Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Modernes China: Einmal in die Kamera lächeln bitte!

Prof. Dr. Thomas Heberer veröffentlichte seine Forschung kürzlich im Ash Center der Harvard Universität. [Foto: privat]
25.10.2020 15:18 - Julia Segantini

Was ist wichtiger, Sicherheit oder persönliche Rechte? In China wird diese Debatte völlig anders geführt als in Europa. Dr. Thomas Heberer, Politikwissenschaftler und China-Experte der Universität Duisburg-Essen forscht zum Verhältnis zwischen sozialem Wandel, gesellschaftlicher Disziplinierung und Macht. Warum in China umfassende Modernisierungsprozesse stattfinden und sich die Bevölkerung dafür überwachen lässt, hat er unserer Redakteurin Julia Segantini im Interview erklärt.

ak[due]ll: Was bedeutet „Modernisierung“?

Thomas Heberer: Es handelt sich dabei um soziale Wandlungsprozesse von „traditionalen“ Formen der Gesellschaft zur Moderne. Dies ist zunächst ein ökonomischer und gesellschaftlicher Modernisierungsprozess, wobei die Wirtschaft im Mittelpunkt steht. Bis 2050 soll China ein allseitig modernisiertes Gemeinwesen sein, gleichauf mit den USA – auch militärisch. Allseits modern bezieht sich auch auf das Denken und Verhalten der Menschen. Sie sollen sich diszipliniert in der Gesellschaft und gegenüber ihren Mitmenschen verhalten. Das Verhalten und vor allem das Denken der Menschen soll also an die Moderne und ihre Anforderungen angepasst werden. In Europa hat dieser Prozess ungefähr Mitte des 18. Jahrhunderts eingesetzt. Kernfaktoren dieser Entwicklung waren die Aufklärung, die industrielle Revolution und Urbanisierungsprozesse. Das ist ein deutlicher Unterschied zu China, wo diese Prozesse sich erst am Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts herausgebildet haben.

ak[due]ll: Und um das zu erreichen muss eine gesellschaftliche Disziplinierung stattfinden? Was bedeutet das?

Heberer: Disziplinierung ist ein Bewusstseinszustand, bei dem man sowohl den Willen, als auch die Interessen eines hierarchisch höher Gestellten befolgt. Ziel ist dabei die Selbstdisziplinierung. Auf die Gesellschaft bezogen heißt das, dass die Menschen übergeordnete Interessen des Staates oder der Gesellschaft verinnerlichen sollen. In China, wo man weniger von Disziplinierung, sondern von Zivilisierung spricht, gibt es heute sogar spezifische Regeln für einzelne Städte und Landkreise. Das umfasst zum Beispiel Regeln für das Umweltverhalten, die Hygiene, das Verhalten im öffentlichen Raum und gegenüber Mitbürgern oder hinsichtlich des Konsums. Es ist eine Mischung aus Etikette und Rationalisierung des Denkens und Verhaltens. Zudem sollen Konflikte nicht gewaltsam, sondern friedlich ausgetragen werden.

ak[due]ll: Welche Institutionen waren in Europa und China jeweils dafür verantwortlich?

Heberer: Während in Europa die Kirche für die moralische Erziehung der Menschen zuständig war, der Staat für die Durchsetzung von Recht und die Aufrechterhaltung von Ordnung, hat eine solche Arbeitsteilung in China nicht existiert, weil es keine allgemeine Religion wie das Christentum in Europa gab. Deshalb war der Staat historisch immer für beides zuständig und ist es heute noch.

ak[due]ll: Das bedeutet aber auch, dass der Staat eine ungeheure Macht hat.

Heberer: Das stimmt. Im Unterschied zu Europa war der Staat aber auch immer eine akzeptierte Institution, von der man erwartete, dass sie für die Aufrechterhaltung der gesellschaftlich-politischen sowie für moralische Ordnung sorgt. Wenn ein Herrscher dazu nicht in der Lage war, so hatte das Volk laut konfuzianischer Lehre sogar das Recht, diesen zu stürzen.

Man nutzt also moderne Technologie, um Disziplin innerhalb der Bevölkerung durchzusetzen.

ak[due]ll: Aus dem Westen gibt es Kritik an den Disziplinierungsmaßnahmen, weil diese als totalitär wahrgenommen werden, insbesondere aufgrund der weitreichenden Überwachung der Bürger:innen. Als Beispiel wird häufig das soziale Kreditsystem genannt. Was ist das?

Heberer: Anders als im Europa der vergangenen Jahrhunderte, stehen dem chinesischen Staat heute moderne technologische Mittel zur Kontrolle und Durchsetzung der Disziplin zur Verfügung, so zum Beispiel das sogenannte „soziale Kreditsystem“. Bei diesem System, mit dem gegenwärtig noch experimentiert wird, geht es um die Schaffung eines Systems zur Überwachung des Verhaltens von Unternehmen, Behörden, sozialen Organisationen und Einzelpersonen. Dabei wird Fehlverhalten mit Negativ-, Wohlverhalten mit Positivpunkten bedacht. Bislang gibt es allerdings noch kein einheitliches System, sondern 39 Pilot-Orte, wo das mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten ausprobiert wird. Auf dem Land liegt der Fokus mehr auf sozialen Aspekten wie Einhaltung der Ordnung der Dorfgemeinschaft oder das Kümmern um Bedürftige, während es im städtischen Raum eher um Fragen der Zahlungsmoral und Kreditwürdigkeit sowie um Sozialverhalten geht.

ak[due]ll: Wie kam es zu dieser Maßnahme?

Heberer: Der ungeheuer rasche Wandlungsprozess in China, für den man in Europa und Nordamerika 100 bis 200 Jahre, in China aber nur 30 bis 40 Jahre benötigt hat, hat das bestehende Werte- und Moralsystem untergraben. Es erschien deshalb notwendig, eine neue Werteordnung und ein neues Normsystem zu etablieren. Dabei ist der Staat gefragt. Ich kann das jetzt im Detail nicht ausführen. Dazu lediglich ein kleines Beispiel aus dem Verkehrswesen aus eigener Erfahrung: Ich war einige Jahre als Gastprofessor an einer Universität in der Stadt Hangzhou tätig, wo mir auffiel, dass kein Autofahrer sich daran hielt, an Fußgängerüberwegen anzuhalten. Aber als ich 2018 wieder einmal in der Stadt Hangzhou war, fiel mir auf, dass alle Autofahrer sich nun peinlich daran hielten. Ich fragte daher einen chinesischen Kollegen, woran das denn liege. Dieser zeigte nur nach oben: Kameras mit Gesichtserkennung. Wenn man an einem Zebrastreifen, den Fußgänger überqueren, nicht anhält, sondern einfach weiterfährt, wird sofort ein Bußgeld fällig, begleitet von einem Punkteabzug im Rahmen des sozialen Kreditsystems. Man nutzt also moderne Technologie, um Disziplin innerhalb der Bevölkerung durchzusetzen.

ak[due]ll: Was genau passiert, wenn man sich negativ verhält?

Heberer: Was China anbelangt, so bedeuten „positive“ Punkte, die man durch Wohlverhalten oder soziales Engagement erwerben kann, dass man bestimmte Vorzüge genießen kann wie, Kredite zu Vorzugszinsen und Vorrang beim Erwerb von Flug- und Bahntickets. Wer durch wiederholte oder schwerwiegende Regel- und Normverstöße auffällt, erleidet deutliche Nachteile im Hinblick auf den Erwerb öffentlicher Güter, die man mittel- und längerfristig nur durch Wohlverhalten wieder ausgleichen kann. Firmen, die mangelhafte oder gefälschte Produkte herstellen oder Umwelt- und Arbeitsstandards verletzen, werden öffentlich an den Pranger gestellt, auf eine „schwarze Liste“ gesetzt oder sogar geschlossen.

ak[due]ll: Sie haben vorhin gesagt, die Macht des Staates hängt von der Akzeptanz der Bevölkerung ab. Wieso gibt es dafür Akzeptanz?

Heberer: Sowohl chinesische, als auch Untersuchungen von ausländischen Wissenschaftlern haben verdeutlicht, dass die Mehrheit der Chinesen solche Disziplinierungsmaßnahmen anders bewertet als hierzulande. Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus oder der DDR haben uns im Hinblick auf die öffentliche Kontrolle und Überwachungssysteme sensibel und vorsichtig werden lassen, etwa was Kameras im öffentlichen Raum anbelangt. In China ist die Kritik an Strukturen und Systemen, die der Verbesserung der öffentlichen Ordnung und Kontrolle dienen, ausgesprochen gering ausgeprägt.

Darauf angesprochen, befürworten die meisten solche Maßnahmen. Sie würden sich ja an Regeln und Normen halten; diejenigen aber, die das nicht tun würden oder kriminell seien, sollten auch entsprechend bestraft werden. Kameras und andere Überwachungssysteme verbesserten ja schließlich die öffentliche Sicherheit. Eine Gefahr besteht allerdings darin, dass etwa das „soziale Kreditsystem“ politisch instrumentalisiert wird, das heißt politisches Verhalten einbeziehen könnte. Diese negativen Seiten – so scheint es - werden aber von der Mehrheit der Chinesen gegenwärtig nicht gesehen, weil das Vertrauen in den Staat so groß zu sein scheint. 

 

Hinweis: Die Universität Duisburg-Essen kooperiert mit dem Konfuzius-Institut. 

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