GESELLSCHAFT

Nicht nur gehörlos, sondern auch unsichtbar

Foto: Stephan Röhl/flickr.com CC BY-SA 2.0

01.05.2018 21:40 - Julia Segantini

Laut dem Deutschen Gehörlosenbund e.V. leben in Deutschland rund 80.000 Gehörlose. Die mangelhafte Sichtbarkeit dieser Menschen und der Gebärdensprache erschwert ihnen den Alltag. Warum es wichtig ist, das zu ändern, haben Sigrid Mölders, Schulleiterin der LVR-David-Ludwig-Bloch-Schule mit dem Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation, und Alina, Studentin der Sozialen Arbeit an Universität Duisburg-Essen (UDE), der akduell verraten.

Im Zug unterhalten sich zwei Menschen in Gebärdensprache. Fasziniert beobachte ich ihre Bewegungen, bis ich bemerke, dass ich sie regelrecht anstarre. Diese Art der Kommunikation ist hierzulande ein ungewöhnlicher Anblick, anders in einigen anderen Ländern. In den USA zum Beispiel ist es weitaus üblicher, die Sprache der Gehörlosen zu beherrschen. „Dort gehört die Gebärdensprache vielerorts zum Lehrplan. Dies ist möglich, weil sie dort offiziell als ‚Fremdsprache‘ im Schulbereich anerkannt ist“, erläutert Sigrid Mölders. Wie sie weiterhin berichtet, seien ihre gehörlosen Kolleg*innen nach jedem USA-Aufenthalt begeistert davon, wie leicht man dort in ASL (American Sign Language) kommunizieren könne. „Allein einfach auf der Straße jemanden nach dem Weg fragen zu können, stellt für die Betroffenen eine enorme Steigerung der Lebensqualität dar“, sagt sie. Auch Studentin Alina meint: „Ich finde es unglaublich wichtig, dass diesen Menschen die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt wird, wie Hörenden, denn auch sie sind ein Teil unserer Gesellschaft. Oft kommt es vor, dass Gehörlose in ihren Konversationen Laute von sich geben und dadurch fälschlicherweise als geistig behindert abgestempelt werden“, bemängelt sie.

Im alltäglichen Leben ist Gebärdensprache nur sehr wenig präsent. „Ich finde es ziemlich traurig, dass es in Deutschland nur den Sender Phoenix gibt, der die Tagesschau mit Gebärdendolmetscher sendet“, meint Mölders. Die Sichtbarkeit der Gebärde fördere auch einen selbstverständlichen Umgang damit, betont sie. Das erleichtere beispielsweise auch den Weg für berufliche Erfahrungen gehörloser Menschen. Hörende hätten demnach häufig die Sorge, sich nicht mit gebärdensprachorientierten Menschen verständigen zu können. „Wir stellen fest, dass sich in dem Augenblick, wo der Kontakt dann real und alltäglich wird, die Hemmungen abbauen und die Erfahrung überwiegt, dass die Ängste vorab unbegründet waren“, erzählt sie. Eine ähnliche Erfahrung machte Alina in ihrem Sprachkurs für Gebärdensprache an der UDE. „In meinem ersten Kurs habe ich sehr positive Erfahrungen gemacht, obwohl ich zunächst etwas skeptisch war, da die Dozentin selbst gehörlos ist und ich mir nicht vorstellen konnte, wie das funktionieren sollte. Doch dank PowerPoint und Händen und Füßen klappte die Kommunikation wunderbar“, berichtet sie.

Visuell statt auditiv 

Seit dem Sommersemester 2011 bietet die UDE pro Semester zwischen vier und acht Anfängerkurse im Bereich Deutsche Gebärdensprache an. „Seitdem wird dieser Kurs auch hervorragend angenommen und ist stark frequentiert.“, heißt es von Kathrin Doernemann vom Bereich Sprachkurse der UDE. Auch im letzten Wintersemester habe es wieder 64 Anmeldungen gegeben. „Die Einsteiger-Kurse sind sehr beliebt und es kommt oft vor, dass man ein Semester warten muss, um einen Platz zu bekommen“, bestätigt Alina. „Der weiterführende Kurs ist nicht ganz so überfüllt, da viele nur den ersten belegen, um mal ein wenig reinzuschnuppern“ Sie findet, dass die Bildhaftigkeit der Sprache es einem erleichtert, sie zu lernen. „Man gebärdet auch viele Sachen instinktiv richtig“, erzählt sie. Verwirrend sei anfangs nur die Grammatik, da alles auf das Nötigste reduziert wird. „Bindewörter wie ‚und‘ werden weggelassen und das Verb steht am Ende eines Satzes. So wird der Satz ‚Ich gehe einkaufen‘ zu ‚Ich einkaufen gehe‘“, erläutert sie. Wie Mölders erklärt, hätten visuell orientierte Menschen es leichter als auditiv orientierte. „Die Gebärdensprache aktiviert nämlich auch nicht das Zentrum im Gehirn, das normalerweise für das Erlernen von Fremdsprachen zuständig ist, sondern in der Tat das visuelle“, führt sie aus. „Bei unseren geflüchteten Schüler*innen stellen wir spannenderweise fest, dass sie die Gebärde fast aufsaugen und darüber sehr schnell mit ihren Mitschüler*innen in Kontakt kommen und einen erleichterten Zugang zur deutschen Laut- und Schriftsprache finden“, stellt sie fest.

Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache. „Selbst in Deutschland gibt es unterschiedliche Dialekte, so kann aus der Gebärde für ‚keine Ahnung‘ auch mal ganz schnell ‚Hohlkopf‘ werden, wenn man nicht aufpasst“, sagt Alina lachend. Zudem basiere vieles auch auf „Vorurteilen“. „Franzosen werden bei uns oft als ein wenig hochnäsig angesehen und dementsprechend ist auch die Gebärde dafür“, erklärt Alina. Trotz der Unterschiede zwischen Gebärdensprachen gibt es laut Mölders sehr viele Überschneidungen. „Die Gebärdensprache könnte wesentlich zur Völkerverständigung beitragen. Ich sähe sie gern als Weltsprache!“, sagt sie.

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