Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Langsame Menschen

(Foto: mac)

Maren Wenzel

05.11.2018 11:51 - Erik Körner

Manche Menschen bewegen sich langsamer, manche schneller fort. Dass es irgendwann zu Situationen kommt, in denen beide Gruppen anecken, ist unausweichlich. Maren und Erik geben als Vertreter*innen beider Seiten einen Einblick, was sie am jeweils anderen Lager stört und machen deutlich, weswegen auch in Sachen Laufgeschwindigkeit nicht immer alles so ist, wie es scheint.

Marens Perspektive

Guten Tag, ich bin so ein „langsamer Mensch”. Andere würden sagen: Eine „Schnecke”, eine „Schleicherin”, eine „Trantüte”. Obwohl ich Mitte 20 bin. Das liegt daran, dass ich chronisch erkrankt bin. Manchmal schlurfe ich durch die Welt, weil ich müde bin, manchmal wegen Schmerzen, manchmal fehlt mir die Kraft. Jeder Tag ist anders. Aber das sieht man mir nicht an.

Kürzlich stand ich in Essen-Altenessen am U-Bahnsteig. Die Bahn fährt ein. Ich lande an der letzten Tür. Aus dem Augenwinkel heraus bemerke ich kurz vorm Einsteigen einen Schatten und werde Zehntelsekunden später umgerannt. Von einem schnellen Menschen Anfang 20, der noch den Zug kriegen will. Als ich mich aufgerappelt habe und mit ihm in der Bahn stehe, fordere ich ihn laut auf, sich zu entschuldigen. Stattdessen sagt er: „Alles gut.” Ich weise ihn darauf hin, dass für mich eben nicht alles gut sei. Er antwortet: „Du hättest auch schneller einsteigen können.” Der Punkt ist: Nein, hätte ich nicht. Aber ich bin mal wieder zu müde, um mich zu erklären. Stattdessen ärgere ich mich.

Ein anderes Beispiel: Wenn ich vom Essener Hauptbahnhof zur Uni fahre, dann fahre ich meist mit der Rolltreppe runter zum U-Bahnhof. Oft ist geschäftiges Treiben. Manchmal ist es so voll, dass man nebeneinander stehen muss und kein Platz ist für eine Schnellspur. Häufig drängen sich dann von hinten Menschen links die Rolltreppe runter statt die Steintreppen zu nehmen. Die Folge: Es wird gedrückt, geschoben, gehakelt. Für mich ist so ein Verhalten oft mehr als nur eine unsanfte Berührung, denn sie verursacht Schmerzen. Das haben die meisten nicht auf dem Zettel, wenn sie sich in Eile rücksichtslos verhalten und mich beiseite schieben.

Langsame Menschen sind für andere anstrengend. Das weiß ich, weil sie es mir sagen. „Wir müssen aber jetzt leider die Bahn kriegen!” - „Läufst du immer so langsam?” - „Liegt das an deiner Krankheit?” Das sind unangenehme Fragen. Denn sie bedeuten, dass ich mich erklären muss. Und das möchte ich nicht 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche lang tun. Die Krux an der Sache ist: Schnelle Menschen können rücksichtsvoll, aber langsame Menschen können nicht schneller werden. Habt einfach Nachsicht.

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Häufig hält unser Autor sich stillschweigend zurück. (Foto: ekn)

Eriks Perspektive

Mit einer Plastiktüte voller Pfandflaschen in meiner linken und meinem Handy in meiner rechten Hand stehe ich leicht genervt an der Bahnhaltestelle. Ein Blick auf den Bildschirm meines Telefons bestätigt meine Vermutung, dass meine Bahn mal wieder zu spät ist. Ich möchte doch nur einkaufen gehen, wie schwer kann es schon sein. Hilft alles nichts. Ich seufze, kapituliere und gehe zu Fuß.

Der Weg ist nicht allzu weit, allerdings weit genug, um die ausfallende Bahn zu verfluchen. Situationen wie diese konfrontieren mich mit einem noch größeren Problem, das regelmäßig meinen Alltag heimsucht: Menschen, die unverhältnismäßig langsam laufen. Damit meine Antipathie gegenüber langsamen Menschen mehr Sinn ergibt, muss ich etwas klären. Zwei meiner schlechtesten Eigenschaften sind Faulheit und Ungeduld. Ich gehe nur so häufig raus, wie ich muss. Wenn ich rausgehe, möchte ich alles möglichst schnell erledigen. Dementsprechend sensibel reagiere ich auf alles, was mich daran hindert.

Ich beziehe mich nicht auf Personen, die Bewegungseinschränkungen haben. Mir ist klar, dass ältere Menschen, offensichtlich Ortsunkundige oder anderweitig Verhinderte nicht mit meinem Tempo unterwegs sein können. Wenn aber jemand mit mir am Rheinischen Platz aussteigt und am Handy klebend zur Uni schleicht - zu allem Überfluss in der Mitte des Weges, sodass niemand vorbeikommt - ist das hochgradig belastend. Bewegt euch doch wenigstens am Rand des Weges, wenn ihr entweder gerne langsam geht oder nicht schneller gehen könnt. Ist ja auch euer gutes Recht. Möchtet ihr mit euren Freunden über das Wochenende reden, könnt ihr das auch problemlos in der Cafeteria tun, die buchstäblich drei Minuten von den Gleisen entfernt ist.

Ich bin kein Mensch, der auf Biegen und Brechen versucht, sich seinen Weg durch eine Menschentraube zu bahnen. Das hat für mich auch irgendwas mit Höflichkeit zu tun, zumal das ohne stärkeren Körperkontakt selten funktioniert. Häufig halte ich mich dann stillschweigend zurück.

Ob ich keine anderen Probleme habe? Doch, natürlich. Manchmal reichen aber einige wenige Tropfen aus dem Wasserhahn der kleinen Probleme, die das mit großen Problemen gefüllte Fass eines miesen Tages zum Überlaufen bringen.

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