Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Nach Halle: „Die Zeiten sind zu laut für eine Mehrheit, die schweigt“

Die Gedenkfeier vor der Alten Synagoge in Essen. [Foto: Lisa Griesmann]

23.10.2019 17:12 - Gastautor*in

Der rechte Terror aus Halle zog ein gesellschaftliches Beben nach sich, dessen Auswirkungen noch lange beschäftigen werden. Am 10. Oktober wurde deutschlandweit den Opfern gedacht. Auch in Essen fanden sich rund 400 Menschen auf einer Gedenkfeier zusammen.

Es ist der 9. Oktober, als mittags zwei Menschen in Halle Opfer eines Rechtsextremistischen Anschlags werden. Der mutmaßliche Attentäter hatte das Ziel, am größten jüdischen Versöhnungsfest Jom Kippur in der örtlichen Synagoge so viele Jüdinnen und Juden wie möglich zu ermorden. Als er schwer bewaffnet und mit selbstgebauten Sprengsätzen nicht in die Synagoge eindringen konnte, erschoss er eine Passantin, die zufällig vor Ort war und anschließend einen jungen Mann in einem Imbiss.

!Vom Stammtisch

Auf wen wir bei der Bekämpfung von rechtem Terror hoffen können

 

Die Arbeitsgruppe „Aufstehen gegen Rassismus“ des Essener Bündnisses “Essen stellt sich quer” hatte noch am Abend des Terroranschlags für den darauffolgenden Tag eine Kundgebung angekündigt, um „gemeinsam gegen Rechtsterrorismus“ zu protestierten. Eine kleine Mahnwache mit rund einem Dutzend Menschen hatte es bereits am Mittwochabend an der neuen Synagoge im Südostviertel gegeben.Am 10. Oktober schmücken weiße Blumen und Kerzen den Willy-Brandt-Platz in Essen. Sie liegen in einem Halbkreis vor dem schwarzen Pavillon der Demo-Initiatoren „Aufstehen gegen Rassismus“. Obwohl der Anschlag noch keine 24 Stunden her ist, strömen um kurz vor 19 Uhr mehrere hundert Menschen auf den Vorplatz des Essener Hauptbahnhofs.

Rechter Terror darf nicht verharmlost werden

„Diese Zeiten sind zu laut, für eine Mehrheit, die schweigt. Rassismus darf niemals unwidersprochen bleiben“, äußert sich eine Vertreterin von „Aufstehen gegen Rassismus“ und erntet Applaus aus der Menge. 
Weiter appellierte die Vertreterin des Bündnisses, wachsenden Antisemitismus und rechte Gewaltverbrechen nicht als Ausnahmefall zu verstehen: „Der gestrige Vorfall in Halle war kein Einzelfall – auch wenn das die Öffentlichkeit, Behörden und Medien manchmal so sagen, wenn sie rechten Terror verharmlosen. Es geht nicht um Einzeltäter, es geht um rechtsterroristische Strukturen. Und es geht auch um die schleichende gesellschaftliche Normalisierung von Rassismus und Faschismus.“

Auch NRW-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender der Fraktion von Bündnis90/Die Grünen, Mehrdad Mostofizadeh, schloss sich der Kundgebung an und forderte die Teilnehmer*innen auf, gemeinsam ein Zeichen zu setzen. Dabei zog er die „Wir sind mehr“- Veranstaltung aus dem vergangenen Jahr, bei der in Essen mehr als 6.000 Menschen auf die Straße gingen, als Beispiel für gesamtgesellschaftlichen Protest heran.

Teilnehmer*innen der Demo „Riseup4Rojova“ schlossen sich an

Vom Willy-Brandt-Platz aus liefen die Teilnehmer*innen schweigend durch in Innenstadt zur Alten Synagoge, wo die Caritas für 20 Uhr eine Gedenkveranstaltung angemeldet hatte. Auf dem Weg kreuzten sich die Wege mit anderen Demonstrant*innen der „Riseup4Rojova“, die ebenfalls diesen Weg etwa eine Stunde zuvor vom Willy-Brandt-Platz aus genommen hatte.

„Der gestrige Vorfall in Halle war kein Einzelfall" 

Viele Teilnehmer*innen aus beiden Demonstrationen solidarisierten sich durch das Victory-Zeichen miteinander. Rund 30 Kurdinnen und Kurden schlossen sich spontan ebenfalls der Gedenkveranstaltung an und zogen mit zur Alten Synagoge. Die Caritas, die mit maximal 50 Beteiligten gerechnet hatte, verteilte Kerzen, bevor sie eine Schweigeminute veranstaltete.

Aus einer Schweigeminute wurden Minuten, die durch das spontane Anstimmen des hebräischen Friedenslied Scholem Alejchem aufgelöst wurden. Das Lied sagt, es gebe nur einen Frieden, wenn es Frieden für alle gibt. Die Anwesenden  sangen dabei die hebräisch-deutsche Version des Liedes.

Eine Szene war in diesen Minuten besonders einprägsam. Zwei Besucherinnen der kurdischen Demonstration, die sich spontan angeschlossen hatten, baten Teilnehmer der Gedenkveranstaltung um ihre Israelflagge und hielten diese als Zeichen der Solidarität hoch. 

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