Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Mein Körper ist mein Feind

Das Körpergefühl ist abhanden gekommen – oftmals ein Ergebis von Body-Shaming (Foto: Pexels, Kat Smith, CC0).

23.03.2018 14:55 - Die Redaktion



Da ist diese Postkarte in meiner Hand. Es ist eine Grußkarte aus dem Urlaub von einem Mädchen an ihre Schulfreundin. Neben der Briefmarke klebt ein Sticker von einer Comic-Figur, einer korpulenten jungen Frau. Sie hat schwarze Haare, die jedoch mit einem gelb-goldenen Stift übermalt worden sind. Ich schaue auf die Zeilen daneben: „Das ist Mel, hihi“, steht da in silberner Schrift, ein Grinse-Smiley inklusive. Mel, Melanie*, das bin ich, zehn Jahre alt. Auch 15 Jahre später ist dieses Bild bei mir noch fest im Kopf verankert. Trotz des kindlichen Leichtsinns, mit dem diese Botschaft geäußert wurde – spätestens seit diesem Tag habe ich ein gestörtes Verhältnis zu meinem Körper. Jedes Mal, wenn ich Schokolade oder ein Stück Kuchen esse, habe ich ein schlechtes Gewissen. Jedes Mal, wenn ich in einen Ganzkörperspiegel schaue oder im Sommer am Strand andere Frauen in Bikinis sehe, denke ich: „Du solltest abnehmen!“ Dieser Sticker von der Postkarte hat sich wie mit einer Stecknadel in mein Gehirn gepinnt.

Auch zu Hause werde ich stetig mit meinem Äußeren konfrontiert. „Das sieht unvorteilhaft aus“, „Iss mal nicht so viel Süßes“, „Du musst mehr auf deine Linie achten“ sind Sätze, die ich regelmäßig zu hören bekomme. Ich bin zwölf Jahre alt. Mein Bruder hingegen kann essen was er will und wie viel er will, „bei ihm setzt sich das auch nicht so schnell an wie bei dir“, so der Kommentar meiner Mutter. In der Schule sind viele Mädchen schlanker als ich. Für einige Jungs ist das ein Grund mich zu schikanieren. Aber es bleibt nicht dabei: Auch meine Auswahl an Klamotten und Accessoires wird stetig kommentiert. Später werde ich im Abi-Jahrbuch zu „Worst dressed“ des Jahrgangs gewählt, auch Freundinnen stimmen für mich. Mein Äußeres bestimmt meine Identität; mein Körper, meine Klamotten, mein Stil spricht, nicht das Mädchen dahinter. Und das prägt wiederum mein Selbstwertgefühl. Ich möchte anderen gefallen, ich will, dass mich andere schön finden. Ich beginne mein Äußeres, meinen Körper zu hassen. Ich ändere meinen Klamottenstil, ich versuche abzunehmen.

Nach dem Abitur wendet sich das Blatt. Auf einmal sind „Rundungen“ hip und trendy. Was sind nicht ändert: Männer bewerten meinen Körper. Lange blonde Haare, Kurven und große Brüste: „Na komm, da kann man ja nicht anders“, kommentiert ein Mann, mit dem ich während des Studiums in einem Club im alkoholisierten Zustand tanze. Was hinter dem Äußeren steckt interessiert ihn nicht. Noch heute merkt auch meine Mutter an, wenn ich einen kurzen Rock anziehe oder ein Oberteil mit Ausschnitt, ich solle das doch mal runterziehen und das doch mal hoch. So könne ich ja nicht rausgehen. Freund*innen und Familie gratulieren mir dazu, wenn ich abnehme, als hätte ich Geburtstag. Und ich bin selbst stolz. Stolz darauf, wenn ich wochenlang zwar nicht hungere, aber mich diszipliniert dazu zwinge, bestimmte Dinge nicht zu essen, längere Zeit Hunger zu haben, um eine Mahlzeit auszulassen oder mit knurrendem Magen einschlafen kann. Einen Ganzkörperspiegel habe ich immer noch nicht, ich habe Angst vor dem, was ich sehen würde. Beim Duschen schaue ich regelmäßig an mir herunter und empfinde Abscheu über das, was ich sehe. Meine Brüste, mein Bauch, meine Oberschenkel: alles fühlt sich fremd an. Als wäre es nicht Teil von mir, sondern bloß eine Hülle, die ich aber nicht abwerfen kann.

Ich werde auf das reduziert, was man sieht: klein, feine Gesichtszüge, blond, Kurven. Sexualisierte Kommentare oder Männer, die mich von oben bis unten mustern, sind ebenso Alltag wie das ständige Baucheinziehen und der Gedanke daran, wie viel Kalorien, Zucker und Fett ich heute wohl wieder zu mir genommen habe, immer in der Hoffnung „dass das nicht ansetzt”. Wohin ich auch gehe: Mein Äußeres bestimmt meine Identität. Mein Körper ist mein Feind.

*Pseudonym. Die Autorin möchte anonym bleiben.




Hilfe für Betroffene

Wenn du auch schon gemobbt wurdest oder aus anderen Gründen dein Selbstwert- und/oder Körpergefühl leidet, könnten dir diese Anlaufstellen weiterhelfen:

Die des Studierendenwerks Essen-Duisburg.

Das ist rund um die Uhr kostenlos zu erreichen (0800 - 111 0 111 oder 111 0 222), aber auch per E-Mail, Chat oder persönlich vor Ort sind Beratungen möglich.

Die bietet eine Suchmaske an, um passende Ärzte und Psychotherapeuten zu finden.

Die klärt unter anderem über Wege zur Psychotherapie auf.

Die informiert ebenfalls über Hilfsangebote.

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