Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Krankheiten simulieren als Beruf

Maria hat Schauspiel in Zürich studiert und arbeitet mittlerweile im Ruhrgebiet. 17.10.2022 12:09 - Selome Abdulaziz

Maria ist Schauspielerin und hat mehrere Jahre als Simulationspatientin (akduell berichtete) an verschiedenen Hochschulen in Zürich gearbeitet. Was das Besondere an diesem Job ist und ob sie unangenehme Momente als Simulationspatienten erlebt hat, berichtet Maria im Interview. 

ak[due]ll: Wie bist du zu dem Beruf der Simulationspatientin gekommen?

Maria: Ich habe in Zürich Schauspiel studiert und eine Kommilitonin, die als Simulationspatientin arbeitete, erzählte mir davon. Ich fand es spannend, weil ich in dem Nebenjob endlich meine im Studium erworbenen Fähigkeiten anwenden konnte. Das Bewerbungsverfahren war lustig. Ich hatte zuerst ein Gespräch mit einer Dozentin, die Ärztin ist und mich über den Job aufgeklärt hat. Danach musste ich Depressionen simulieren. Sie gab mir einen Steckbrief mit Symptomen und typischen Verhaltensweisen und ging kurz raus, damit ich mich vorbereiten konnte. „Wenn ich wieder reinkomme, bin ich eine Ärztin“, sagte sie.

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Von Selome Abdulaziz in Lokales
 

ak[due]ll: Welche Krankheiten hast du gespielt und welche haben dir am meisten Spaß gemacht?

Maria: Das ist ganz unterschiedlich. Ich habe für Medizin-, Psychologie- und Pflegefachstudiengänge Krankheiten oder Familiensituationen simuliert. Ich habe mehrfach eine Person mit bipolarer Störung in einer manischen Phase oder Depressionen gespielt. In der Pflege ging es um familienzentrierte Gespräche. Da hatte ich den Fall, dass meine Mutter krebskrank ist und ich als Tochter nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Die Rolle der manisch-depressiven Person hat Spaß gemacht, weil es am meisten zu spielen gab. Die Rolle war sehr aktiv und hatte wechselnde Emotionen. Bei anderen Fällen beschreibt man im Spiel nur die Symptome und hat in der Rolle wenig Spielraum. Gleichzeitig war es   anstrengend, die Rolle der manisch-depressiven über einen langen Zeitraum zu spielen. Meistens spielt man zwei Stunden am Stück und macht dann eine Pause. Danach geht es weiter. Insgesamt spielt man acht Stunden das gleiche Krankheitsbild.

ak[due]ll: War es unangenehm für dich, eine Krankheit zu spielen?

Maria: Es ist ein ungewohntes Gefühl, weil mein Gegenüber natürlich weiß, dass die Situation nicht echt ist. Dennoch ist es keine Bühnensituation, sondern etwas zwischen Spiel und Realität. Ich spiele etwas, was ich nicht bin, aber mein Gegenüber soll nicht spielen. Mir macht es Spaß und ich finde es spannend, etwas über Krankheiten zu lernen und einen Blick in die medizinische Welt zu bekommen. Nach einem Acht-Stunden-Tag dachte ich am Ende des Tages manchmal wirklich, ich sei krank.

ak[due]ll: Wie sind die Studierenden mit der Simulationssituation umgegangen?

Maria: Je fortgeschrittener im Studium die Studis waren, desto ernster haben sie die Simulation genommen. In den ersten Semestern waren sie teilweise überfordert mit der Situation. Ich hatte aber das Gefühl, dass sie es ernst genommen haben und überrascht  waren, wie echt eine solche Situation wirkt. Bei Prüfungen gibt es auch Fälle, in denen eine Wunde oder Schweißperlen geschminkt werden oder in der man einen Schwangerschaftsbauch bekommt. Ich bekam Empfehlungen für Outfits, damit die Simulation möglichst glaubhaft wirkte.

ak[due]ll: Was waren besonders kuriose Momente?

Maria: Es gab einen merkwürdigen Moment in einer Prüfung, in der es eigentlich um Kopfschmerzen ging. Der Student wollte ausschließen, dass es neurologische Probleme waren. Ich sollte mich komplett ausziehen und auf einem Strich auf dem Boden vor- und zurücklaufen. Das wäre nicht notwendig gewesen. Es war ein junger Typ und ich habe mich unwohl gefühlt, in Unterhose halbnackt auf- und abzulaufen. Die Prüferin hat währenddessen  nichts gesagt. Sie meinte nur danach, dass es unnötig war. Wenn ich vorher gewusst hätte, dass ich mich ausziehen muss, wäre ich anders mit der Situation umgegangen.

Dann hatte ich eine gynäkologische Simulations-Untersuchung. Diese wurde nicht an mir durchgeführt, sondern es gab dafür ein Modell. Das war absurd: Ich musste mich hinter dieses Modell setzen und so tun, als hätte ich mich gerade ausgezogen. Für viele Studierende war das eine komische Situation, da sie nie eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt hatten und überfordert damit waren.

ak[due]ll: Darf man als Simulationspatient:in aus der Rolle fallen? Zum Beispiel in der vorangegangenen Situation, die du als unangenehm beschrieben hast?

Maria: Wir dürfen gar nicht aus der Rolle fallen. Bei einem Notfall könnte man abbrechen und bei Prüfungen gibt es eine Person in Reserve, falls jemand ausfällt.

ak[due]ll: Wie hat dir der Job insgesamt gefallen?

Maria: Sehr gut. Zum einen ist er gut bezahlt und ich fand ihn interessant. Ich habe etwas aus einem anderen Bereich dazu gelernt und es war immer abwechslungsreich. Jedes Simulationsgespräch ist anders und man lernt viele Menschen kennen. Im Pflegestudiengang fand ich es besonders spannend. Eine weitere Spielerin war dabei und hat mein Elternteil gespielt. Für die Studierenden ist das besonders spannend, weil es zwei Personen mit unterschiedlichen Zielen oder Wünschen gibt, auf die sie eingehen müssen. Auch ich beziehe mich beim Spielen auf zwei verschiedene Personen. Das war aufregend, weil jede Person die eigene Eltern-Kind-Beziehung kennt. Diese Beziehungsebene ist im Rahmen einer solchen Krankheit spannend zu spielen. Es gab echt schöne Momente mit meiner Spielmutter, die total berührend waren und mich mitgenommen haben.

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