Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Nichts gegen die Tafel

Bei der Tafel gibt es verschiedenste Lebensmittel, die auf die Besucher*innen aufgeteilt werden, wie zum Beispiel Brot und Margarine. (Symbolfoto: flickr.com, Marco Verch, CC BY 2.0)

14.01.2019 11:11 - Dennis Pesch

Anfang Dezember brannte ein Gebäude für die Essensausgabe der Duisburger Tafel aus bisher ungeklärten Gründen nieder. Die Tafel bekam Spenden, suchte einen neuen Standort, um die Essensausgabe-Station zu ersetzen und will nun in eine alte Feuerwache in Duisburg-Wanheimerort ziehen. Dagegen gehen Bewohner*innen der Siedlung auf die Barrikaden. Die Bewohner*innen wollen die Tafel-Besucher*innen natürlich nicht diskriminieren, aber…

Ein Kommentar von Dennis Pesch

„Wir sind nicht gegen die Tafel und wollen auch die Menschen, die die Tafel besuchen, nicht diskriminieren. Aber der Standort am Ende unserer Siedlung ist völlig ungeeignet“, wird die Siedlungsbewohnerin Dagmar Quint in der WAZ zitiert. Rund 100 Wutbürger*innen sollen beim Gespräch mit der Zeitung aufgeschlagen sein. Das Pech haben also nicht die Siedlungsbewohner*innen, sondern die Tafel-Besucher*innen. Denn die möglichen neuen Nachbar*innen sind ihnen so gar nicht wohlgesonnen, geschweige denn solidarisch.

Als besorgte Bürger*innen gelten aber trotzdem die Menschen, die in der Siedlung wohnen. Erstaunlich, wo sich für ihr alltägliches Leben eigentlich nichts verändern dürfte, außer, dass sie vielleicht sehen werden, dass Armut oft unsichtbarer ist als sie glauben wollen. Die mit den existenziellen Sorgen stehen hingegen vor der Tafel an. Die Siedlung aus Wanheimerort ist offensichtlich nicht daran interessiert sich mit Menschen in Armut auseinander zu setzen, also mit Hartz IV-Bezieher*innen, Wohnungs- und Obdachlosen, Studierenden, Alleinerziehenden Müttern und Vätern, Rentner*innen, Behinderten oder Kombinationen daraus.

Da hilft auch jede Beschwichtigung nicht, dass man ja nichts gegen die Tafeln und ihre Besucher*innen habe, hat man nämlich offensichtlich schon. Das lässt sich auch an den Zitaten in der WAZ erkennen: „Hier spielen viele Kinder. Die Tafel-Besucher sitzen vielleicht später auf den Spielplätzen, trinken dort ihr Bier oder setzen sich einen Schuss. Wir wollen, dass unsere Kinder frei spielen können.“

Tafel-Besucher*innen, die sich Schüsse auf Spielplätzen setzen? Ein absurdes Ressentiment und eine böse Unterstellung zugleich. Die Aussage suggeriert: Wer zur Tafel geht, ist potenziell heroin- oder alkoholabhängig und eine Gefahr für Kinder. Das verstärkt die Unsichtbarmachung von Armut und drückt die Menschen noch weiter in die Anonymität, in die sie sich – vor dieser vor Konkurrenz triefenden Gesellschaft – ohnehin schon flüchten, um nicht geächtet zu werden. Der Besuch einer Tafel hat überhaupt nichts mit Drogenabhängigkeit zu tun. Es gibt da keinen Kausalzusammenhang, der sagt: Wer zur Tafel geht, ist auch drogenabhängig und hat sich nicht im Griff. Eher ist das Gegenteil der Fall. Viele betroffene Gruppen haben geregelte Tagesabläufe, was im Kapitalismus ein Synonym für „sich im Griff haben“ ist. Dazu gehört auch der Besuch einer Tafel. Den Kreislauf der Armut durchbrechen zu können ist in einem System, in dem Armut inhärent ist, jedenfalls eher die Ausnahme als die Regel.

Die Stadt sollte die Haltestelle barrierefrei machen, damit Menschen grundsätzlich mit Rollator in die Siedlung kommen können.

Bei solchen Aussagen belassen es die Besorgten jedoch nicht: „Und was ist mit den Hunden? Hier haben viele Hunde und nicht alle sind verträglich. Da sind Eskalationen programmiert“, sagte eine Frau. Zudem würden die Bewohner*innen mehr Dreck und Müll fürchten. Mit was sollen die Hunde nicht verträglich sein? Mit anderen Hunden? Mit der Armut der Tafel-Besucher*innen? Von wem geht denn die Eskalation aus, wenn die Siedlungsbewohnerin sie schon vorprogrammiert sieht?

Ein Argument hatte eine Wutbürgerin dann aber doch noch in Petto, bei dem sie zumindest den Anschein machte nicht nur an sich selbst zu denken: „Was sollen denn die Menschen machen, die mit Rollator kommen? Die Haltestellen sind nicht barrierefrei.“ Die Problemlösung wäre relativ einfach: Die Stadt sollte die Haltestelle barrierefrei machen, damit Menschen grundsätzlich mit Rollator in die Siedlung kommen können. Dass der lobenswerte Einsatz dafür aber erst kommt, wenn man versuchen will, die Tafel von der Siedlung fernzuhalten und sich sonst offenbar nicht dafür interessiert, zeigt ganz gut, dass es nicht mehr ist als eine vorgeschobene „Sorge“. Die besorgten Bürger*innen jedenfalls haben mal wieder gezeigt, dass ihre Sorgen eher Ressentiments sind und dass die Mehrheitsgesellschaft von Solidarität nichts versteht.

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