Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Mobilität in Zeiten der Pandemie

Zum Start des Sommersemester ist es auch am Campus Essen ruhiger als gewohnt. [Foto: Alexander Weilkes]
21.04.2020 14:50 - Alexander Weilkes

Um die Verbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 zu verlangsamen, wurde das öffentliche und private Leben stark heruntergefahren. Infolgedessen hat sich das Mobilitätsverhalten von vielen Menschen verändert. Was passiert da gerade?

Seit dem 23. März gilt ein Kontaktverbot in NRW und den restlichen Bundesländern, das vorerst noch bis zum 3. Mai bestehen wird. Die Neufassung der Coronaschutzverordnung, die seit dem 20. April gilt, bringt einige Lockerungen mit sich, die Rückkehr zur Normalität ist damit jedoch noch nicht eingetreten (Quelle). Mindestens bis zum 3. Mai werden viele Menschen ihrer Erwerbstätigkeit nicht nachgehen können oder erledigen diese nun im Home-Office. 

Mobilität im Ruhrgebiet: Abschied vom Auto – was der ÖPNV jetzt leisten muss

Wie muss im Ruhrgebiet der Nahverkehr der Zukunft aussehen? Ein Blick auf Probleme und Herausforderungen.
 

Die massive Einschränkung des Kontakts zwischen Menschen dient der Eindämmung des Coronavirus und reduziert auch ihre Mobilität. Die Zwei-Personen-Grenze, die das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in der  Rechtsverordnungen zum Schutz vor dem Coronavirus veranlasst hat, gilt zwar (mit Ausnahmen) auch für Autofahrten, offensichtlich jedoch nicht für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), wo auch der Mindestabstand von 1,5 Meter nicht mit Sicherheit eingehalten werden kann. Verkehrsunternehmen wie die Ruhrbahn und die Deutsche Bahn haben auf die Abnahme der Fahrgastanzahl mit der Ausdünnung ihres Angebots reagiert, mussten dann aber wieder nachbessern, weil Busse und Bahnen zu überfüllt waren (Quelle). Auch hier zeigt sich der Zielkonflikt zwischen Wirtschaftlichkeit und Schutz der Gesundheit. Wie hoch die Gefahr tatsächlich ist, sich im ÖPNV mit dem Coronavirus zu infizieren, ist nicht klar. Laut dem Nachrichtenmagazin Spiegel hat das Fahrgastaufkommen in jedem Fall massiv abgenommen. 
Dr.-Ing. Dirk Wittowsky, seit letztem Jahr als Professor am Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung der Universität Duisburg-Essen (UDE) tätig, teilte auf Anfrage mit, dass er den Eindruck teile, dass der Aktionsradius von Menschen „sich durch ein beschränktes Angebot an offenen Zielen und Einschränkung der sozialen Kontakte massiv verändert hat“ und kleiner geworden ist. Das Unternehmen Teralytics, das anonymisierte Mobilfunkdaten auswertet und mit dem Robert Koch Institut (RKI) zusammenarbeitet, bestätigt zumindest letztgenannte Vermutung. Wer regelmäßig die Staumeldungen im Radio verfolgt, konnte ebenfalls feststellen, dass diese kürzer ausfallen als sonst üblich ist. Die Süddeutsche Zeitung berichtete, dass das Verkehrsaufkommen auf den Autobahnen und in der Stadt merklich nachgelassen hat.

Rekordwerte beim Fahrradverkehr

Diese Feststellung überrascht aufgrund der derzeitigen Situation nicht, erfasst aber auch nicht alle Veränderungen. Zwar mag der motorisierte Verkehr und das Fahrgastaufkommen im ÖPNV nachgelassen haben, „aber im Nahbereich“ sieht Wittowsky „ einen Anstieg im Rad- und Fußverkehr, „sowie diversen sportlichen Fortbewegungsformen.” Bestätigung erfahren diese Beobachtungen, wenn man sich zum Beispiel die Daten der Fahrradzählstation am Radschnellweg 1 (RS1) in Mülheim an der Ruhr anschaut: Seit Mitte März lag die durchschnittliche Anzahl an gezählten Radfahrenden pro Tag bereits deutlich höher als in den Jahren 2018 und 2019. Mit dem Inkrafttreten der Kontaktsperre am 23. März schnellte die Anzahl weiter in die Höhe. In den letzten zwei Wochen passierten an mehreren Tagen sogar mehr Radfahrende die Station als je zuvor, selbst die schönsten Sommertage der Vorjahre lagen deutlich darunter. 

Interessant für Studierende und Mitarbeiter*innen der UDE: Der derzeit hochfrequentierte sogenannte Radschnellweg führt von Höhe des Campus Essen in der Grünen Mitte in südwestlicher Richtung bis zur Hochschule Ruhr West (HRW) und soll in Zukunft auch südlich des Duisburger Campus entlanglaufen.
Zu Fuß Gehende werden zwar nicht von allen Zählstationen erfasst, aber auch hier deutet der subjektive Eindruck darauf hin, dass derzeit ungewöhnlich viele Menschen unterwegs sind. Die ersten Ergebnisse eines schweizerischen Forschungsprojekts (MOBIS-COVID-19), in dem die Effekte der Corona-Maßnahmen auf das Mobilitätsverhalten von Menschen untersucht werden, belegen eine erhebliche Zunahme der täglich zurückgelegten Strecken mit dem Fahrrad. Alle weiteren Fortbewegungsformen nahmen im bisherigen Untersuchungszeitraum deutlich ab, der Anteil der zu Fuß Gehenden nahm zuletzt aber wieder stark zu (Quelle). Hingegen herrscht in Flughäfen, wie dem in der NRW-Landeshauptstadt Düsseldorf, Stille, weil kaum Reisende unterwegs sind (Quelle).

Jetzige Herausforderungen könnten eine Chance sein

In Berlin hat man auf die Veränderungen schnell reagiert und man versucht die Aufteilung des Verkehrsraums den neuen Bedingungen anzupassen. Zumindest vorläufig bekommt hier der Radverkehr mehr Fläche in Form von verbreiterten und neu ausgewiesenen Radspuren. Es verwundert nicht, dass sich die Luftqualität in vielen Ländern Europas und China im Zuge des Lockdowns verbessert hat, wobei man hier noch keine abschließenden Aussagen bezüglich Korrelation oder Kausalität tätigen sollte (Quelle). Wittowsky weist darauf hin, dass „Klimaschutz, Fridays for Future und Maßnahmen zur Reduzierung der Stickoxide“ die bestimmenden Themen im öffentlichen und privaten Diskurs waren, bevor die Corona-Pandemie die mediale Berichterstattung vereinnahmte. 

Die Luftqualität in vielen Ländern hat sich seit dem Lockdown verbessert.

Die aktuelle Situation macht das Erleben von nachhaltiger Mobilität möglich. Wie sich diese Eindrücke auch nach der Krise entwickeln werden, hängt von der Dauer ab, in der sie erfahren wird. Vorstellbar wäre, dass manche Wege und Reisen in Zukunft nicht mehr stattfinden werden. Die gerade erzwungene Arbeit im Home-Office ist für viele Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen eine Offenbarung: Nicht jede Geschäftsreise, nicht jedes Meeting und nicht jede Arbeit erfordern, dass Menschen sich alltäglich in den Berufsverkehr stürzen und damit diverse Ressourcen verknappen. Wie stark Klimaschutz, Mobilität, lebenswerte Städte, Arbeit und Wirtschaft zusammenhängen, zeigt sich gut an diesem Beispiel. Die jetzt gewonnenen Erkenntnisse könnten in Zukunft genutzt werden, um Pendelverkehr zu reduzieren und nachhaltige Mobilitätsformen zu fördern. 

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