Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Nationalsozialismus verstehen lernen: das ZfE Duisburg

Zusammen lernen in der DenkStätte des ZfE [Foto: ZfE Duisburg/Krischer]
23.12.2019 09:55 - Jacqueline Brinkwirth

Das Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie (ZfE) erforscht, archiviert und erinnert an die nationalsozialistische Vergangenheit Duisburgs. Seit März 2014 arbeitet das Projektteam als Bindeglied zwischen dem Stadthistorischen Museum und dem Stadtarchiv und stellt Ausstellungen, Vorträge, Lesungen und pädagogische Workshops auf die Beine. Um einen Einblick zu bekommen, wie das ZfE arbeitet, hat sich unsere Redakteurin Jacqueline unter die Schüler*innen der Gesamtschule Walsum gemischt und zwei Mitarbeitende einen Vormittag lang begleitet.

Der Tag im Zentrum für Erinnerungskultur beginnt um 11 Uhr im Foyer des Stadthistorischen Museums Duisburg. Das unscheinbare Backsteingebäude zeigt seit 2007 in einer Dauerausstellung die Geschichte der Stadt von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Hier darf ich heute zwei Mitarbeitende bei einer Führung durch das Museum begleiten und anschließend an einem Workshop teilnehmen. Das Thema: Die nationalsozialistische Vergangenheit Duisburgs.

Das Publikum: 14 Schüler*innen eines Geschichte-Grundkurses der Gesamtschule Walsum und ich als interessierte Geschichtsstudentin. Historiker und Politologe Robin Richterich, der sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter vor allem um die Bildungs-und Vermittlungsarbeit des ZfE kümmert, erklärt im Vorhinein, wie er die Führung thematisch aufbauen will: „Für diese Gruppe habe ich im Stadtarchiv Fotos und Material zum Stadtteil Walsum herausgesucht, um einen stärkeren persönlichen Bezug herzustellen.“ Warum gerade das für die Arbeit mit den Schüler*innen wichtig ist, führt Museumsguide Burak Yilmaz aus. Er ist Germanist, Anglist, Pädagoge und pädagogischer Mitarbeiter des ZfE: „Wenn wir individuelle Schicksale in den Blick nehmen, können wir den Nationalsozialismus greifbarer machen als das im Schulunterricht der Fall wäre.“

Fotos und Biographien aus Duisburg

Die Führung beginnt mit der Bevölkerungsentwicklung Duisburgs von 1900 bis zur Gegenwart. Ein Graph illustriert, wie sich die Bevölkerungsdichte der Stadt durch den zweiten Weltkrieg verändert hat, wie viele Duisburger Bürger*innen zwischen 1933 und 1945 emigriert, geflohen, gefallen oder von den Nazis getötet worden sind. Im Gespräch mit Richterich erschließen sich die Schüler*innen so die grundlegenden Auswirkungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auf Duisburg. 

Sie zeichnen einzelne Lebenswege nach und geben ihnen Raum, die eigenen Familien-
geschichten mitzuteilen.

Die nächste Station ist eine Wand mit Fotografien. Ein Foto zeigt Reichskanzler Adolf Hitler 1938 bei seiner Rede im Duisburger Wedaustadion anlässlich des „Hitler-Tages“. Ein anderes zeigt die Hetzjagd der SS auf einen Rabbiner und andere Mitglieder der jüdischen Gemeinde vor der Duisburger Oper. Richterich und Yilmaz befragen die Schüler*innen, wie sie die Fotos lesen. Ihre Beobachtungen ergänzen die Guides dann mit Namen und Fakten. Sie zeichnen einzelne Lebenswege nach und geben den Schüler*innen auch Raum, die eigenen Familiengeschichten mitzuteilen. Nationalsozialismus in Duisburg ist plötzlich nicht mehr nur ein historisches Ereignis, sondern ein persönliches Erlebnis. Die Geschichte der eigenen Heimatstadt wird nahbar, weil bekannte Orte eine neue Bedeutung als Erinnerungs- und Gedenkorte bekommen.

Klar Position beziehen

Worin sich das ZfE gegenüber anderen historischen und musealen Institutionen unterscheidet, wird schnell deutlich: die Schüler*innen und selbst die Lehrkräfte sind stets involviert und gefragt; Richterich und Yilmaz reagieren unmittelbar auf das Feedback, das sie von den Teilnehmenden bekommen. Die Stimmung ist locker, mehr Gedankenaustausch als Geschichtsstunde. Richterich bestätigt meinen Eindruck: „Uns geht es nicht nur um das Vermitteln und Lehren, sondern insbesondere auch darum, von den Schülern und aus ihren Erzählungen zu lernen.“
In der sogenannten DenkStätte sitzen wir mittlerweile alle in einem Kreis um eine Tafel herum. Der Raum befindet sich geographisch genau zwischen Museum und Stadtarchiv – ähnlich wie das ZfE mit seiner Arbeit. Statt an Gruppentischen sitzen alle Teilnehmenden auf Sitzsäcken, auch die Guides und das Lehrpersonal. Der folgende Austausch soll auf Augenhöhe stattfinden, das ist den Verantwortlichen wichtig. „Das offene Raumkonzept ist für verschiedene Workshops anpassbar und richtet sich nach den Gruppen, die herkommen“, erzählt Richterich. 

Die erste Aufgabe des Workshops ist , zwei Magnetbilder mit verschiedenen Motiven zuzuordnen. Gehören sie „rein“ oder „raus“, sind sie Teil der deutschen Kultur oder nicht? Zu den Motiven zählen unter anderem Helene Fischer, Döner und eine Synagoge. Ihre Entscheidungen sollen die Schüler*innen im Anschluss erläutern und müssen sich damit positionieren. „Die Ergebnisse unterscheiden sich stark, je nach Homogenität der Gruppe. Eine solche Verteilung hatten wir aber vorher noch nie“, berichtet Richterich. Alle Kulturgüter, Menschen oder Institutionen, die die Bilder zeigen, seien in Deutschland bereits fest etabliert und beeinflussen mittlerweile die regionale Identifizierung, da sind sich die Teilnehmenden einig.

Die Brücke zur Museumsführung wird in einer offenen Feedbackrunde geschlagen. Hier ziehen die Schüler*innen schließlich auch Fazit, wie das pädagogische Konzept des ZfE für sie funktioniert. „Die Erzählungen zu einzelnen Personen bringt den Nationalsozialismus viel näher“, heißt es auf einer Seite der Gruppe. „Deutschland ist eigentlich nur eine geographische Linie, es gehört alles dazu, eben auch Döner und die NS-Zeit“, erklärt eine andere Schülerin.

Das Programm des ZfE ermöglichte den Teilnehmenden einen persönlichen Zugang zum Nationalsozialismus, über Stadt- und Stadtteilgeschichte und individuelle Schicksale. Das Gesehene, Gehörte und Gelernte erlaubt es den Schüler*innen, das Thema aus anderen Blickwinkeln zu sehen. Was eben auch Geschichten sichtbar macht, die die Geschichtsschreibung gar nicht oder nur einseitig erzählt.
 

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