Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Kontrolle bis zur völligen Erschöpfung

Lindas* Kontrollzwang hielt sie Nächtelang wach. [Foto: pixabay]

13.10.2021 08:32 - Mona Belinskiy

Früher hat Linda* mehrere Stunden des Tages damit verbracht, zu überprüfen, ob der Herd ausgeschaltet oder der Wasserhahn wirklich abgedreht ist. Kontrollgänge und Zwangsgedanken bestimmten ihren Alltag und raubten ihr den Schlaf. Auch wenn sie wusste, dass ihre Gedanken irrational sind, konnte sie sich dem Drang der Kontrolle nicht widersetzen. 

„Habe ich den Herd ausgeschaltet?“ – ein Gedanke, der vielen Menschen nach dem verlassen des Hauses schon mal in den Kopf geschossen ist. Für Menschen, die unter einem Kontrollzwang leiden, sind solche Gedanken unerträglich. Oft sind Betroffene viele Stunden des Tages damit beschäftigt, diese Gedanken zu überprüfen. Bei Linda hat der Kontrollzwang mit vierzehn begonnen: „Es hat angefangen mit dem Wasserhahn und dem Herd. Auf einmal hat mich beschäftigt, ob diese Dinge wirklich aus sind. Davon wollte ich mich dann noch mal überzeugen“, erzählt sie. Irgendwann hat diese einmalige Kontrolle aber nicht mehr gereicht: „Dann musste ich eben drei oder fünf Mal nachsehen. Ich habe mir selbst gesagt ‚Es ist aus, du hast es gerade gesehen‘, aber ich konnte es mir nicht mehr glauben.“ 

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Gefangen in der Wiederholungsschleife 

Dass Betroffene sich oft in einer Art Wiederholungsschleife gefangen fühlen, weiß die Kölner Psychologin Anna Feller. Durch wiederholte Kontrolle erhoffen sich die Betroffenen ein Sicherheitsgefühl, was aber nicht erreicht werden kann. Auch bei Linda wurden die Abstände zwischen den Kontrollgängen immer kürzer: „Ich habe immer mehr Zeit damit verbracht. Ich war nicht mehr zehn Minuten damit beschäftigt, sondern mehrere Stunden,“ erinnert sie sich. Irgendwann bestimmten die zeitraubenden Kontrollgänge Lindas Alltag. Das ist laut der Psychologin keine Seltenheit: „Die Störung beginnt meistens im frühen Erwachsenenalter und chronifiziert sich relativ schnell. Die Betroffenen erleben ihr Verhalten oft erst sehr spät als problematisch, weil solche Gedanken grundsätzliche erst mal jeder kennt.“

Bei Linda waren es die Nächte, in der sie die Kontrollgänge nicht mehr schlafen ließen. Da hat sie gemerkt, dass ihr Verhalten nicht mehr normal ist, erklärt sie. Sie wiederholte die Kontrolle von Ofen, Türschlössern und Wasserhahn bis zur völligen Erschöpfung. „Ich habe dann versucht, von den Dingen Fotos zu machen. Aber selbst das hat mich irgendwann nicht mehr überzeugt.“ Ständig war die Angst präsent, durch die eigene Nachlässigkeit eine Katastrophe hervorzurufen. „Besonders schlimm war es bei Sachen, die mit Feuer oder Strom zu tun hatten. Ich habe begonnen mich verantwortlich zu fühlen. Wenn ich das nicht kontrolliere und etwas schlimmes passiert, bin ich schuld“, erzählt Linda.  

Kontrolle kommt in Phasen 

Ein Jahr lang verrichtete sie ihre Kontrollgänge nachts unbemerkt in ihrem Elternhaus, bis ihre Mutter ihr zufällig in die Arme läuft. Mit ihren Eltern ging Linda zu einer Psychologin. Rückblickend war das die falsche Entscheidung: „Meine Eltern wollten das und es passierte in einer Phase der Pubertät, in der man alles negativ gesehen hat. Wenn es nicht von einem selbst kommt, dann führt es auch zu nichts.“

Heute ist Linda dreißig und die Kontrollzwänge nehmen nicht mehr so viel Raum in ihrem Alltag ein. „Irgendwann hat es langsam aufgehört, ich habe angefangen mit meiner Freundin darüber zu sprechen und mich selbst mehr mit der Krankheit beschäftigt“, erzählt sie. Laut Anna Feller sei eine vollständige Heilung dieser Symptomatik zwar eher selten, aber es könne gute und schlechte Phasen im Leben geben. Mittlerweile kann Linda in ihrem Zuhause wieder Kerzen anzünden und in guten Phasen kontrolliert sie den Herd nur noch einmal, bevor sie das Haus verlässt, sagt sie. 

                         *Name von der Redaktion geändert


 

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