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Statt Totenkopfmaske jetzt Aluhut? [Bild: Jacqueline Brinkwirth]19.05.2020 12:58 - Julia Segantini

Am 10. Mai ging eine neue Folge von Ali Bumayes YouTube-Reihe „Ali therapiert…“ online, in der der Berliner Rapper interviewartige Gespräche mit anderen deutschen Rappern führt. In der neuesten Folge quatscht er mit Sido zunächst über Musik und Corona. Plötzlich ändert sich das Gespräch. Sido erzählt, wie reiche „alteingesessene Familien“ für das Verschwinden von Kindern verantwortlich sind.

Eine Kolumne von Julia Segantini

Ich runzle die Stirn. Sido schneidet das Thema nur an, will nicht richtig darauf eingehen, „hinterher setzen mir Leute noch ‘nen Aluhut auf“, sagt er lachend. Dabei braucht er uns dafür gar nicht, das schafft er ganz allein. Auch indem er andeutet, an antisemitische Verschwörungstheorien um die Familie Rothschild zu glauben. Die Rothschilds dienen oft als Symbol für die angebliche Übermacht des „Weltjudentums“ über das globale Finanzwesen. Solche und andere Verschwörungstheorien, die sich gegen „die Reichen“ richten, sind meist von offenem oder verdecktem Antisemitismus geprägt. 

Und Xavier? Der „ist zu tief drin“ und hat ein bisschen zu viel gekifft, meint Sido. Damit verharmlost er die kruden Verschwörungstheorien von Naidoo. Aber Sido ist noch nicht fertig. „Wir brauchen alternative Medien. Die großen Medien sind unterwandert“, sagt er. Und dann einer meiner Lieblingssätze: „Wir brauchen Leute, die gut recherchieren und auch mal sagen, ich weiß es leider nicht hundertprozentig, aber es könnte so sein.“ Klar, wer braucht schon Fakten, die nerven eh.

Dass die Medien aktuell mehr als sonst über häusliche Gewalt gegen Frauen berichten, findet er ebenfalls verdächtig. „Warum ist das jetzt ein Thema?“, fragt er sich. Dass die Gewalt gegen Frauen steigt, weil sie in der Quarantäne ihren Tätern ausgeliefert sind, klingt natürlich viel unwahrscheinlicher, als die Theorie, dass irgendein reicher Typ was davon hat, wenn die Medien ohne Grund mehr darüber berichten. 

Keine Reaktion ist auch eine Reaktion

Und wie reagiert Ali auf das alles? „Du hast mich therapiert bis jetzt. Das sind alles Sachen, die du gerade erzählst, wo ich weder das Wissen habe, noch das Interesse, das zu verfolgen, um da mitreden zu können“, sagt er unsicher. „Muss man auch nicht“, findet Sido. Ne, find ich auch. Man sollte auf keinen Fall Wissen oder Interesse an irgendwas haben, vor allem nicht, wenn man jemanden zum Interview einlädt. Eine kritische Einordnung nimmt Ali an keiner einzigen Stelle vor. Und dem großen Sido will man schließlich nicht ans Bein pissen. Ich kann sogar verstehen, dass er in dem Moment überrumpelt war und auch, dass die Hemmschwelle, einen Sido in die Schranken zu weisen, hoch ist. Scheiße ist aber, wenn man sich dann im Nachhinein nicht positioniert. Noch schlimmer ist, wenn man Sido auf Instagram in Schutz nimmt.

Unsere Anfrage an Ali, wie er das Interview einordnet, bleibt unbeantwortet. Und was sagt ProSieben? Dort tritt Sido unter anderem als Jurymitglied der Casting-Show The Voice of Germany auf. Ob der Sender ähnliche Konsequenzen wie RTL bei Xavier Naidoo, der aus der DSDS-Jury flog, ziehen will, frage ich Christoph Körfer, Sprecher und stellvertretender Senderchef von ProSieben am Telefon. Er habe das Video noch nicht gesehen und könne dazu nichts sagen, lautet die knappe Antwort, bevor er das Gespräch beendet. 

Um endlich mal zum Punkt zu kommen: Nein, die Aussagen von Sido sind nicht so krass wie die von Xavier Naidoo. Und genau deshalb sind sie noch gefährlicher. Bei dem abgedrehten Unsinn von Naidoo ist es einfach, sich zu distanzieren. Bei Sido ist das schwieriger, eben weil sie nicht so krass sind und er seine Aussagen als Fakten darstellt. So sind sie leichter verdaulich und gelangen besser unter die Leute. Sido hat eine immense Reichweite. Nicht nur als Deutschrap-Ikone, sondern auch als beliebter Entertainer und häufiger TV-Gast. Nun, sich vom Rampenlicht blenden zu lassen ist sicher angenehmer, als von Logik und Vernunft. 
 

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