Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Mensalust oder Kantinenfrust?

Mensastress: Wo ist noch ein Platz frei? (Foto: lenz)

31.01.2018 16:24 - Lorenza Kaib



Das Geschirr klappert, Menschenmengen schieben, heißer Dampf steigt Richtung Decke, der randvoll mit Büchern angefüllte Rucksack zieht einen gen Boden. Schweiß sammelt sich unter der Winterjacke, eine Warteschlange vor der Kasse, kein Tisch mehr frei, lautes Stimmengewirr. Ein Mensabesuch kann stressig sein, diese Erfahrung haben vermutlich bereits alle Studierenden und Schüler*innen gemacht. Wie sehr das hektische Kantinengewusel als störend, beunruhigend oder sogar beängstigend empfunden wird und welche Konsequenzen daraus gezogen werden, ist jedoch sehr individuell.

„Ich hab mich da seit Tag eins unwohl gefühlt. Es ist meist super voll und man fühlt sich bedrückt und ständig könnte jemand hinter einem sein, den man kennt und vielleicht auch nicht mag. So kann man nicht in Ruhe essen. Wenn ich denn mal dort bin, bin ich die meiste Zeit dabei, zu versuchen mich zu beruhigen. Lohnt sich also erst gar nicht“, schildert Jasmin*, Studentin an der Universität Duisburg-Essen, ihre Beziehung zur hiesigen Mensa. Ihren Alltag könnte das einschränken, wenn sie an der Uni lernen, aber nicht in der Mensa essen gehen wollen würde. Sich dort mittags verpflegen würde sie nur, falls „eine grosse Gruppe an Freunden wirklich unbedingt da hin möchte“. Das Unwohlsein in einer vollen Mensa bemerke sie auch körperlich: „Herzrasen habe ich vielleicht nicht, aber ich spüre meinen Puls stärker und mein Gesicht wird warm, meine Hände aber kalt und steif.“

Sebastian*, ebenfalls Student an der UDE, fühlt sich im Kontakt mit neuen Leuten schnell verunsichert und versucht es zu vermeiden, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Dieses unwohle Gefühl kann schon dadurch kommen, dass ich teilweise unsicher bin, wie ich mich möglichst unauffällig verhalte. Im Beispiel der Mensa: wenn es keinen leeren Tisch mehr gibt – soll ich woanders hingehen oder mich einfach dazu setzen beziehungsweise zu wem soll ich mich setzen?“, schildert er seine Gedanken. Er sei schon immer eher schüchtern gewesen, seit der 10. Klasse fiele es ihm jedoch deutlich schwerer, fremde Menschen anzusprechen. „Abgesehen davon, dass ich wenig Kontakt zu anderen Studenten habe und – wie wahrscheinlich viele andere auch – keine Fragen stelle, auch wenn ich etwas nicht ganz verstanden habe, schränkt es mich eher weniger ein. Wenn es wirklich nötig ist, ich zum Beispiel direkt irgendetwas gefragt werde, schaffe ich es natürlich auch mit jemandem zu reden, auch wenn das nicht immer angenehm ist.“ Doch manche Dinge wären einfacher, wenn er dieses Problem nicht hätte, vermutet Sebastian.

Cem* studiert an der Technischen Universität Dortmund und war in fünf Semestern bisher zweimal in der Mensa – ohne etwas zu essen. Er fühle sich dort total gestresst: „Am liebsten renne ich direkt wieder raus. Auch die Luft ist teilweise sehr unangenehm durch das ganze warme Essen und die Menschenmassen.“ Der Mensaverzicht schränke ihn nicht ein: „Die TU Dortmund bietet unendliche Alternativen. Ich halte mich sehr gerne in der Foodfakultät auf, auch wenn die Situation da auch nicht besser ist. Jedoch finde ich es dort geregelter. Ich hole aber auch nur ein Brötchen und Kaffee, das reicht.“ Außerdem koche er viel selbst und achte auf eine ausgewogene Ernährung.

Vermeiden als Strategie

Die Gründe für ihr Unwohlsein sind verschieden: Sebastian befürchtet, angesprochen zu werden, Jasmin mag es nicht, vor unbekannten Menschen zu essen und für Cem sind überfüllte Orte allgemein zu stressig. Alle drei meiden die Mensa – gehen aber unterschiedlich damit um. Jasmin rede allgemein nicht über ihr Unwohlsein, weshalb Freund*innen oder Familie darüber nicht Bescheid wissen. Sebastian würde darüber sprechen, „es weiß fast niemand, dass ich noch nicht in der Mensa war, weil eigentlich keiner danach fragt und ich auch nicht das Bedürfnis hab, mit jemandem darüber zu reden, dass ich noch nicht da war“. Cem ist hingegen sehr offen: „Meine WG-Bewohner fragten mich ab und zu, ob ich mit in die Mensa möchte, ich lehnte es jedoch immer dankend ab. Ich hatte mal erwähnt, dass ich mich in der Mensa unwohl fühle und bewusst die Menschenmasse meide.“ Negative Reaktionen habe er bisher nicht erhalten, er stoße „meistens auf Verständnis. Ich meine, jeder Mensch ist individuell. Was sollen die schon davon halten?“

Lars Althoff ist ein in Essen ansässiger Psychologe und ausgebildeter Psychotherapeut. Während und nach seinem Studium hat er in der Christoph-Dornier-Stiftung in Bielefeld gearbeitet, einer Spezialeinrichtung für die Behandlung von Ängsten. Auch in seiner Essener Praxis ist ihm das Thema stets präsent: „Jetzt, in meiner ambulanten Zeit in den letzten sieben Jahren, sind Patienten mit Ängsten nach Depressionen die häufigste Klientengruppe, die es gibt.“ Patient*innen, die unter Unwohlsein in Mensen oder Cafeterien leiden, seien bisher noch nicht zu ihm gekommen. „Als Angsttherapeut muss ich ganz klar sagen, dass man sich Situationen stellen sollte – wenn man wirklich eine Angst hat. Weil bei Angst in der Mensa, wenn es eine unbegründete Befürchtung ist, eine Konfrontation die einzige Möglichkeit ist, sie zu bewältigen. Wenn es nur ein Unwohlsein ist oder man sich dort nicht so gut fühlt, dann kann auch eine Vermeidung okay sein. Vermeidung ist ja immer ein Schutz“, so Althoff. Auch Sebastian sucht manchmal die Konfrontation mit seinen Befürchtungen: „Ich habe nicht vor, mir dafür professionelle Hilfe zu holen, da ich auch so ganz gut zurecht komme. Ich überlege manchmal mich bewusst in solche unangenehmen Situationen zu begeben, um zu lernen damit umzugehen beziehungsweise um zu sehen, dass es keinen Grund gibt, nervös zu sein und dann – hoffentlich – auch in ähnlichen Situationen ruhig bleiben zu können.“

„Woran ich gedacht habe, was die Gründe sein könnten, das wären Menschen, die Schwierigkeiten haben vor anderen Menschen zu essen. Das wäre im Rahmen einer sozialen Phobie zum Beispiel der Fall. Wenn es die Befürchtung von Bewertungen der anderen gibt oder die Angst, dass etwas unangenehm ist“, erläutert Althoff einen möglichen Grund für die Abneigung. „Eine weitere Variante wären agoraphobe Ängste – Agoraphobie, mit oder ohne Panikstörung. Da bezieht sich die Angst darauf, in einem eingeschlossenen Raum zu sein. Die Mensa könnte so eine Situation, die gemieden wird, sein – aber auch Kinos und Theaterräume“, so der Psychologe. Ein weiterer Grund für Angst vor Nahrungsaufnahme in der Öffentlichkeit ist die Emetophobie, „eine sehr spezifische Phobie ist zum Beispiel die Angst zu Erbrechen vor anderen und daher dann auch vermeiden, vor anderen Menschen zu essen.“

Entscheidender Faktor: Leidensdruck

Pauschalisieren und Pathologisieren, das hilft im Umgang mit der individuellen Problematik definitiv nicht. Entscheidend bei der Frage, ob man eine Beratung aufsuchen und sich nach Hilfe umschauen möchte, ist vor allem das eigene Empfinden. „Das ist auch immer ein Kriterium für die Diagnose: dass eine subjektive Beeinträchtigung, ein Leidensdruck, vorliegen muss. Wenn das nicht vorherrscht, kann man das auch letztlich nicht in eine klinische Kategorie oder Diagnose fassen. Wir haben ja alle irgendwelche Ängste oder Unbehagen, eine Anspannung, mit der man aber gut leben kann“, meint auch Althoff und führt ein Beispiel an: „Wie viele Menschen haben eine ausgeprägte Flugangst, leben damit aber gut und fahren mit dem Auto in den Urlaub?“

Doch auch wenn sie anfangs banal und nicht als schwerwiegend erscheinen, Ängste können sich ausbreiten: „Ich habe auch Patienten schon erlebt, die mit einer ausgeprägten Angst kamen – sie haben aber auch erst Jahre bestimmte Dinge vermieden und dadurch wurden dann Situationen schwieriger oder die Ängste haben sich dann ausgebreitet. Vielleicht war es erst die Mensa, dann sind es alle Restaurants oder man kann nur noch zu Hause essen. Und dann entsteht irgendwann der Leidensdruck und die Leute kommen in die Therapie.“ Um das zu verhindern empfiehlt Althoff die Konfrontation – und das müsse nicht zwangsläufig im Rahmen einer Therapie erfolgen: „Vielleicht kann man das auch mit Freunden gemeinsam machen oder auch zu einer psychologischen Beratung in die Uni gehen“.

*Namen von der Redaktion geändert

–>Mein Campuserlebnis<–

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