.

„Und plötzlich sind diese Menschen einfach anders, man erkennt sie kaum wieder.“

Sie arbeitet seit 12 Jahren auf einer geriatrischen Station, pflegt täglich alte Menschen. Sie erlebt oft, dass Angehörige besonders unter den psychischen Veränderungen ihrer Eltern oder Großeltern zu leiden haben: „Man muss sich das so vorstellen: Man kennt seinen Vater oder seine Mutter sein ganzes Leben lang. Und plötzlich sind diese Menschen einfach anders, man erkennt sie kaum wieder. Das belastet natürlich. Und für viele Angehörige macht das die Beziehung auch kaputt.“

„Opa, ich hab‘ dich sehr lieb. Aber ich kann dich gerade echt nicht leiden“

Mit jeder Woche wird es für meine Familie und mich schwieriger, uns mit gleichbleibender Geduld und Fürsorge um meine Großeltern zu kümmern. Emotional ist das eine doppelte Belastung. Einerseits macht es mich traurig, dass meine Großeltern sich kaum oder gar nicht mehr bewegen können und kurz davor stehen, das letzte bisschen Selbstständigkeit aufgeben zu müssen. Denn ich liebe meine Großeltern und ich möchte, dass es beiden gut geht. 
Andererseits ist es zermürbend, wenn man Zeit und Energie investiert und im Gegenzug weder Dankbarkeit noch Verständnis erfährt. Mittlerweile beschränken sich meine Besuche auf das Notwendigste. Meine Mutter nimmt das Ganze sichtlich mit. Wie uns alle. Denn was am Ende des Tages bleibt, ist ein Gefühl der Ohnmacht. Und vielleicht ein bisschen Wut, dass wir nichts an der Situation ändern können. Wie man mit diesem Gefühlswirrwarr umgeht, habe ich noch nicht herausgefunden. Vielleicht ist es einfach Zeit, diesen Zustand zu akzeptieren wie er ist und dankbar zu sein für die Zeit, die noch mit meinen Großeltern bleibt. Denn in diesem Drama gibt es nur diesen letzten Akt: Alle Held*innen sterben. 

*Name von der Redaktion geändert

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