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GESELLSCHAFT

Online-Casinos: Glücksspiel im Internet wird legalisiert

Glücksspiele wie Online-Poker sind nun offiziell legal. [Foto: pixabay]

02.07.2021 08:08 - Özgün Ozan Karabulut

Seit dem 1. Juli 2021 ist die neue Fassung des deutschen Glücksspielstaatsvertrages in Kraft, der von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet ausdrücklich gelobt wurde. Online-Casinos sind nun legal und werden staatlich reglementiert. Dr. Anke Quack ist Leiterin des Kompetenzzentrums Spielerschutz und Prävention der Universitätsmedizin Mainz. Die Expertin erklärt, welche Bedeutung das neue Gesetz für Glücksspielsucht und Prävention hat.

ak[due]ll: Frau Doktor Quack, was wird unter Pathologischem Glücksspielen verstanden?

Dr. Anke Quack: Pathologisches Glücksspielen – umgangssprachlich auch Glücksspielsucht – ist eine behandlungsbedürftige Abhängigkeitserkrankung, an der jeder, unabhängig von Alter, Geschlecht, Ausbildung und Einkommen, erkranken kann. Die Entwicklung verläuft schleichend, oft über viele Jahre hinweg. Vergleichbar mit sogenannten stoffgebundenen Süchten, wie Alkohol und Nikotin, aktiviert auch das pathologische Glücksspielen das Belohnungssystem im Gehirn und führt zu vergleichbaren Effekten.

Das Gehirn „lernt“, dass sich mithilfe des Glücksspiels positive Gefühle erzeugen lassen. Gleichzeitig tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Um den gewünschten Kick zu erleben, muss immer mehr und mit höheren Einsätzen gespielt werden. Obwohl Betroffene massiv unter den Folgen ihrer Glücksspielsucht leiden, können sie nicht aufhören. Das Glücksspiel dominiert das Leben des Betroffenen. Alle anderen Interessen und Verantwortlichkeiten werden dem untergeordnet.

ak[due]ll: Der neue Glücksspielstaatsvertrag legalisiert Online-Casinos. Ist zu erwarten, dass dadurch die Zahl der Spielsüchtigen ansteigt?

Quack: Glücksspiele im Internet waren bislang überwiegend verboten. Trotzdem boomen sie seit Jahren und das ohne verbindliche Regeln für den Jugend- und Spielerschutz. Mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag (GlüStV) werden diese Angebote  legal, dafür müssen Glücksspielunternehmen ihre Angebote begrenzen und den Jugend- und Spielerschutz sicherstellen. Allerdings bergen Online-Glücksspiele aufgrund ihrer Eigenschaften ein erhöhtes Gefährdungspotential.
Da geht es vor allem um die ständige Verfügbarkeit, die schnelle Abfolge der Spiele sowie die intensive Bewerbung der Glücksspielangebote. Mit der Legalisierung ist auch mit einer Zunahme von Werbeaktivitäten zu rechnen. Im Mittelpunkt der Werbeaktivitäten werden vor allem junge, netzaffine Leute stehen. Aus suchtpräventiver Perspektive sind gerade diese besonders gefährdet. Die Entwicklung müssen wir systematisch beobachten.
 
ak[due]ll: Würde ein Verbot von Glücksspielen die Anzahl von Spielsüchtigen verringern oder sind zusätzliche Präventions- und Beratungsmöglichkeiten erforderlich?

Quack: Grundsätzlich ist ein streng kontrolliertes Glücksspielangebot mit klaren Regeln für den Spielerschutz, an die sich alle Markteilnehmenden zu halten haben, zu bevorzugen. So kann man eine Glücksspielsucht verhindern und die Voraussetzungen für eine wirksame Suchtbekämpfung schaffen. Wesentliche Voraussetzung für das Gelingen des neuen GlüStV ist allerdings das konsequente Verbot aller Angebote und Aktivitäten illegaler Glücksspielanbietenden.

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Im Gegensatz zu klassischen Spielbanken sind Online-Casinos per Internet ständig verfügbar. [Foto: pixabay]

 

ak[due]ll: Setzt sich die Bundesregierung glaubhaft dafür ein, präventiv gegen Glücksspielsucht vorzugehen?

Quack: Im neuen GlüStV sind zu den bereits bestehenden Maßnahmen erweiterte Spielerschutzmaßnahmen vorgesehen, um Spielende im Internet vor den besonderen Gefahren zu schützen. Jeder, der künftig an Online-Glücksspielen teilnehmen möchte, muss ein personenbezogenes Spielerkonto einrichten. Dieses gilt unabhängig von den einzelnen Anbietenden für alle Online-Glücksspiele. Damit soll sichergestellt werden, dass vor allem Minderjährige von der Teilnahme ausgeschlossen werden. Aber auch Personen, die sich in der Vergangenheit aufgrund eines süchtigen Glücksspielverhaltens für eine weitere Teilnahme haben sperren lassen, sind von der Glücksspielteilnahme spielformübergreifend ausgeschlossen.

Zusätzlich soll eine anbieterübergreifende Limitdatei verhindern, dass Spielerinnen und Spieler zu viel Geld einsetzen. Pro Monat dürfen pro Person maximal 1.000 Euro eingesetzt werden, wobei man sicher darüber streiten kann, ob 1.000 Euro für Normalverdienende sehr hoch angesetzt sind. Es ist außerdem verboten, dass zur selben Zeit bei verschiedenen Anbietern gezockt werden kann. Veranstalter von Sportwetten, Online-Casinospielen oder Online-Poker sind außerdem verpflichtet, spielsuchtgefährdete Personen – also Spielteilnehmende, die häufig spielen – frühzeitig zu erkennen und aktiv auf ihr Spielverhalten anzusprechen.

ak[due]ll: Wie können wirksamer Spieler:innenschutz und Präventionsmaßnahmen aussehen?

Quack: Aus unserer Forschung wissen wir, dass Glücksspielende von den Spielerschutzangeboten häufig nicht erreicht werden. Das liegt auch daran, dass Spielende, die hin und wieder einen Lottoschein ausfüllen, eine Spielbank besuchen oder eine Online-Wette platzieren, kein konkretes Informationsbedürfnis haben. Personen mit einem riskanten Spielverhalten blenden ihr Risikoverhalten gerne aus und sind für Hilfsangebote zunächst kaum zugänglich. Das ändert sich häufig leider erst dann, wenn die Spielsucht schon sehr weit fortgeschritten ist, die Familie zerbrochen ist und sich Schuldenberge angehäuft haben.

Die Aufklärung und Sensibilisierung über Risiken und Nebenwirkungen einer exzessiven Glücksspielteilnahme sollte deshalb bereits in den Schulen erfolgen. Mit praktischen Beispielen über Gewinnwahrscheinlichkeiten, aber auch über die Gefahren einer Suchtentwicklung und die Merkmale einer beginnenden Spielsucht.

Auch standardisierte Frühwarnsysteme und darauf abgestimmte proaktive Interventionen können dazu beitragen. Dazu zählen beispielsweise Pop-Up-Messages oder E-Mails mit Rückmeldungen zur Spielhistorie; zum Beispiel: Sind Dauer, Häufigkeit und Einsätze der Glücksspielteilnahme mehr geworden? Wie lange spiele ich schon, wieviel habe ich eingesetzt und/oder verloren. Es geht darum, die Selbsteinschätzung und Selbstreflexion zu fördern.

 

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