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GESELLSCHAFT

Mediale Verantwortung und Corona: Versuch einer Selbstreflexion

Clickbait oder Neutralität? [Foto: Jacqueline Brinkwirth]

20.04.2020 13:30 - Jacqueline Brinkwirth

Gerade in Krisenzeiten sind Massenmedien wie Zeitungen, Radio und Fernsehen wichtige Quellen für Informationen. Doch die ständige, hochfrequente Verteilung von Nachrichten über die sozialen Netzwerke macht einen selektiven Konsum immer schwieriger. Welche Verantwortung tragen Medien in der derzeitigen Corona-Pandemie gegenüber Medienkonsument*innen? Der Versuch einer Selbstreflexion.

Eine Kolumne von Jacqueline Brinkwirth

Rückblick: Deutsche Medien berichteten am 31. Dezember 2019 erstmals über die Warnung chinesischer Behörden, dass in der Provinz Wuhan immer mehr Fälle einer mysteriösen Lungenkrankheit registriert würden.

Der Erreger war zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt, ebenso wie die globalen Ausmaße, die die Krankheit im Zeitverlauf annehmen würde. Rund vier Monate später wissen wir alle eines ganz sicher: Das Virus hat sich schnell verbreitet, die Nachrichten dazu noch schneller. Denn ein bemerkenswerter Nebeneffekt einer Pandemie ist die rasante Umstellung aller Medien auf Krisenmodus. Redakteur*innen und Korrespondent*innen wurden ins Home Office verbannt, Redaktionspläne umgeschmissen, Newsblogs eingerichtet und Sondersendungen aufgebaut.

Medienverantwortung

Warum es wichtig ist, dass Medienunternehmen in dieser Zeit ihre Berichterstattung auf die Pandemie fokussieren, leitet sich aus einer der grundlegenden Funktionen von Massenmedien ab: sie informieren. In modernen Demokratien gelten gemeinheim Pressefreiheit und Meinungsfreiheit, beide bedingen einander. Medien können ausreichende, umfassende und möglichst unvoreingenommene Informationen verteilen, sofern der Staat qua Gesetz nicht in die Berichterstattung eingreifen darf. Gleichzeitig können Menschen sich nur dann eine begründete Meinung zu einem Thema bilden, wenn ihnen ausreichende, umfassende und möglichst unvoreingenommene Informationen zur Verfügung stehen. 

Das Selbstverständnis von Medien begründet sich in dieser Vermittlungsrolle, die zwischen Staat und Medienkonsument*innen liegt. Das Fremdverständnis hingegen konzentriert sich häufig eher auf die Rolle der Medien als „Vierte Gewalt“ und drückt ein gesellschaftliches Unbehagen darüber aus, dass Journalist*innen und Medien ihren Einfluss auf die Meinungsbildung missbrauchen könnten. Dass Medien eine Öffentlichkeit schaffen, Missstände transparent machen und eine Gesellschaft aktivieren und mobilisieren können, trägt zu diesem Unbehagen bei. Doch an dieser Stelle wird auch deutlich sichtbar, welche Verantwortung Medien in Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie übernehmen. Sie schultern die Last, Menschen so gut wie möglich mit wichtigen, gerade sogar lebensnotwendigen Informationen zu versorgen. Sie müssen mobilisieren und Medienkonsument*innen fortwährend darauf hinweisen, wie verantwortungsbewusstes und solidarisches Verhalten in Corona-Zeiten aussieht. 

Pressefreiheit oder Panikmache?

Wie Medien das tun sollten? Durch bewusste Themensetzung und Filterung der Informationsfülle. Denn – und hier kommen nun die sozialen Medien ins Spiel – wir leben in einer Welt, in der so gut wie alle Informationen nur einen Klick weit entfernt sind. Ob diese Informationen richtig oder falsch, wahr oder unwahr sind, können die meisten Menschen nicht auf den ersten Blick erkennen. Deswegen müssen Journalist*innen in dieser Zeit noch genauer prüfen, welchen Informationen vertraut werden kann, selektieren, welche Informationen wichtig sind und welche Informationen zu Nachrichten werden müssen, um Medienkonsument*innen vor Fake News und Halbwahrheiten zu schützen.

Dass die Medien Panik verbreiten, scheint zu kurz gedacht zu sein. 

 

Das Problem dabei ist: Medien und Medienunternehmen in einer kapitalistischen Welt stehen unter dem Druck, Auflagen zu steigern, Zuschauer*innen zu halten, Hörer*innen zu begeistern. In Zeiten der Digitalisierung bedeutet dies, genug Klicks zu generieren, um das Überleben des eigenen Mediums und der eigenen Profession zu sichern. Dabei unabhängig zu bleiben, journalistischen Grundsätzen zu folgen und abseits von Konzerninteressen und politischen Lobbyist*innen zu arbeiten, ist unbequem und unsicher. Doch es ist unbedingt notwendig, um die Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit zu erfüllen. 

Besonders jetzt, da die Welt wie wir sie kennen durch die Corona-Pandemie gefährdet ist, sind Journalist*innen weltweit in der Pflicht, sich auf diese Verantwortung zurück zu besinnen und saubere journalistische Arbeit zu leisten. Das beinhaltet eine genaue Prüfung, ob bestimmte Informationen einen Nachrichtenwert haben oder einfach nur Wissen reproduzieren, das die Öffentlichkeit bereits hat. Man darf an dieser Stelle die Frage stellen, wie ernst einige Medienunternehmen diese Aufgabe in der momentanen Situation noch nehmen, wenn Facebook-Feeds minütlich mit neuen Artikeln zu Corona überflutet werden und reißerische Überschriften die Sinnhaftigkeit einzelner Nachrichten verschleiern. Es ist wichtig und richtig, zu hinterfragen, inwiefern einzelne Zeitungen diese Krise nutzen, um damit Geschäft zu machen und dabei vergessen, welchen gesellschaftlichen Zweck Massenmedien eigentlich erfüllen sollten. Dass die Medien Panik verbreiten, scheint zu kurz gedacht zu sein. Dass bestimmte Medien vielleicht einen Beitrag dazu leisten, dass Panik entsteht, könnte jedoch näher an der Wahrheit sein, als manche Journalist*innen zugegeben mögen. 

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