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Nina Simone: Die Frau der Protestsongs

Mit vier Jahren saß Nina Simone das erste Mal am Klavier.

[Symbolfoto: pixabay.com]

03.09.2020 16:16 - Laura Lindemann

Der rassistisch motivierte Mord eines Polizisten an George Floyd zeigt einmal mehr, wie tief Rassismus noch immer in der Welt verankert ist. Früher wie heute bekämpfen ihn Aktivist:innen. Wir stellen in einer kleinen Portrait-Reihe Frauen vor, die durch ihren Aktivismus Grundsteine im Widerstandskampf gegen Rassismus gelegt haben. Diesmal: Nina Simone. 

„I am a real rebel with a cause.“ So beschreibt sich die US-amerikanische Jazz- und Blues Sängerin, Songschreiberin, Pianistin und Aktivistin Nina Simone selbst. Als sechstes Kind von acht, aufgewachsen in armen Verhältnissen, muss sie schon früh lernen sich durchzusetzen Entscheidungen für ihren Lebensweg zu treffen.

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Geboren als Eunice Waymon, am 21. Februar 1933 in South Carolina, der Vater Handwerker, die Mutter Methodistenpredigerin, kommt Simone früh mit Musik in Kontakt. Begleitet von Rassismuserfahrungen. Bei einem Schulkonzert müssen sich ihre Eltern in die letzte Reihe setzen, um den Platz für weiße Menschen frei zu machen. Dieses prägende Erlebnis macht sie später zum Mitglied der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King Jr. 

Ihren Künstlernamen nimmt Simone 1954 an. Nina bedeutet auf spanisch „kleines Mädchen“ und Simone kommt von ihrer französischen Lieblingsschauspielerin Simone Signoret. In den späten 50ern nimmt sie mit ihrem neuen Namen auch ihre ersten Songs auf. Und feiert Erfolge. Für das Label Bethlehem covert sie den Song I Loves You, Porgy, ursprünglich aus der Oper Porgy And Bess von George Gershwin. Mit diesem Klassiker wird sie über Nacht zum Star. Der Weg dorthin, ein schwieriger. Mit vier Jahren sitzt die Sängerin das erste Mal am Klavier und bringt sich das Spielen selbst bei. Ihr späterer Musiklehrer erkennt ihr Talent und ruft den Eunice Waymon Fund ins Leben, eine Spendenaktion, die ihr ein Studium an der Julliard School of Music in New York ermöglichen soll. Simone bekommt den Platz, muss ihr Studium aber aufgrund fehlenden Geldes frühzeitig abbrechen.

Vom Studienabbruch ins Showbiz

Um als Musikerin Geld zu verdienen, tritt sie regelmäßig in einem Irish Pub in New Jersey auf. Ihre Klänge aus Jazz und Blues, gepaart mit ihren kraftvollen Texten, katapultieren sie schließlich ins Showbiz. Simone selbst vermeidet es, sich als Jazz-Musikerin zu bezeichnen: „Für die meisten weißen Menschen bedeutet Jazz schwarz und schmutzig, und das ist nicht, was ich spiele. Ich spiele black classical music“, erklärt sie in ihrer Autobiografie. Dieser gibt sie den Namen „I Put Spell On You“, der deutsche Titel lautet  „Meine schwarze Seele“ meint.

Der Titel könnte daher rühren, dass in nahezu jeder ihrer Aussagen eine erschreckende Klarheit und Deutlichkeit steckt, ungeschönt und ehrlich. „Ich gehöre zu den Personen, die die soziale Ordnung leid sind, das Establishment leid sind, alles bis in meine tiefste Seele leid sind. Für mich ist die amerikanische Gesellschaft nichts anderes als ein Krebsgeschwür und es muss sichtbar werden, bevor es heilen kann. Aber ich bin nicht der Doktor, der das heilen kann.  Alles was ich tun kann, ist es, die Krankheit offenzulegen.“ Denn Simone hat den Rassismus, der in Amerika herrscht, satt. In den 60er Jahren engagiert sie sich deshalb in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und verarbeitet ihre Erlebnisse in ihren Liedern. 1963 sterben bei einem rassistisch motivierten Bombenattentat in Alabama vier schwarze Kinder. Simones Reaktion ist der wütende Song Mississippi Goddam, der auf ihrem ersten Album beim Plattenlabel Phlips erscheint. Ihre Stimme soulig und kraftvoll, ihre Texte schnörkellos und direkt. Mit emotional aufgeladenen Liedern wie To Be Young, Gifted, and Black bekommt so manch ein:e Zuhörer:in einen kalten Schauder. Und Simone wird zur Leitfigur der Bürgerrechtsbewegung. Ihre Fans betiteln sie als „die Hohepriesterin des Souls“. 

Ein Leben voller Turbulenzen 

Anfang der 60er heiratet sie den New Yorker Polizisten Andrew Stroud, der später ihr Manager wird. Gemeinsam bekommen sie eine Tochter, Lisa Celeste Stroud, die unter dem Künstlernamen Lisa Simone als Sängerin bekannt wird. Mit der Scheidung Anfang der 70er Jahre scheint es, als würde Simones metaphorisch gesprochene schwarze Seele immer mehr zum Ausdruck kommen. Sie stürzt sich in eine Affäre mit dem damaligen Premierminister von Barbados, schießt mit einer Druckluftpistole auf einen kleinen Nachbarsjungen, der sie beim Proben stört, und mit derselben Pistole auf den Geschäftsführer einer Plattenfirma, weil sie ihm unterschlagene Lizenzgebühren unterstellt. Beide werden leicht verletzt.

„Ich sage euch, was Frieden ist. Keine Angst zu haben.“

Ihr impulsives Handeln, gepaart mit großem Ehrgeiz, bringt sie dazu, Amerika zu verlassen. Grund dafür sind Probleme mit der Steuerbehörde und den Plattenfirmen, denen sie Rassismus vorwirft. So lebt Simone erst in Afrika, dann in der Karibik und schließlich in Südfrankreich. Ende der 80er kehrt sie nach Amerika zurück, wird dort allerdings direkt verhaftet. Simon weigert sich nämlich, Steuern zu zahlen, als Protestaktion gegen den ein paar Jahre zuvor ausgetragenen Vietnamkrieg, bei dem US-Soldaten Millionen Menschen in Vietnam töteten. „Ich sage euch, was Frieden ist. Keine Angst zu haben“, beschreibt Simone und begibt sich kurz darauf nach Paris ins Exil. Mit dem Song Fodder on my wings verarbeitet sie diese Zeit. Denn Simone glaubt: „Du kannst nicht helfen. Die Pflicht eines Künstlers ist es, soweit es einen betrifft, die Zeiten widerzuspiegeln.“ 

Für ihr Lebenswerk erhält Simone 1999 in Dublin einen Livetime Achievement Music Award und tritt noch bis kurz vor ihrem Tod am 21. April 2003 auf den Bühnen Frankreichs auf. Sie stirbt an den Folgen ihrer Krebserkrankung in der französischen Stadt Carry le Rouet. Bis heute bleibt die Protestsängerin und Aktivistin unvergessen. Die Musikzeitschrift Rolling Stone listet sie 2008 auf Rang 29 der 100 besten Sänger:innen aller Zeiten.

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