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Mein Beziehungs- und Dating-Leben: Wie ich neu laufen lerne

Die Liebe über Dating-Apps finden? [Foto: Saskia Ziemacki]

14.01.2022 10:44 - Saskia Ziemacki

Fast acht Jahre war unsere Redakteurin in einer Beziehung. Dating-Apps gab es vor dieser Zeit noch nicht. Sie hat ihren damaligen Partner ganz klassisch in der Schule kennengelernt. Als Schluss war, wurde sie plötzlich in einen unermesslichen Dating-Pool geschmissen.

Eine Kolumne von Saskia Ziemacki

Einen Schritt nach vorne und wieder drei Schritte zurück. Ich verliere den Halt, strauchel und falle auf die Nase. Ich rappel mich wieder auf, ziehe mir ein dickeres Fell über, das den nächsten Sturz dämpft und gehe weiter. Mal mit festem, dann wieder mit unsicherem Schritt. So sieht mein Dating-Leben aus, seit ich Single bin. Und das nun seit über zwei Jahren.

Ich war gerade 17, als ich meinen Freund in der Schule kennenlernte. Er war fast zwei Jahre älter, hatte gerade sein Abitur gemacht und schien unerreichbar. Irgendwann kamen wir über Freunde in Kontakt, tauschten Nummern aus und trafen uns zum Spazieren in unserer Kleinstadt. Alles war aufregend und ich verliebte mich sofort unsterblich. Nach ein paar Treffen und dem ersten Kuss waren wir dann zusammen. So erging es all meinen damaligen Freundinnen. Die meisten von ihnen sind bis heute mit ihrer Schulliebe in einer Beziehung.

Dann kam der Tag, an dem ich zum Studieren in eine Großstadt zog, in meine erste eigene Wohnung. Mein Freund blieb in unserer Heimat. Jahrelang pendelte ich jedes Wochenende zu ihm. Vom Studi-Leben bekam ich nicht viel mit. Ich merkte, dass es so nicht weitergehen kann. Also zog ich in eine große WG. Nun war ich umgeben von Singles und anderen Perspektiven auf das Leben. Es gab mir ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, das ich noch nicht kannte. Ich wusste, dass das nicht der einzige Grund war, weshalb mein Freund und ich uns auseinandergelebt hatten, aber es führte im Endeffekt dazu, dass ich mich von ihm trennte.

Hilfe, ich bin Single!

Da stand ich nun: 25 Jahre alt und hatte noch nie ein richtiges Date. Auf einmal waren mir alle Möglichkeiten der Welt offen. Und ich war maßlos überfordert. Von allen Seiten wurde auf mich eingeredet, wie ich mein Single-Leben richtig anzugehen habe: „Lad dir sofort eine Dating-App runter. Ablenkung ist das beste Heilmittel“ stand der Aussage „Lass dir Zeit mit Männern, du musst dich erst mal selbst kennenlernen“ gegenüber. Ich weiß bis heute nicht, was die richtige Entscheidung gewesen wäre, aber meine Neugierde nach Dating-Apps, die ich nicht mal von meinen Freundinnen kannte, siegte.

Ich entschied mich für Tinder und bin bis heute nicht von der Dating-App losgekommen. Fast 3 Millionen aktive Nutzer:innen hat Tinder monatlich in Deutschland. Über 60 Prozent davon sind Männer. Die Auswahl ist riesig. Und genau das ist das Problem: Selbst wenn mir eine Person gefällt, habe ich immer im Hinterkopf, dass noch ein besseres Match auf mich wartet. Und wenn mich meine langjährige Beziehung eins gelehrt hat, dann, dass ich weiß, was ich nicht will. Die Angst davor, wieder Jahre mit einer Person zu verbringen, die nicht die Liebe des Lebens ist, lässt mich umso wählerischer werden.

Die Dating Odyssee geht also weiter. Vor jedem Treffen mit Männern bin ich so aufgeregt wie vor dem ersten Date nach meiner Beziehung. Das liegt zum einen daran, dass natürlich jeder Mensch anders ist und ich nie weiß, was mich erwartet. Zum anderen aber auch daran, dass ich Angst habe, es könnte wieder nicht passen. Denn obwohl Tinder so viele User:innen hat, gilt es in meinem Umfeld als naiv, dort den Richtigen zu finden. Freundschaft Plus, etwas Unverbindliches oder das Ausleben von Fetischen scheint das Mantra meiner Generation geworden zu sein.

Jemanden ohne Dating-App kennenzulernen, scheint mir jedoch, gerade zu Zeiten der Corona-Pandemie, nahezu unmöglich. Ich habe das Gefühl, auf Tinder angewiesen zu sein. Das Swipen durch den Strom neuer potenzieller Partner, der nie versiegt, macht süchtig. Jedes Match gibt mir ein kurzes Glücksgefühl. Ich weiß, dass ich diese Sucht bekämpfen muss, um mich wieder voll auf eine Person einlassen zu können. Und das muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Sich entgegenzulaufen ist jedoch wesentlich schwieriger, als mit genügend Abstand nebeneinander herzulaufen.

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