Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Neue Hochschulgruppe will die Medizin verändern

Bereitet das Medizinstudium darauf vor alle Patient:innen
gleich gut zu versorgen? [Foto: pixabay]
12.06.2021 10:02 - Sophie Schädel

An der Universität Duisburg-Essen (UDE) hat sich eine neue Hochschulgruppe gegründet: Die Kritische Medizin Essen. Die Studierenden befassen sich mit Sexismus und Rassismus in der Medizin und wollen sowohl im Studium als auch in der Praxis vieles verändern. Wir haben mit Jasmin und Amina* über ihre Kritik gesprochen.

Trigger Warnung: Im Artikel geht es unter anderem um Vergewaltigung.

Ein Essener Medizindozent nennt einen Muskel „Vergewaltigermuskel“ und fragt diese Bezeichnung in Prüfungen ab, erzählen Jasmin und Amina. Der Muskel an der Innenseite des Oberschenkels dient dazu, die Beine zusammenzubringen, und reißt bei Vergewaltigungen manchmal. „Dass er Vergewaltigermuskel heißt, steht in keinem Lehrbuch“, erzählt Amina wütend. Auf Anfrage der akduell gab die Medizinische Fakultät bekannt, bisher nichts von dem Fall gewusst zu haben. Der Dozent habe in einem Gespräch gesagt, er habe den Begriff nicht verwendet. Die Fakultät betont, sie halte diese Bezeichnung generell für inakzeptabel und wolle sich um eine Klärung bemühen.

Das andere Geschlecht

Solche Themen im Studium anzusprechen, hätten sich die Semester über ihnen nicht getraut, erzählen Jasmin und Amina. Sie wollen das nun ändern, und so wurde die Hochschulgruppe Kritische Medizin gegründet. Die Gruppe kommt gut an: Über 30 Mitglieder gibt es aktuell. Dort können alle mitmachen, nicht nur Medizinstudierende. Gerade Menschen, die schon in der Medizin arbeiten, könnten noch einen Praxisbezug einbringen, hofft Jasmin. Sie studiert wie Amina im zweiten Semester Medizin und beliest sich nun in der Gruppe zu Themen, die ihnen in der klassischen Medizin zu kurz kommen.

Gendermedizin zum Beispiel ist hier in Essen ein Wahlfach. Wer das Fach nicht wählt oder keinen Platz bekommt, erfährt nichts darüber“, kritisiert Amina. Wenn sich angehende Ärzt:innen nicht mit den Spezifika von weiblichen Patientinnen auseinandersetzen, kann das schwerwiegende Folgen haben. Beispielsweise zeigen Frauen mit Herzinfarkt, anders als Männer, Symptome häufig eher in der rechten Körperhälfte. Viele Ärzt:innen kennen nur die typisch männlichen als die klassischen Anzeichen für einen Herzinfarkt. Die Folge: Einer Frau wird rund eine Stunde später als einem Mann im Herzkatheterlabor geholfen. Dementsprechend schlechter sind ihre Heilungschancen.

Medizin muss diverser werden

Außerdem befasst sich die Gruppe mit Rassismus in der Medizin. „Die Medizin ist nicht an die diverse Gesellschaft angepasst“, argumentiert Amina, und verdeutlicht das an einem Beispiel: „Manche Pulsoximeter sind bei Menschen mit dunkler Haut ungenau, weil sie nur am Default Patienten getestet wurde, und der ist nun mal weiß.“ Pulsoximeter werden an den Finger geklemmt und messen dort die Sauerstoffsättigung im Blut. Bei dunklerer Haut zeigen sie wegen der Pigmentierung manchmal höhere Werte an, als sie eigentlich sollten  was dazu führen kann, dass diese Patient:innen nicht genügend Sauerstoff bekommen. Amina betont: „Natürlich sind wir alle Menschen, wir alle haben dieselben Rezeptoren und so weiter.“ Aber dennoch würden einige Unterschiede zwischen Menschengruppen nicht ausreichend beachtet.

Kritische Medizin2.jpg

Dieses Gerät funktioniert für manche schlechter als für andere.
[Foto: pixabay]

Auch bei Corona wünscht sich Jasmin mehr Wissen zu spezifischen Patient:innengruppen. Vergangenen Monat geisterte das Gerücht durch die Medien, Migrant:innen hätten häufiger Corona als Deutsche und kämen öfter auf die Intensivstationen. Der Bayrische Rundfunk bemängelte zwar, dass dazu zu wenig Daten vorlägen und es sich lediglich um eine Vermutung handle, doch Rechte jubilierten über Migrant:innen, die sich offenbar nicht an Regeln hielten.

„Diese Diskussion gibt es nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA und Großbritannien“, berichtet Jasmin. Was ihrer Ansicht nach dabei häufig verschwiegen wird: „Es geht hier um marginalisierte Gruppen, die auf engem Raum miteinander leben, die Arbeiten verrichten müssen, bei denen Homeoffice und soziale Distanz nicht möglich sind, sich eher mit Corona infizieren und das auch weitertragen.“ Diese Differenzierung fehlt in der Debatte ihrer Ansicht nach häufig. „Ich hoffe, das kommt bei den Leuten langsam an“, sagt Jasmin.

* Namen von der Redaktion geändert

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