Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Beziehungsweise

Familien sind emotionaler Rückhalt. Müssen sie auch finanzielle Existenzen sichern?

19.11.2018 11:18 - Britta Rybicki

Familien vermitteln Sicherheit und sind ein emotionale Rückhalt. Mit ihnen fällt es uns oft leichter, Herausforderungen unseres Lebens zu bewältigen. Liegt es deswegen automatisch an Anna*, die Existenz ihrer Mutter zu sichern?

Was muss vorbeugende Sozialpolitik eigentlich tun? Eine Frage, die Anna seit drei Monaten kontinuierlich im Kopf herum schwirrt. Die Situation ihrer Mutter bringt sie zum Nachdenken: Im April des kommenden Jahres bekommt sie 620 Euro Rente. Davon leben kann sie nicht. Die Alternative: Hartz IV. Oder Anna und ihre Schwester unterstützen sie finanziell. 

Ist das denn richtig so? Oder sind die Erwartungen an eine Familie seitens der Politik hier vielleicht zu hoch gesteckt? Denn, die Bedingungen, diesen Ansprüchen gerecht zu werden, sind nicht gerade einfach zu erfüllen. Anna ist noch kein volles Jahr selbstständig, ihre Schwester steckt in den letzten Zügen ihres Masters. Beide drehen jeden Cent um, damit sie es selbst über die Runden schaffen. Ihrer Mutter dabei zusehen, wie sie in die Armut rutscht, ist trotzdem keine Option für sie. 

Die oberste Priorität von Sozialpolitik sollte es sein, die Entfaltung von individueller Freiheit zu fördern. Das sagen jedenfalls die meisten Einträge auf Google als Anna dort nach Antworten sucht. Aber nach welchem Prinzip? Eigentlich ist das ganz einfach. Das Sozialstaatsprinzip ist in Artikel 20, Absatz 1 des Grundgesetzes festgeschrieben und ziemlich safe. Selbst durch eine Änderung des Grundgesetzes bleibt es unberührt. Darin steht, dass der Sozialstaat auf emanzipatorischen Elementen fußt. Einzelne also mit Verantwortung daran tragen, für ihre soziale Sicherheit zu sorgen. Kurz: Leistung gegen Gegenleistung, Politik muss fordern und fördern. Maßnahmen, die Menschen zum Weitermachen motivieren, rücken dabei in den Vordergrund. Ob dieses Konzept in der Realität wirklich als Ansporn funktioniert, ist in der öffentlichen Debatte noch hart umstritten, aber ein anderes Thema.

Denn selbst, wenn man sich irgendwie mit der Umsetzung von sozialer Grundsicherung anfreunden kann, gerät sie schnell ins Bröckeln. Nämlich dann, wenn Betroffene schwach oder hinfällig sind. Hilfe brauchen, weil sie unter einer chronischen Krankheit oder Altersschwäche leiden. Vorauszusetzen, dass Familien diese Benachteiligung ausgleichen können, ist ziemlich verrückt. Die Balance von Beruf, Erziehung, Partnerschaft und dem finanziellen Auskommen gelingt nicht mehr. Keine seltene Folge: Existenznöte – die Anna im Falle ihrer Mutter gerade befürchtet.

Bis zur Bismarckschen Sozialgesetzgebung Ende des 19. Jahrhunderts waren Familien vollständig für die Sicherheit der Angehörigen zuständig. Zum Glück ist ihre Bedeutung zugunsten eines staatlich organisierten Sozialsystem zurückgegangen. Trotzdem wird sie in Artikel 6, Absatz 1 neben der Ehe unter einen besonderen Schutz gestellt. Dass sie demnach als eine Versorgungs- und Verwertungsgemeinschaft gelesen wird, klingt erstmal ganz nett, ist langfristig aber ein Problem. Lässt man Geborgenheit und Harmonie mal außen vor, führt sie rein technisch nur zu einem Spannungsfeld. Bestehend aus konkurrierenden Absichten: Anna will von ihren Fotografien leben, ihre Schwester den Master abschließen und ihre Mutter in Würde alt werden. Sie ringen um Ressourcen, also um Zeit und Geld. Ihre individuelle Freiheit? Wird beschädigt. Vorbeugende Sozialpolitik: Fail.

Die Vorstellung von Gesellschaft, die sich aus solidarischen Kleingruppen zusammensetzt, ist partout nichts schlechtes. Anna, ihre Schwester und Mutter darin aber zu Rivalinnen zu machen, hingegen großer Widersinn. Wenn die tragenden Netzwerke eines Systems Familien sind, warum sichern wir sie nicht stärker ab? Und hoffen nicht nur darauf, dass sie ein enges Verhältnis zueinander wahren und sich deswegen füreinander verpflichtet fühlen? Denn selbst der Titel Familie bietet schon lange keine Garantie mehr für Obhut. Eine – wenn auch noch verbesserungswürdige – Ausprägung von vorbeugender Sozialpolitik ist zum Beispiel die Pflege. Sie wird von überforderten Angehörigen auf Institutionen und Fachleute verlagert. Warum ist der Staat in punkto Familie also nur so schrecklich anspruchslos?

*Name von der Redaktion geändert
 

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