Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Nicht nur durch die A40 getrennt

Die A40 teilt Essen in arm und reich – das zeigt auch das Stück „Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital“ (Foto: rat).

05.03.2018 09:04 - Mirjam Ratmann



Als „Sozialäquator“, der den reichen Süden vom armen Norden trennt – so wird die A40, die mitten durch das Ruhrgebiet verläuft, häufig bezeichnet. Besonders in Essen ist diese Teilung sichtbar: Villen und große Autos in Bredeney oder Stadtwald, hohe Arbeitslosigkeit und verfallene Häuserreihen in Altenessen oder Katernberg. Der Theaterregisseur Volker Lösch hat sich dieser Thematik angenommen. Mit Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital – Das Märchen von der sozialen Gerechtigkeit, das nun im Grillo Theater in Essen läuft, liefert er Sozialkritik und Utopie zugleich. Das Publikum wird dabei unmittelbar in das Stück integriert.

Es ist ein Theaterbesuch der etwas anderen Art. Das wird schon in dem Moment deutlich, als man sich an der Theaterkasse eine Karte für das Stück kauft. „Also Parkett rechts, da müssen Sie dann den ersten Teil der Vorstellung stehen, ist das ok für Sie?“, fragt mich die Verkäuferin, als ich eine Woche vor der Aufführung eine Karte holen möchte. Ich bejahe die Frage zwar, bin aber irritiert.

Wer sich ein wenig in der deutschen Theaterlandschaft auskennt, erwartet bereits beim Namen Volker Lösch eine solche Irritation. Lösch ist ein durchaus politischer Theatermacher, sieht Theater nicht nur als Instrument von Aufklärung, sondern auch von Auflehnung, Ablehnung und Unbequemlichkeit. Seine Inszenierungen sind oft plakativ und provokant, kritisieren gesellschaftliche Missstände und beziehen Bürger*innen mit in den Produktionsprozess ein - so auch in Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital.

Verfestigte Milieus in Nord und Süd

Ebenso wie die A40 den Essener Norden und Süden voneinander trennt, sind an diesem Abend auch die Theaterzuschauer*innen in Nord und Süd unterteilt: Wer eine Karte für Parkett rechts hat, steht oder setzt sich auf den harten Boden, diejenigen im Parkett links können auf flauschigen Stühlen Platz nehmen. Die Privilegierten im Süden des Saals haben einen uneingeschränkten Blick auf die Bühne – während die anderen im Norden nur durch fünf kleine Bildschirme, die um sie herum befestigt sind, von dem Geschehen auf der Bühne etwas mitbekommen. Manche müssen gar den Kopf verdrehen, um überhaupt was zu sehen. Denn zwischen Nord und Süd ragt eine hohe Mauer empor, nur auf den oberen Rahmen des Bühnenbildes lässt sich ein Blick erhaschen.

Sie steht symbolisch für die Trennlinie A40, aber auch für die mentale Mauer, die sich in den Köpfen vieler Essener*innen im Verlauf einiger Jahre verfestigt hat. Wer im Norden aufwächst, kommt so gut wie nie in den Süden und Kinder aus dem Süden betreten den Norden ebenso wenig. Ein Wechsel oder gar Austausch zwischen beiden Welten finden selten bis gar nicht statt. Es sind verfestigte Strukturen, festgefahrene Milieus, die es überall in Deutschland gibt. Diese soziale Segregation, also räumliche Trennung von arm und reich, ist jedoch besonders im Ruhrgebiet stark ausgeprägt. Nach . Der spätere Lebensweg wird auch hier - immer noch - signifikant von Herkunft und Wohnort bestimmt.

Lebenswelten treffen aufeinander

„Ich komme aus Syrien“, „Das Wort Nigger kannte ich gar nicht, bis ich in der Schule so genannt wurde“, „Mein Vater ist drogenabhängig, meine Mutter putzt“, „Ich hab die Schule abgebrochen“ – Im Norden des Theatersaals stehen auf einmal Jugendliche mitten im Publikum. Sie sprechen im Chor, wechseln immer wieder ihre Position, indem sie sich durch die Menschen wühlen, fixieren manche im Publikum mit ihren Blicken. Für manche wird es schonmal eng und ungemütlich. Schauspiel auf Tuchfühlung – das unbequeme Theater, für das Lösch so bekannt ist. Befindet man sich als Zuschauer*in im Süden, sieht man diese Szenen auf einer großen Leinwand auf der Bühne. Im Chor erzählen die Jugendlichen ihre Geschichten. Es sind viele verschiedene Stimmen, die Lösch gemeinsam mit seiner Dramaturgin Christine Lang eingefangen hat. Zusammen haben sie Jugendliche, Sozialarbeiter*innen, Lehrer*innen und Eltern aus dem Norden und Süden interviewt und die Antworten in das Theaterskript eingebaut. Das Besondere an dem Stück: Die Jugendlichen spielen selbst mit – und das erstaunlich gut für Laien. Neben ihnen sind auch professionelle Schauspieler*innen auf der Bühne, aber es sind die Stimmen der Kinder, die nachhallen, schmunzeln lassen und nachdenklich machen.

Aus dem reichen Süden vernimmt man hingegen ganz andere Stimmen: „Ich will nach dem Abitur Medizin studieren“, „Meine Mama will heute mit mir shoppen gehen – einfach so“, „Nachher fährt mich Papa noch zum Klavierunterricht“ – eine Lebenswirklichkeit trifft auf die andere. Aber nein, eigentlich ja nicht. Denn die Kinder aus dem Süden und die aus dem Norden wissen nichts voneinander und dementsprechend auch nicht von ihren gegenseitigen Lebensumständen. Das ändert sich in dem Moment, in dem sich beide auf der Spitze der Mauer treffen und ihre Klamotten, ihre Identitäten tauschen.

Utopie einer gerechteren Zukunft

Der Essener Bezug wird auch durch eine andere Storyline hergestellt, nämlich durch die Verkäuferin des Discounters Dial und die , das im Essener Norden eindeutig nicht eingelöst worden ist. Und immer wieder sprechen die Jugendlichen selbst, erzählen von ihrer Wirklichkeit. Fiktion und Dokumentation verschwimmen so an vielen Stellen, bilden jedoch geeint ein politisches Theaterstück par excellence.

Auch, wenn Löschs Sozialkritik gefühlt viermal fett mit Edding unterstrichen wird, ist sie in dieser übertriebenen Weise doch nötig und angebracht. Die dokumentarische Komponente des Stücks, die durch die Interviews und Jugendlichen als Schauspieler*innen überpräsent ist, macht es umso authentischer und deutlicher. Doch Lösch übt nicht nur Kritik, sondern gibt auch Lösungsansätze mit auf den Weg: Während ein Teil des Publikums am Ende des Stückes selbst mit auf der Bühne sitzt, äußern die jugendlichen und erwachsenen Schauspieler*innen Wünsche, eine Utopie gar, wie eine bessere, gerechtere Zukunft aussehen könnte: Verteilung des Reichtums von oben nach unten, Einführung von Erbschafts- und Vermögenssteuern, Chancengleichheit für alle.  Zum Teil sind es klar marxistische, kommunistische Blicke in die Zukunft, teilweise scheinen sie fast direkt aus Karl Marx‘ Monumentalwerk Das Kapital rezitiert. Manche Sätze ernten Applaus vom Publikum. Mit Mark Twains berühmtem Märchen Der Prinz und der Bettelknabe hat das am Ende nicht mehr viel zu tun – dafür aber umso mehr mit der sozial ungerechten Wirklichkeit in Teilen Deutschlands wie dem Ruhrgebiet.

Die nächsten Aufführungen: 15., 17. Und 23. März, sowie am 13. April, jeweils um 19.30 Uhr. Mit Kulturticket nur 1 Euro. Dauer 2 Stunden und 30 Minuten, eine Pause.

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