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GESELLSCHAFT

Loveparade-Prozess eingestellt

Die Erinnerungen an die Katastrophe prägen viele bis heute.

[Foto: RundschauDuisburg, flickr.com; CC BY-SA 2.0]

05.05.2020 13:21 - Sophie Schädel

Fast zehn Jahre ist das Unglück bei der Duisburger Loveparade jetzt her. Am 4. Mai wurde der Prozess eingestellt, der klären sollte, wer Verantwortung für die 21 Menschen trägt, die in der Massenpanik gestorben sind.

Am Duisburger Landgericht wurde am 4. Mai ein Mammutprozess geschlossen. Am Ende saßen von den zuerst zehn Angeklagten noch drei Personen auf der Anklagebank, bei denen das Gericht nur eine geringe Schuld vermutete. Sie und die Staatsanwaltschaft hatten der Einstellung des Prozesses zugestimmt. Ein großer Teil der 42 Nebenkläger*innen, Angehörige der Betroffenen, war ebenfalls dafür, auch wenn ihre Zustimmung formal nicht nötig gewesen wäre.

2010 zog die Loveparade als riesiges Technofestival durch Duisburg. Organisatorisch lief einiges schief, es kam zu einer Massenpanik. Für die vielen Raver*innen war auf einem Zu- und Abgang des Geländes zu wenig Platz, ein Gedränge entstand, Menschen versuchten zu fliehen. Als sich das Chaos lichtete, blieben 21 Tote und über 650 Verletzte zurück. Jahrelang wurde ermittelt, der Prozess erstreckte sich über 183 Verhandlungstage. Die Einstellung bedeutet, dass es wohl nicht mehr zu einem Urteil kommen dürfte; die gerichtliche Schuldfrage bleibt damit unbeantwortet.

Wie konnte es zu der Katastrophe kommen? Laut Gericht hat eine Reihe von Fehlern dazu geführt. Richter Mario Plein sah am letzten Verhandlungstag Probleme an den Punkten, an denen mit Vorrichtungen die Menschenmassen aufgelockert werden sollte: „Die Vereinzelungsanlagen und Schleusen waren nicht auf die erwartenden Personenmengen ausgerichtet. Zäune führten zu zusätzlichen Engstellen“, erklärte er. „Der Stau vor den Vereinzelungsanlagen war absehbar.“  Außerdem hätte es zur Abwicklung der Menschenmassen mehr Fläche geben müssen, so der Richter. „Stauungen waren vorhersehbar.“

Veranstalter oder Behörden – Wer war Schuld?

Schon vor der Loveparade gab es erste Probleme mit den Schutzvorkehrungen, Planungsfehler wurden gemacht. Die Polizei hatte laut dem Duisburger Gericht mit einem gestörten Funkverkehr zu kämpfen. Als sie die überlasteten Zugänge schließen sollte, waren ihre Kräfte anderswo gebunden, also konnte sie die Festivalcrew dort nicht unterstützen. Und dann kam es zur Panik, bei der die Menschenmasse sich in Wellenbewegungen hin- und herschob.

Der Vorwurf: fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung. 

Im Dezember 2017 begann das Gerichtsverfahren zunächst mit zehn Angeklagten: vier leitende Mitarbeitende des Veranstalters Lopavent und sechs Mitarbeiter*innen der Stadt Duisburg. Der Vorwurf: fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung. Wegen vermutlich geringer Schuld schieden schon im Februar 2019 ein Lovapent- und alle städtischen Mitarbeiter*innen ohne Auflagen aus. Die Anklagen gegen die übrigen Beschuldigten hätten gegen Einwilligung in eine Geldauflage ebenfalls eingestellt werden können, doch diese lehnten ab und spekulierten offenbar auf einen Freispruch.

Die Coronapandemie machte dem Prozess dann Anfang März 2020 einen Strich durch die Rechnung. Am 4. März wurde das letzte Mal verhandelt, dann kam eine Richterin in Quarantäne. Da das Gericht nicht absehen konnte, wann die Pandemie eine Fortsetzung des Verfahrens wieder zulassen würde, schlug es eine Einstellung vor. Die Staatsanwaltschaft stimmte zu. Es sei nun geklärt, wie es zu dem Unglück kommen konnte, so die Begründung. Am 27. Juli dieses Jahres hätte der Prozess ohnehin enden müssen, denn dann wäre die fahrlässige Tötung verjährt; und bis dahin rechnete ohnehin niemand mehr mit einem Prozessende.

Zufrieden dürfte jetzt niemand sein

Dass jetzt Schluss ist, steht in der Kritik. Die Anwält*innen von Nebenklage und Angeklagten kritisierten beispielsweise, dass ein Verkehrsexperte so nicht mehr befragt werden konnte. Sein 3.800 Seiten langes Gutachten konnte ebenfalls nicht mehr ins Verfahren eingeführt werden. Darin legte der Sachverständige dar, dass man das Unglück schon in der Planungsphase hätte verhindern können. Man hätte vorhersehen können, dass das Veranstaltungsgelände für die erwarteten Besucher*innenzahlen nicht ausreichte, so das Gutachten.

Durch das abrupte Prozessende könnte die Einstellung zivilrechtlich jederzeit neu aufgerollt werden. Außerdem brachte die Einstellung die Angeklagten um ihre Hoffnung auf einen Freispruch, wegen der sie in der Vergangenheit vor der Pandemie ein Angebot, den Prozess einzustellen, abgelehnt hatten. Sie sind zwar nicht schuldig gesprochen, aber ihre Unschuld wurde auch nicht gerichtlich beschieden. Ein sicherlich für alle Seiten unbefriedigendes Ende.

Jetzt doch: Loveparade-Katastrophe wird vor Gericht behandelt

Was der Stadt Duisburg einen Imagewechsel verpassen sollte, endete in einer Katastrophe mit 21 Toten und über 650 Verletzten. Die Loveparade-Tragödie jährt sich nun zum siebten Mal. Bislang gab es keine juristische Aufarbeitung. Die Entscheidung des Landgerichts Duisburg im vergangenen Jahr, keine Klage gegen zehn Beschuldigte zu erheben, wies das Oberlandesgericht Düsseldorf nun ab. Damit wird es doch zu einem Strafverfahren kommen.
 

Loveparade: Stößt das Strafrecht an seine Grenzen?

Nicht die Anzahl der Angeklagten, sondern der komplexe Fall behindert das Verfahren.
 

Loveparade: Keine Anklage gegen Beschuldigte

Mittlerweile ist es sechs Jahre her, dass 21 Menschen auf der Loveparade am 24. Juli 2010 auf dem Gelände des Duisburger Güterbahnhofs ihr Leben ließen. Über 650 weitere erlitten Verletzungen. Nachdem sich das Landgericht Duisburg zwei Jahre mit der Anklage gegen sechs Mitarbeiter*innen der Duisburger Stadtverwaltung und vier Beschuldigte des Veranstalters Lopavent auseinandergesetzt hat, steht nun fest: Der Prozess ist vorerst geplatzt.
 
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