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GESELLSCHAFT

Mosaiksteinchen einer Zeitzeugin

Die Synagoge während der Renovierungen im Jahr 2009. (Foto: Flickr/pilot_micha/CC BY-NC 2.0)

03.12.2018 13:42 - Britta Rybicki

Die „Alte Synagoge” am Edmund-Körner-Platz-1 in Essen zählt zu den größten und architektonisch bedeutendsten freistehenden Synagogenbauten des 20. Jahrhundert in Europa. Was die Zeitzeugin Doris Moses mit dem Kulturdenkmal verbindet und wie die Museumspädagogin Johanna Nuhn mit Antisemitismus umgeht:

„Rede wenig aber wahr, vieles Reden bringt Gefahr”, schrieb eine Schulfreundin am 8. November 1938 in das Poesiealbum von Doris Moses. So, als hätte sie die schrecklichen Gewalttaten des Naziregimes nur eine Nacht später geahnt. „Das bringt einen kalten Schauer über den Rücken, da die Novemberpogrome aufgrund von Lügen passiert sind.”, sagt Johanna Nuhn, die als Museumspädagogin in der alten Synagoge in Essen arbeitet.

Neben ihrem Poesiealbum bringt Doris Moses, geborene Lissauer, 1980 auch Mosaiksteinchen in die Synagoge zurück. Am Morgen nach den Pogromen läuft sie über die Steeler Straße zur Schule an der Synagoge vorbei. Die Fenster sind eingeschlagen, von den Flammen steigt der dunkle Qualm in die Lüfte. Sie sieht, dass etwas Schlimmes passiert sein muss, und steigt dort ein. Durch das Feuer löst sich der Kleber und die Mosaiksteinchen platzen von einer Verzierung an den Wänden ab. Zuhause angekommen, übergibt sie das bunte Glas ihrer Mutter. Nur wenige Tage später fliehen sie. Nicht wegen der Steinchen, sondern, weil sie in Gefahr sind. Weshalb ihnen nur noch Zeit bleibt, drei Koffer zu packen. Auf einem Viehwagen werden sie verhaftet und zwei der Koffer abgenommen. „Nur den dritten mit den Mosaiksteinchen durften sie behalten”, erzählt Nuhn. Die Familie wird in verschiedene Konzentrationslager gebracht; Doris Vater überlebt nicht.

Nur wenige Überbleibsel

Nach der Befreiung wandert die Mutter mit ihren Kindern nach Australien aus, wo Doris vermutlich bis heute noch lebt. Die Steinchen blieben bis zum letzten Besuch in Deutschland in ihrem Besitz. „Durch ihren Mut hat sie etwas Authentisches aus der Synagoge gerettet.” Nur die mächtige, über einen Meter dicke Außenfassade bleibt von den Bombardierungen beinahe unberührt. „In dem zerstörten Innenraum fand man alte Bierflaschen von den Arbeitern, die sie bei der Errichtung getrunken haben, und Fetzen von der Thora und dem Gebetbuch. Mehr nicht.”

Der helle Sandstein der Fassade ist heute bräunlich. Die im sauren Regen enthaltene Schwefelsäure wandelt die Mineralien darin chemisch um, zersetzte und verfärbte. „Wie der Kölner Dom sieht sie dadurch schmutzig aus.” Um den erheblichen Unterschied auch in der Ausstellung darzustellen, sind direkt über den Fundstücken von Doris verschnörkelte Steinornamente platziert. Nur eins ist poliert – und wirkt mehr wie ein Imitat, nicht wie das Original.

„Der größte Unterschied ist aber der Platz vor der Synagoge, der sich nach dem Nationalsozialismus massiv verkleinert hat.” Im Jahr 1913 war sie groß und prächtig, musste sich nicht verstecken. Sogenannte Säulengänge, die zur Synagoge hin führten und schon an der gegenüberliegenden Straßenseite anfingen, luden aus. Denn knapp 4.800 jüdische Menschen waren in Essen ansässig, hatten eine große Lobby mit einem starken sozialpolitischen und finanziellen Standing. „Es bestand die Notwendigkeit, einen Ort für die jüdische Gemeinschaft zu errichten.” Heute steht die alte Synagoge zwar immer noch an einem prominenten Platz, wird aber von Hauptstraßen und Einkaufszentren eingeengt.

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Das Poesiealbum von Doris Moses. (Foto: BRIT)

Wie es früher aussah

1.500 Menschen konnten damals auf den Holzsitzbänken Platz nehmen, die durch die Brandsätze der Novemberpogrome vollständig zerstört wurden. „Dadurch, dass die Feuerwehr erst viel zu spät erschien und das Feuer dann auch noch unterstützte, ist der Innenraum vollständig abgebrannt.” Ein Beweis für Nuhns Einschätzung liefert ein ebenfalls im „Haus jüdischer Kultur” ausgestelltes Tagebuch eines Feuerwehrmannes. „Die Wache war damals ungefähr dort, wo heute das Gildenhofcenter ist. Also maximal 400 Meter entfernt. In dem Eintrag beschreibt er, wie sie vor verschlossenen Toren stehen.” Zwanzig Minuten später sind sie am Tatort und erhalten den Befehl, mehr Sauerstoff zuzuführen, sodass das Feuer noch stärker lodert.

Lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verliert die Synagoge all ihre religiöse Bedeutung. Die geschrumpfte jüdische Gemeinschaft ist gezwungen, sie an die Stadt Essen zu verkaufen. „Von 1961 bis 1979, also 18 Jahre lang, war darin die Ausstellung ‚Haus Industrieforum‘ zusehen.” Erst, als es durch einen Kurzschluss im Bereich der Küchengeräte wieder zu einem Feuer kam, hat man dem Gebäude seine eigentliche Bedeutung zurückgeben. Bis zum Jahr 2010 ist es dann eine Mahn- und Gedenkstätte gewesen. „Damals hatte es einen ganz anderen Charakter als heute als ‚Haus jüdischer Kultur‘.”

Erinnerungskultur dank Überlebensgeschichten

Heute ist es - bis auf montags - ein für jeden frei zugänglicher Ort. Hier hat die Ausstellung, die in die vier Bereiche „historische Einblicke (Essener Judenschaft und Stadtgeschichte)”, „jüdische Quellen und Traditionen”, „Jewish way of life (Judentum weltweit)” und allgemeinen Spenden von Zeitzeug*innen wie Passierscheine, Briefe und Tagebucheinträge” eingeteilt ist, ihren Platz. Und in der alten Synagoge finden geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Diskussionsrunden und kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte statt. Besonders geehrt wird neben der Familie Lissau auch die der Rabbiner.

„Wir arbeiten viel mit diesen Originaldokumenten, das hilft vor allem dabei, Schüler emotional an historische Persönlichkeiten und ihre Überlebensgeschichte zu binden.” Was Nuhn besonders bei Jugendlichen in der Vergangenheit verstärkt auffällt: Dass sie immer mehr Zeit brauchen, um eine Verbindung zu Früher herzustellen. „Viele wissen nicht, dass es die DDR gegeben hat und wenn, dann kennen sie nur den Film Sonnenallee und dass man dort Spreewaldgurken gegessen hat. Über die Entstehungsgeschichte, Bespitzelungen und das Regime wissen sie nichts. Dabei reden wir von nur einer Generation vor uns.”

Doppelt so schwierig würde es werden, inhaltlich noch früher einzusteigen. Oft erzähle sie deswegen von den Repressalien gegen damalige Betroffene. „In der Mahn- und Gedenkstätte war das noch etwas einfacher, weil wir eine Abteilung hatten, wo alle Besitztümer, die jüdische Menschen nicht haben durften, weiß eingefärbt waren.” Wie zum Beispiel einen Reisepass, Vogelkäfige, ein Fahrrad und Bügeleisen. „Dann konnte ich sie fragen, wie ihr Leben ohne diese Gegenstände heute wäre.” All das nur verbal mit den Jugendliche besprechen zu können, würde eine Distanz zu der Thematik schaffen. Nicht umsonst endet Auschwitz in einem Raum mit Schuhen und Koffern. Nur dadurch könnten sich Kinder und Jugendliche die große Masse erst vorstellen.

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