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GESELLSCHAFT

Neonazis in der Fankurve

Robert Claus forscht zu Ultras, Fans und Hooligans und hat auch ein Buch darüber verfasst: Hooligans: Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik
[Foto: www.chloephoto.de]

30.04.2019 18:19 - David Peters

Rechte Fußballfans dominieren seit einigen Wochen teilweise die Berichterstattung. In Chemnitz wird vor einem Ligaspiel des Chemnitzer FC eine Gedenkminute für einen verstorbenen Neonazi abgehalten, bei einer Razzia gegen mutmaßliche Mitglieder der rechten Hooligangruppe Inferno Cottbus in Brandenburg werden Nazi-Devotionalien, Propagandamaterial der Identitären Bewegung und Waffen gefunden. akduell-Redakteur David Peters hat mit Robert Claus, der zu Hooligans und Rechtsextremismus forscht, über die Zustände in deutschen Fankurven gesprochen.

ak[due]ll: Rechte Fans sorgen momentan für Schlagzeilen. Erlebt der deutsche Fußball gerade ein Revival der rechten Fans?

Robert Claus: In Deutschland gibt es 60 Standorte mit relevanten Fanszenen. Es gibt ein Revival, aber nicht an allen Orten gleichermaßen. Szenen wie beispielsweise Augsburg, Fürth, Babelsberg oder St. Pauli sind kaum betroffen davon. Was wir aber haben, sind Szenen wie Cottbus und Chemnitz, wo das Gewaltmonopol ganz deutlich bei rechtsextremen Hooligans liegt, auch mit einer jungen Generation. Und wir haben Standorte, an denen ein offener politischer Konflikt über die Ausrichtung der Fanszene – teilweise gewalttätig – ausgetragen wird. Da gehört auch Borussia Dortmund ein Stück weit dazu, da gehört Köln dazu, da gehört immer noch Braunschweig dazu und auch Hannover. Das heißt aber nicht, dass alle dieselben Probleme haben.

ak[due]ll: In Cottbus und Chemnitz geben Rechte in der Kurve den Ton an. Ist es nur Zufall, dass es zwei Ostclubs sind?

Claus: Hier muss man differenzieren, weil es rechte Hools an fast allen Standorten des deutschen Fußballs gibt. Der große Unterschied ist, dass es in Chemnitz keine Gruppe gibt, die ein Gegengewicht bildet. Es gibt keine antidiskriminierende Faninitiative oder linke Ultragruppe. In Cottbus gibt es immerhin die „Energiefans gegen Nazis“, aber auch die werden massiv angefeindet. Wir haben es an beiden Orten mit Fußballclubs zu tun, die das Problem über Jahre und Jahrzehnte verschwiegen und verdrängt haben. Und wir haben mit Chemnitz und Cottbus auch zwei Orte, die eine lange Geschichte mit rechten Kameradschaften haben, die sich in den letzten Jahren entweder aufgelöst haben oder verboten wurden. In Cottbus waren es die Spreelichter, die 2012 vom Innenministerium verboten wurden, in Chemnitz die Nationalen Sozialisten Chemnitz, die 2014 verboten wurden. Die Fußballstrukturen haben ganz deutlich als Auffangbecken gedient.

ak[due]ll: Welche Ansätze gäbe es in Chemnitz oder Cottbus um die rechten Hools aus dem Stadion zu bekommen?

Claus: Da würde ich drei Ansatzpunkte nennen: Der Erste ist, dass das natürlich eine Netzwerkaufgabe ist. Das heißt Fußballverein, Fanprojekt, lokale Jugendarbeit und die Polizei müssen sich an einen Tisch setzen und eine gemeinsame Strategie entwickeln und können natürlich in ihren einzelnen Rollen unterschiedliche Ansätze haben. Zweitens: Die Fußballvereine müssen definitiv in ihre Fanarbeit investieren und präventive Maßnahmen durchführen, immer in Zusammenarbeit mit den Fanprojekten. Viele Fußballvereine beschränken sich leider darauf, sehr viel im Bereich PR- und Öffentlichkeitsarbeit zu machen, aber an Schulungen für die Ordnungsdienste oder Bildungsangeboten für Fußballfans mangelt es dann. Das dritte ist, dass es endlich ein bundesweites Programm gegen Rechtsextremismus im Kampfsport geben muss. Denn wir reden Nazis in der Fankurve nicht nur über ein Fußballphänomen, wir reden auch über die Auswirkungen von rechter Gewalt im Kampfsport.

ak[due]ll: Welche Rolle spielt bei dem erneuten Aufkommen von rechten Fans und Hooligans der Kampfsport?

Claus: Wir verstehen die Hooliganszene nicht mehr komplett, wenn wir nur über Fußball reden. Der organisierte Kampfsport ist im Grunde das zweite Rekrutierungsfeld für die Hooliganszene geworden. Chemnitz und Cottbus sind auch dort wieder Vorreiter gewesen. In Cottbus gibt es das Kickboxteam Cottbus, aus dem auch mehrere Kickboxeuropameister kamen, die immer eng verbandelt waren mit Inferno Cottbus, also der rechten Hooliganszene in Cottbus. Sie haben so schon vor vielen Jahren die Professionalisierung von Hooliganismus und rechter Gewalt vorweggenommen. In Chemnitz ist es ein ähnlicher Fall. Beide Hooliganszenen, Cottbus und Chemnitz, sind Paradebeispiele dafür, wie die Szene sich professionalisiert und sich auch in rechten Kampfsport-Events eingenistet hat. Nicht ohne Grund sind beide auch mit größeren Gruppen im letzten Jahr zum extrem rechten Event „Kampf der Nibelungen“ in Ostritz gefahren. Dieses wiederum ist Teil eines europaweiten Netzwerkes von Neonazis.

ak[due]ll: Was machen die Fußballverbände gegen das Problem?

Claus: Der Deutsche Fußball-Bund bietet einmal im Jahr einen Erfahrungsaustausch zum Thema „Umgang mit Rechtsextremismus“ an – ich bin daran beteiligt. Der Erfahrungsaustausch findet seit ein paar Jahren statt, doch der Chemnitzer FC hat daran bisher nicht teilgenommen. Man kann von den Verbänden gerne verlangen, dass sie mehr solche Fachtage und mehr Bildungsangebote durchführen müssen, aber wenn der DFB sowas schon anbietet, dann sollten betroffene Clubs auch daran teilnehmen. Die zweite Aufgabe, die die Verbände haben, ist natürlich die der Strafgerichtsbarkeit. Was der NOFV (Nordostdeutscher Fußballverband) gegen den Chemnitzer FC wegen der Gedenkminute für Thomas Haller für ein Urteil spricht, bleibt abzuwarten.

ak[due]ll: Die Konsequenzen des Chemnitzer FC waren eher personeller Natur. Drei beteiligte Mitarbeiter*innen wurden entlassen, aber was bringt das unterm Strich?[Nachtrag 30.4.2019: Der NOFV hat den Chemnitzer FC zu einer Geldstrafe von 12.000 Euro und einer Sperrung der Südtribüne für drei Spieltage (zwei davon wurden zur Bewährung ausgesetzt) verurteilt.]

Claus: Im Kern geht es um die Frage, wie der Verein es unterstützen kann, dass sich beispielsweise eine Faninitiative bildet, die sich gegen Rassismus im Stadion ausspricht. Allein mit Stadionverboten oder Auftrittsverboten und der gelegentlichen Kündigung einzelner Mitarbeiter wird man das Problem nicht los. Der Verein braucht eine langjährige Strategie mit einem klar definierten Ziel. Solange das nicht passiert, werden alle Maßnahmen einzeln verpuffen.

ak[due]ll: Um nochmal auf die Fanszenen zurückkommen, in denen es gerade Konflikte mit Rechten in der Kurve gibt. Was sollten die Vereine und Fans da machen?

Claus: Die Vereine müssen ganz klar Haltung zeigen und den positiven Teil ihrer Fanszene unterstützen – also den Teil, der sich gegen Diskriminierung und für Demokratie ausspricht. Welche Maßnahmen dazu geeignet sind, lässt sich von außen nicht pauschal sagen. Aber viele Vereine – unter anderem Borussia Dortmund – bieten Gedenkstättenfahrten, Aktionsspieltage, Workshops für Zivilcourage oder eben auch Hintergrundgespräche an, um Unterstützung zu signalisieren.

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