Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Kriminell, arbeitslos und geistesgestört

(Foto: seg)

16.09.2018 12:31 - Julia Segantini

„Krass, hast du die gesehen?“ Bei stark tätowierten und gepiercten Menschen schauen viele Leute ein zweites Mal hin. Dass diese Art der Körperkunst Geschmacksache ist, ist klar. Darüber hinaus geht es allerdings, wenn diese Menschen diskriminiert oder weniger respektiert werden. akduell hat mit den Piercern Mike und Namru darüber gesprochen, welchen Vorurteilen sie aufgrund ihres Äußeren ausgesetzt sind. Zudem erklärt der Professor Erich Kasten, welche Gründe es geben kann, seinen Körper auf diese Weise verändern zu wollen.

Wenn Mike durch die Stadt läuft, ist er es gewohnt, dass Menschen stehen bleiben um ihn zu betrachten oder sich mehrmals nach ihm umdrehen. In Schubladen gesteckt wurde er schon häufig. „Viele denken ich sei kriminell, böse, arbeitslos oder sogar geistesgestört“, berichtet er. Unsinnig findet er dabei den scheinbaren Zusammenhang zwischen dem äußeren Erscheinungsbild und einer bestimmten Lebenssituation. Er werde oft provoziert, meist von Männergruppen. „Die rufen dann sowas wie ‚Tattoos sind scheiße‘ und wollen dann vor ihren Freund cool sein“, berichtet er genervt. Er würde solche Kommentare meist mit einem Spruch abtun und die Gruppe ansonsten ignorieren. Oft würden die Leute nur an ihm vorbei laufen und miteinander flüstern. Für viele sei nicht nachvollziehbar, warum man seinen Körper so stark verändern wolle und reagierten deshalb mit Ablehnung, vermutet er. Auch auf andere Weise wird er kategorisiert, zum Beispiel hätten Neonazis ihn schon mehrmals der Linkspartei zugeordnet. Zwar stört ihn die Zuordnung per se nicht. Wo sie einen Bezug zwischen seinen Tattoos und einer politischen Orientierung sehen, versteht er allerdings nicht.

„Klar habe ich keine Chance gegen eine Familie oder gegen einen netten Studierenden.“

Kein Zimmer und keine Privatsphäre

Aufgrund seines Äußeren sei er auch bei der Wohnungssuche benachteiligt. Als er nach Düsseldorf zog, suchte er mehrere Monate nach einem Zimmer und war acht Wochen lang wohnungslos. Auf viele Vermieter*innen hätten seine Gesichtstattoos abschreckend gewirkt. „Klar habe ich keine Chance gegen eine Familie oder gegen einen netten Studierenden. Die sehen mich und denken: ‚wie sollen die anderen Bewohner damit klar kommen‘“, ist er sich sicher. „Bei WG-Castings dachte ich, dass ich mehr Glück habe, weil die Leute jünger und offener sind. Das war aber nicht der Fall“, berichtet er.

Für ihn bedeutet seine Körperkunst sich selbst ausdrücken zu können. „Jeder hat eine Vorstellung von sich und seinem Körper. Meine sieht eben so aus, so gefällt mir das“, erklärt er. Er bekomme auch viel positives Feedback, gerade in sozialen Medien. Schon mehrmals hätten Fremde aber die Grenzen seiner Privatsphäre überschritten, hätten ihn unaufhörlich angestarrt, ihn ungefragt fotografiert und gefilmt. Es sei sogar vorgekommen, dass sie seine Tattoos ohne Erlaubnis berühren wollten. „Das ist wie im Laden, wenn du ein interessantes Buch siehst, greifst du danach. Es geht aber einen Schritt zu weit, wenn es zu sehr in deine Privatsphäre geht“, betont er.

Kein Auto und kein Konto

Das ungefragte Anfassen durch Mitmenschen hat auch die selbstständige Piercerin Namru erlebt. „Ich hatte schon ganz oft, dass Leute mir wegen meiner Dreadlocks in die Haare greifen“, berichtet sie. Nicht selten sei

Mit Diskriminierung kennt Namru sich aus. 
(Foto: Privat)

sie auch angegrabscht worden und dieses Verhalten mit Sprüchen wie „Ja, guck dich mal an“ gerechtfertigt. Nach ihrer Meinung hätten es

tätowierte Männer leichter, bei ihnen sei ein auffälliges Aussehen eher akzeptiert, vermutet sie. „Für eine Frau gehört es sich anscheinend nicht, sich selbst zu verwirklichen“, schlussfolgert sie. Auch sie werde von Fremden fotografiert, würde in solchen Fällen aber mit Erfolg die sofortige Löschung des Bildmaterials fordern.

Benachteiligung erfährt die Piercerin in vielen Situationen des täglichen Lebens. In Geschäften werde sie oft ignoriert und erst auf Nachfrage beraten, gerade bei größeren Anschaffungen. „Als wir uns letztes Jahr ein neues Auto kaufen wollten, haben sich die Verkäufer gewundert, dass wir uns das überhaupt leisten können“, erzählt sie. Als sie bei der Bank ein    Konto eröffnen wollte, habe man ihr gesagt, dass es leider keinen „Hartz-Vier-Rabatt“ gebe. „Zu dem Zeitpunkt war ich bereits selbstständig und habe ordentlich gewirtschaftet“, beschwert sich Namru. Die Diskriminierung ginge so weit, dass mit ihr sogar bei medizinischen Behandlungen anders umgegangen werde. „Ich lag mit einer Sepsis im Krankenhaus und dann meinten die zu mir: ‚So wie Sie ausschauen brauchen Sie sich nicht wundern, dass sie anders behandelt werden‘. Ich war da sogar privat versichert“, erinnert sie sich. „Die Gesellschaft ist definitiv noch lange nicht so weit wie sie sein müsste“, resümiert sie.

Tattoos als Therapie

Der Professor für Neuropsychologie an der Medical School Hamburg Erich Kasten hat untersucht, was Menschen dazu treibt, ihren Körper mit Piercings, Tätowierungen, Schmucknarben, Implantierung von Objekten oder sogar Spaltung von Körperteilen zu verändern. Die Vorurteile, die Mike und Namru erleben führt der Psychologe auf das alte Klischee von tätowierten und gepiercten Gefängnisinsass*innen, Seeleuten und Rockern zurück. Diese seien noch in den Köpfen der Menschen verankert, obwohl die meisten Körpermodifikationen längst kein Underground-Phänomen mehr seien. Um aufzufallen müsse man inzwischen immer krasser werden.

Aus der Masse herauszustechen sei aber nur einer von vielen Gründen für eine Körpermodifikation. „Traumatische Erlebnisse und psychische Belastungen können dadurch aufgearbeitet werden“, erklärt er. Zum Beispiel würden viele Borderline-Patienten, die sich selbst verletzen, dies weniger tun nachdem sie sich haben piercen lassen. Manche Leute ließen sich Symbole für Mut, Kraft oder Stärke tätowieren um dadurch diese Eigenschaften zu gewinnen. „Das hat auf jeden Fall eine therapeutische Wirkung“, ist sich der Psychologe sicher. „Man besteht eine Mutprobe und kommt mit mehr Stärke heraus weil man den Schmerz besiegt hat und man fühlt sich schöner“, erklärt er. Mike und Namru erleben dies täglich bei sich selbst und bei Kund*innen, bestätigen sie.

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