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GESELLSCHAFT

Beziehungsweise

Können wir nicht einfach irgendwie zusammen sein?

18.11.2019 16:55 - Jacqueline Brinkwirth

Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten, eine Beziehung zu definieren, wie es Menschen auf der Welt gibt. Trotzdem wird in der Gesellschaft immer noch die klassisch monogame Beziehung zwischen zwei Partner*innen als erstrebenswert und normal angesehen. Warum es Mut erfordert, aus normativen Beziehungskonzepten auszubrechen, und gerade das so viel zufriedener machen kann.

Vanessa* ist 24 Jahre alt, als sie Alexander* kennenlernt. Die beiden verstehen sich auf Anhieb gut, sie lachen viel, haben tollen Sex miteinander und verbringen beinahe jede freie Sekunde zusammen.

Vanessa ist sich sicher: Das könnte etwas Großes mit den beiden werden. Sie reden oft darüber, wie gut sie sich miteinander fühlen. „Da wäre es einfach der logische Schritt gewesen, es auch fest zu machen. Dachte ich zumindest“, erzählt Vanessa.

Alexander macht jedoch früh deutlich, dass er nicht in einer festen, monogamen Beziehung sein möchte. „In vergangenen Beziehungen habe ich mich irgendwann einfach eingesperrt gefühlt und bin emotional geflüchtet. Meine Partnerinnen habe ich dann häufig wie den letzten Dreck behandelt. Ich habe ihnen die Schuld daran gegeben, in dieser Beziehung zu stecken, die mich am Ende nur unglücklich macht“, erklärt er. Manchmal ging er fremd, manchmal verschwand er einfach tagelang. Alle Partnerschaften zerbrachen am Ende an seiner vermeintlichen Unfähigkeit, eine Beziehung zu führen. „Ich habe mich gefühlt wie das größte Arschloch des Planeten, weil es nie funktioniert hat.“

Beziehung unter Druck

Für Alexander – wie für viele andere auch – scheinen klassische, geschlossene Beziehungen immer nur eine Weile lang Sinn zu ergeben. Danach passt etwas einfach nicht mehr, sei es sexuell oder auch zwischenmenschlich. „Wenn man zum dritten Mal erklären muss, dass man mal wieder eine Beziehung versiebt hat, fragt man sich natürlich, was mit einem selbst nicht stimmt“, beschreibt Alexander seine Gefühle nach einer Trennung.

Der gesellschaftliche Druck, eine Beziehung aufzubauen, die Bestand hat, vielleicht irgendwann sogar zu heiraten, wird ihm schließlich zu viel. Er entschließt sich, beim nächsten Mal nicht die gleichen Fehler zu machen und von Anfang an offen mit seinen Bedürfnissen umzugehen. „Das war mehr eine Trotzreaktion als alles andere“, erzählt er lachend. „Ich dachte mir einfach: Ich mache jetzt meine eigenen Regeln.“

Partnerschaft auf Augenhöhe

Als er Vanessa kennenlernt, verliebt er sich auf den ersten Blick. Eine feste Partnerschaft will er mit ihr trotzdem nicht eingehen – für beide eine gewöhnungsbedürftige Situation. „Ich dachte, er mag mich einfach nicht genug, um Sex mit anderen Frauen dafür aufzugeben. Aber darum ging es ihm gar nicht“, erinnert sich Vanessa. Denn nicht jede nicht-geschlossene Beziehung muss gleichzeitig auch nicht-monogam sein. Für beide ist das am Anfang ein Unsicherheitsfaktor, doch mit offenen Gesprächen und Geduld finden sie schließlich heraus, womit sie sich wohlfühlen.

Frei zu sein, bedeute eben nicht, das Leben ohne Rücksicht auf eine*n Partner*in zu führen.

Heute führen sie eine freiheitliche Beziehung. „Wenn mich jetzt jemand fragt, ob wir ein Paar sind, sage ich Nein. Dass wir zusammengehören, weiß ich aber trotzdem“, sagt Alexander. Für ihn ist die Beziehung zu Vanessa mehr als nur die Erfüllung eines sozialen Konstrukts. „Wir sind immer auf Augenhöhe, füreinander da und können beide noch unabhängige Individuen sein, ohne Angst haben zu müssen, uns eingesperrt zu fühlen. Das gibt mir mehr Sicherheit als alles andere.“ Sex mit anderen haben sie nicht, aber beide wollen ihre Beziehung in Zukunft auch dahingehend noch freier gestalten.

„Nur weil ich einen anderen Menschen sexuell anziehend finde, ändert das nichts an meinen Gefühlen für Alexander. Und weil er das genauso sieht, können wir beide frei entscheiden, ob wir mit Anderen schlafen wollen oder eben nicht“, meint Vanessa. Frei zu sein, bedeute eben nicht, das Leben ohne Rücksicht auf eine*n Partner*in zu führen, sondern die eigenen Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen und danach zu handeln. Für Vanessa und Alexander funktioniert das nun seit mehr als sieben Jahren.

* Namen sind der Redaktion bekannt

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