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GESELLSCHAFT

„Mit uns könnt ihr das nicht mehr machen“

Der Roma-Aktivist und Comedian Gianni Jovanovic überlebte bereits als Kind einen rassistischen Brandanschlag. [Foto: Stefanie Päffgen]

22.02.2021 14:30 - David Peters

In Deutschland wird immer wieder über die Verwendung des Z-Wortes diskutiert. Der Comedian und Aktivist Gianni Jovanovic kritisiert, dass dies immer in einem rassistischen Kontext geschehe und fordert, dass man mehr über Rassismus gegenüber Sinti:zze und Rom:nja in der Gesellschaft sprechen müsse.

ak[due]ll: Herr Jovanovic, in der WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ wurde von Nicht-Betroffenen darüber diskutiert, ob man das Z-Wort verwenden darf. Wie erleben Sie solche Diskussionen? Schauen Sie sich sowas an?

Gianni Jovanovic: Wenn es um die Debatte des Wortes oder die Situation der Sinti:zze und Rom:nja in Deutschland oder Europa geht, dann gucke ich mir sowas natürlich an. Ich merke aber, dass immer in einem rassistischen Kontext darüber diskutiert wird. Man stellt immer wieder Menschen dar, die nicht an der Gesellschaft teilhaben. Man schafft ein negatives Bild der Sinti:zze und Rom:nja. Das beeinflusst das Verhalten von Menschen, ihre Sprache und die allgemeine Einstellung unserem Volk gegenüber. Das ist ein sehr großes Problem, deswegen müssen wir gemeinsam etwas dagegen unternehmen. Es kann nicht angehen, dass wir immer noch Diskriminierung ertragen müssen.

ak[due]ll: Kennen die Menschen die Bedeutung des Z-Wortes und nutzen es bewusst?

Jovanovic: Vielen Menschen ist bewusst, dass es eine Beschimpfung ist. Aber wenigen ist klar, dass es eine rassistische Fremdbezeichnung ist. Ich glaube, dass denen, die unsicher sind und es trotzdem benutzen, ein Ersatz fehlt und da müssen wir aufklären. Natürlich gibt es Menschen, die rassistisch sind und mit dem Wort andere verletzen wollen. Die sind so und bei denen wird sich vermutlich nichts ändern. Ich kann aber Impulse geben und damit diejenigen erreichen, die bereit sind an ihrer Sprache und Weltanschauung zu arbeiten – und das ist ein großer Teil dieser Gesellschaft.

Gianni Jovanovic black_quer.jpgJovanovic kritisiert, dass sich die Gesellschaft nicht die Notwendigkeit sieht sich mit Rassismus gegenüber Sinti:zze und Rom:nja auseinanderzusetzen.  [Foto: Pascal Amos Rest]

ak[due]ll: Was entgegnen Sie diesen Menschen dann?

Jovanovic: Dass das Z-Wort eine rassistische Fremd- und Sammelbezeichnung ist, mit der Menschen während des Holocausts stigmatisiert wurden. Dass man das Erwachsenen in die Arme und Babys in die Oberschenkel, weil ihre Arme nicht breit genug waren, tätowiert hat. Dass man sie teilweise sterilisiert, kastriert, vergewaltig und am Ende vergast hat. Das sage ich diesen Menschen. Sie sollen genau wissen, was das für eine geballte Gewalt auslöst, wenn sie dieses Wort benutzen. Sie verletzen andere Leute und traumatisieren Menschen wie mich, die Nachfahren von Holocaust-Überlebenden sind, immer wieder. Dadurch, dass ich deutscher Bürger bin und es seit über 600 Jahren Sinti:zze oder Rom:nja hier gibt, die immer „deutsch“ gewesen sind, ist es für mich wichtig, dass ich diesen Hass uns gegenüber aufdecke und klar mache: „Mit uns könnt ihr das nicht mehr machen.“

ak[due]ll: Enissa Amani hatte mit dem Format „Die beste Instanz“ eine Art Gegenentwurf zu der besagten WDR-Sendung geschaffen. Auch Sie waren zu Gast. Findet die Perspektive von Menschen, die von Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus betroffen sind, zu wenig Beachtung?

Jovanovic: Über Rassismus gegenüber Sinti:zze und Rom:nja wird in der Gesellschaft zu wenig geredet. Ich glaube, die meisten wissen nicht mal, was das ist. Die Lebensrealitäten der Sinti:zze und Rom:nja und was in der Vergangenheit passiert ist, ist vielen Bürger:innen gar nicht bekannt, weil es in den Schulen und Universitäten nicht unterrichtet wird und man nicht darüber spricht – höchstens in Form der Stigmatisierung, der Exotisierung oder Romantisierung. Rassismus gegenüber Sinti:zze und Rom:nja hat sich in Bereichen, wie der Fashion- oder Lebensmittelindustrie sogar als lukrativ erwiesen und muss deshalb auch viel stärker im Fokus der Öffentlichkeit stehen als es jetzt der Fall ist.

Ich finde es aber auch wichtig, dass man über LGBTIQ in der Öffentlichkeit spricht. Es gibt immer noch Menschen, die sich verstecken müssen, weil sie sich nicht bekennen wollen, weil sie zum Beispiel als Mann mit einem Mann zusammenleben. Jeder sechste Mann verleugnet seine Homosexualität bei seiner Arbeitsstelle. Obwohl wir vom Grundgesetz inkludiert werden, gibt es immer noch Situationen, wo ich als schwuler Mann exkludiert werde. Darüber sollte man auch reden.

ak[due]ll: Also müssen die Stimmen der Betroffenen stärker in der Öffentlichkeit gehört werden?

Jovanovic: Auf jeden Fall. Dass die LGBTIQ-Bewegung heute so stark und sichtbar ist, hat etwas damit zu tun, dass sich Leute aus Kunst, Kultur und Politik beispielsweise zu ihrer Homosexualität bekannt haben. Dazu kam, dass viele heterosexuelle Alliierte sie unterstützt haben. Das zeigt, dass man die Menschen aus der Stigmatisierung holen und ihre Identität würdigen kann. Genauso wünsche ich mir das auch mit der Community der Sinti:zze und Rom:nja. Wenn alle Menschen, die in der Gesellschaft eine prominente Position haben, darüber sprechen und darauf aufmerksam machen, dann wird es in der Gesellschaft viel mehr Anregung zum Nachdenken geben. Ich nutze meine Position, um genau das zu tun. Ich will darüber reden.

ak[due]ll: Gibt es in Deutschland zu wenig Expert:innen für dieses Themen oder kennen wir die nur nicht? Oder wollen uns womöglich nicht damit auseinandersetzen?

Jovanovic: Beides. Wir als Gesellschaft sehen nicht die Notwendigkeit, uns damit auseinander zu setzen. Ich habe einmal mit einer Vorsitzenden eines Vereins gesprochen, da ging es um ein Projekt mit Schauspielerinnen. Sie wollte ein Roma-Stück aufführen. Sie wollte die Rolle der Romni mit einer weißen Person besetzen. Da habe ich ihr gesagt: „Wie stellen Sie sich das vor? Das können Sie doch nicht machen.“ Daraufhin entgegnete Sie: „Aber kennen Sie denn jemanden, der für die Rolle in Frage käme?“. Ich erklärte ihr dann, dass es großartige Schauspieler:innen gibt, die preisgekrönt und Rom:nja sind. Ihr Gedanke, die Rolle mit einer weißen Schauspielerin zu besetzen, war, dass sie dachte es gäbe keine, die Sintizza oder Romni sind. Das ist doch entlarvend.

Es gibt so viele Aktivist:innen und Vereine in unserer Community. Schreiben Sie diese Namen auf und machen sie die Menschen sichtbar: das RomaniPhen-Archiv, den Jugendverein Amaro Foro, Isidora Randjelović, Roxanna-Lorainne Witt, Drita Jakupi, Silas Kropf, Svetlana Kostic, Roxie Thiele-Dogan und noch viele, viele mehr. Das sind Aktivist:innen, die hier in Deutschland großartige Arbeit leisten und die werden von der Gesellschaft nicht gesehen.

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